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ZMP Fachkongress 2021

Die Strukturen ändern, nicht die Menschen

Unser Handeln ist von Gewohnheiten geprägt, sagen Umweltforscher:innen. Deshalb müssen wir die Verhältnisse so verändern, dass wir auch ohne Nachdenken umweltverträglich handeln können.


Einige Menschen fahren mit dem Fahrrad auf dem schmalden Weg zwischen zwischen Bundeskanzleramt und Spree entlang.
Wenn die Menschen mehr Fahrrad fahren sollen, braucht es entsprechende Infrastrukturen. Aber die Politik muss auch das Autofahren unbequemer machen. (Foto: Michael Bußmann/​Pixabay)

Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, umweltfreundlicher zu leben? Vielleicht wollten Sie den Konsum von Fleisch- und Milchprodukten verringern, weil das weniger klimaschädliche Emissionen verursacht und weil Ihnen die wenig artgerechte Tierhaltung aufstößt?

Oder spielen Sie mit dem Gedanken, öfter mal das Auto stehen zu lassen und aufs Rad zu steigen? Umfragen haben wiederholt bestätigt, dass den Deutschen Umwelt- und Klimaschutz besonders wichtig ist.

64 Prozent der Befragten zählen Umwelt- und Klimaschutz zu den wichtigsten gesellschaftlichen Herausforderungen, heißt es in der Umweltbewusstseinsstudie des Bundesumweltministeriums aus dem vergangenen Jahr. 

Doch die hohen Zustimmungswerte spiegeln sich oft nicht im alltäglichen Handeln wider. So stören sich zwar 63 Prozent der Befragten an den Umweltbelastungen beim Einsatz von Pestiziden, dennoch kommt der Konsum von Bio-Produkten noch immer nicht aus der Nische. Gerade mal fünf Prozent beträgt der Bio-Anteil am gesamten Lebensmittelmarkt.

Das bestätigt auch eine Umfrage von Studierenden der Essener Hochschule für Oekonomie und Management (FOM) unter 18.000 Menschen. Danach hält der Großteil der Bundesbürger:innen zwar viele Maßnahmen zum Umweltschutz für wirksam, im eigenen Alltag bleiben Dinge wie der Konsum vegetarischer und veganer Lebensmittel oder von fair und nachhaltig hergestellter Kleidung allzu häufig auf der Strecke.

Deshalb müssen sich die Produkte im Laden ändern, fordert der Umweltwissenschaftler Michael Kopatz vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt Energie. "Wir haben 30 Jahre an die Vernunft der Leute appelliert, doch das Ergebnis ist sehr überschaubar", sagt Kopatz gegenüber Klimareporter°.

Appelle ändern nichts

Appelle bleiben nach seinen Erkenntnissen meist wirkungslos und delegieren dadurch die Verantwortung von der Politik an die Konsument:innen. Besonders drastisch zeige sich das bei der Klimakrise. "Die Lösung des Klimaproblems kann eben nicht jeder Einzelne selbst bewerkstelligen", meint Kopatz. Stattdessen müsse die Politik strategische Entscheidungen treffen und kollektive Probleme auf der politischen Ebene lösen.

Stellschrauben für klimafreundliches Verhalten

  1. Infrastrukturen schaffen und Verfügbarkeiten verbessern: Zum Beispiel erleichtern gut ausgebaute und sichere Radwege bei gleichzeitig beschränktem Parkplatzangebot die Entscheidung, das Rad zu nehmen.
     
  2. Standards setzen: Die Ökodesign-Richtlinie der EU schreibt eine Mindest-Energieeffizienz für Geräte vor.
     
  3. An den Kosten drehen: Wenn die Preise "die ökologische Wahrheit sagen", sind Bio-Lebensmittel nicht mehr teurer als konventionelle.
     
  4. Kulturelle und "Normalitäts"-Vorstellungen reflektieren: Wenn Fliegen nicht mehr als normal und akzeptabel gilt, fällt es leichter, statt des Flugzeugs die Bahn zu nehmen.
     
  5. Kompetenzen fördern: Viele wissen nicht, wie sie fleischlos gut kochen können, hier können Bildung und Informationen viel erreichen. 

So müssten beispielsweise Standards in der Tierhaltung angehoben und Vorgaben für eine ökologische Landwirtschaft gemacht werden. "Wenn Sie heute in einen Lidl gehen, dann ist die Schokolade in diesem Discounter fair gehandelt. Das Produkt an der Ladentheke hat sich geändert, ohne dass sich die Konsumenten darüber Gedanken machen müssen", gibt Kopatz ein weiteres Beispiel.

Weil menschliches Handeln größtenteils von Gewohnheiten geprägt ist, müssten Strukturen und Verhältnisse verändert werden, sodass es jeder und jedem Einzelnen – ohne Nachdenken – ermöglicht wird, umwelt- und klimaverträglich zu handeln. "Die meisten haben einfach ihre Alltagsroutinen und bewältigen ihren Alltag in einer bestimmten etablierten Form", sagt Kopatz.

Das sei auch beim Verkehr so. "Wenn man will, dass Menschen mehr Fahrrad fahren, dann muss man Strukturen schaffen, die dazu einladen, genau das zu tun." Beispielsweise durch von der Straße abgetrennte, als sicher empfundene Radwege. Man müsse aber auch das Autofahren unbequemer machen, so Kopatz. Auch hier sollten die Strukturen so verändert werden, dass es attraktiver wird, den Bus oder das Rad zu benutzen.

Klimafreundliches Verhalten muss "normal" werden, fordert auch Corinna Fischer vom Öko-Institut in Darmstadt. Es muss die leichtere, selbstverständliche Wahl werden. "Man sollte sich nicht aktiv dafür entscheiden müssen, sondern es sollte einfach das Nächstliegende sein", erklärt die Umweltpolitikforscherin.

"Harte" und "weiche" Maßnahmen kombinieren

Mit welchen Maßnahmen sich das erreichen lässt, hat Fischer mit einem Team vom Öko-Institut und weiteren Forschungseinrichtungen für das Umweltbundesamt untersucht. Ergebnis: Am wirksamsten ist es, "harte" Maßnahmen wie Ge- und Verbote oder positive und negative ökonomische Anreize mit "weichen" Maßnahmen wie Information und Bildung zu kombinieren.

Damit zum Beispiel die Mobilitätswende vorankommt, könnte ein Tempolimit von 120 Kilometern pro Stunde auf Autobahnen eingeführt und die bestehende Höchstgeschwindigkeit abgesenkt werden, etwa auf 80 km/h außerorts und 30 km/h innerorts.

Ein Bündnis aus Kommunen, Kranken- und Autoversicherungen, Umwelt- und Verkehrsverbänden sollte dann die Bevölkerung mit begleitenden Informationen versorgen – zum Beispiel, dass höhere Geschwindigkeiten auf vielen Strecken kaum Zeit einsparen und dass langsameres, entspanntes Fahren in der Stadt mehr Lebensqualität bringt.

Eine Kombination harter und weicher Maßnahmen empfehlen die Autor:innen auch, um die Ernährung der Deutschen klimafreundlicher zu machen.

Wurst- und Fleischwaren fallen unter den ermäßigten Mehrwertsteuersatz, allerdings sind die Intensivtierhaltungsmethoden und damit auch viele tierische Produkte besonders klimaschädlich. Allein durch den reduzierten Steuersatz werden tierische Produkte jedes Jahr mit mehr als fünf Milliarden Euro subventioniert. Besser wäre es, hier den vollen Steuersatz zu erheben.

Gleichzeitig sollte mehr über Fleisch und tierische Produkte sowie deren Umweltauswirkungen gesprochen werden. Informations- und Kommunikationsangebote sollten die Debatte vorantreiben.

Selbst einschneidende Veränderungen, wie sie beispielsweise notwendig sind, um die Klimakrise abzufedern, wären mit dem Ansetzen an den Routinen möglich – auch in kürzester Zeit, meint Kopatz. Auch für Umweltpolitikforscherin Fischer ist der Zeitfaktor ein Argument, sich auf das Ändern der Verhältnisse und Strukturen zu konzentrieren.

"Standards sind vielleicht die am schnellsten wirkende Maßnahme", sagt Fischer gegenüber Klimareporter°. Auch wenn sie politisch schwerer durchsetzbar seien und daher im Vorfeld lange Diskussionen bräuchten.

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