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Gegen die Plasteflut am Zulauf

Der "Plastikfischer" Boyan Slat arbeitet sich langsam an die Quellen der Verschmutzung heran: Dem Versuch, den Ozean zu säubern, folgt jetzt ein Projekt, um den Kunststoffmüll bereits in den Flüssen zu bekämpfen. Experten fordern das Sammeln und Recyceln an Land.


Luftaufnahme des Spezial-Katamaran zur Aufnahme von Plastikmüll aus Flüssen.
Das Spezialschiff "Interceptor" nimmt den an einer schwimmenden Barriere hängenbleibenden Müll auf – hier in der malaysischen Stadt Klang am gleichnamigen Fluss. (Foto: The Ocean Cleanup)

Von Rückschlägen lässt sich Boyan Slat nicht entmutigen. Die von dem jungen Niederländer gegründete Organisation The Ocean Cleanup will nun die Einleitung von Plastikmüll in die Weltmeere stoppen, die zumeist über Flüsse geschieht.

Entwickelt wurde dafür ein Katamaran mit Fangarmen. Das Spezialschiff mit dem Namen "Interceptor" (Abfangjäger) soll auf den Flüssen einsetzt werden. "Wir haben jetzt ein System, das Plastik einfangen kann", sagte Slat.

Der "Plastikfischer" ist durch sein Projekt bekannt geworden, mit dem er die Weltmeere von den gigantischen Müllstrudeln befreien will, die sich dort in den vergangenen Jahrzehnten gebildet haben. Mehrere Versuche mit den dafür konzipierten großen Müllfang-Anlagen im größten dieser Strudel – dem "Great Pacific Garbage Patch" – scheiterten jedoch zunächst.

Anfang Oktober meldete Slats Truppe dann einen ersten Erfolg. Das Aufsammeln der Teile aus dem Müllteppich habe geklappt, hieß es, allerdings offenbar erst mit kleineren Mengen.

Mit dem neuen Projekt will Slat das Problem nun näher an der Wurzel packen – bei der Einleitung. "Um das Plastik in den Ozeanen wirklich loszuwerden, müssen wir sowohl die Überreste beseitigen als auch den Zulauf stoppen, in dem wir verhindern, dass neues Plastik überhaupt in die Meere kommt", sagte er.

Einfang-Technik auch für Flüsse

Von dem neuen Spezial-Katamaran sind bisher vier Stück gebaut worden. Die Boote sind mit einer bogenförmigen Auffang-Einrichtung ausgerüstet, die den im Wasser schwimmenden Kunststoff-Müll auffängt. Pro Tag sei es möglich, damit 50.000 Kilogramm aus dem Wasser zu holen, was etwa einer Million Plastikflaschen entspreche, erläuterte Slat. "Unter optimalen Voraussetzungen könnten wir sogar das Doppelte schaffen", meinte er.

Die Entwicklung der Boote dauerte den Angaben zufolge vier Jahre. Sie werden mit Solarenergie betrieben, haben aber auch Akkus zur Stromspeicherung und können so 24 Stunden am Tag eingesetzt werden.

Slats Organisation plant, die neue Einfangtechnik innerhalb der nächsten fünf Jahren auf besonders belasteten Flüssen einzusetzen. Rund 80 Prozent des Plastikmülls gelangten über 1.000 der 100.000 weltweit existierenden Flüsse in die Ozeane, vor allem in Asien und Afrika, ermittelte sie in einer Studie.

Zwei der Katamarane sind laut der Organisation bereits in Indonesien und Malaysia im Einsatz, ein weiterer soll demnächst in Vietnam im Mekong-Delta "fischen". Der vierte "Interceptor", der jetzt in Rotterdam der Öffentlichkeit vorgestellt wurde, geht in die Dominikanische Republik, ein weiterer soll für Thailand gebaut werden. Auch mit dem Los Angeles County in Kalifornien gebe es Verhandlungen.

Problembehandlung an der Oberfläche

Slat, der inzwischen 25 Jahre alt ist, arbeitet bereits seit sieben Jahren an seiner Mission, die Weltmeere von Plastik zu säubern. Er schaffte es, unter anderem per Crowdfunding und durch Prominente Millionen an Spenden für sein Cleanup-Projekt einzusammeln.

Seine Organisation entwickelte zunächst U-förmige-, 600 Meter lange Fangarme, die, gesteuert durch die Meeresströmung, Plastikabfälle zusammentreiben und aufnehmen sollten. Doch die vor einem Jahr im Pazifik angelaufenen Tests scheiterten mehrfach. Hauptgrund: Die eingesammelten Plastikteile schwammen immer wieder aus den Fangarmen heraus.

Jährlich acht Millionen Tonnen Meeresmüll

Die weltweite Kunststoffproduktion beträgt rund 320 Millionen Tonnen jährlich. Im Meer landen davon laut UN-Umweltprogramm rund acht Millionen Tonnen. Nur 20 Länder sind dabei für rund 83 Prozent des nicht sachgemäß behandelten Plastikmülls verantwortlich. China steht in absoluten Zahlen an der Spitze, gefolgt von Indonesien, den Philippinnen, Vietnam und Sri Lanka. Als einziges Industrieland befinden sich die USA unter den Top 20, rechnet man alle Küstenländer der EU zusammen, kommen diese auf Rang 18.

 

Der Großteil des Plastiks in den Meeren wird laut einer Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung in Leipzig (UFZ) von nur zehn großen Flüssen weltweit "geliefert". Acht davon befinden sich in Asien: Amur, Ganges, Hai He, Huang He (Gelber Fluss), Indus, Mekong, Perlfluss, Yangtse. Die beiden restlichen Flüsse sind in Afrika: Niger und Nil. Gemeinsam ist allen diesen Flüssen: Sie sind sehr lang, an ihren Ufern liegen Megacitys mit insgesamt Hunderten Millionen Einwohnern, und das Abfallmanagement in den jeweiligen Ländern ist mangelhaft.

Erst eine Neukonzeption mit mehr Fangarmen und einem "Unterwasser-Fallschirm" brachte Anfang Oktober den ersten Erfolg. Slats Team sammelte größere Kunststoffteile ein, darunter Stühle, Helme und Netze, aber auch Mikroplastik bis hinunter auf die Größe von einem Millimeter.

Die Tests auf dem Meer sollen noch bis Dezember fortgesetzt werden. Sollten sie erfolgreich sein, will Slat mehrere dieser Fanganlagen bauen lassen. Das Konzept von The Ocean Cleanup sieht vor, dass das Plastikmaterial dann an Land gebracht und dort recycelt wird.

Andere Experten bezweifelten von Anfang an, dass Slats System wirklich so viel Plastik einsammeln kann, dass die riesigen Müllteppiche auf den Ozeanen tatsächlich beseitigt werden können, wie es das erklärte Ziel des Niederländers ist.

Kritisiert wird erstens, dass es immer wieder Plastikmüll-Nachschub gibt, und zweitens, dass ein Großteil des Kunststoffs mit seinem System gar nicht erfasst werden kann, weil der Müll sich unter Einwirkung von Sonne, Salzwasser und Wellengang zerreibt und als Mikroplastik in tiefere Wasserschichten sowie auf den Meeresboden sinkt.

Lösung wären Sammel- und Recyclingsysteme

Der Kritik im ersten Punkt will Slat offenbar mit seinem neuen Fluss-Projekt begegnen. Experten verweisen allerdings darauf, dass eine wirklich nachhaltige Lösung darin bestünde, in den Entwicklungs- und Schwellenländern effektive Sammel- und Recyclingsysteme für Plastik aufzubauen.

"Das ist machbar, in den Industrieländern ist das Standard", sagt zum Beispiel der Hydrogeologe Christian Schmidt vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig (UFZ).

Größte Einzelquelle für Meeresplastik ist nach einer UFZ-Studie der Fluss Yangtse in China, der allein bis zu 1,5 Millionen Tonnen pro Jahr ins Meer befördert. Zum Vergleich: Beim größten deutschen Fluss, der Elbe, sind es bis zu 570 Tonnen, ein Unterschied um den Faktor 2.600.

Einen "Vorteil" haben Slats Sammelschiffe allerdings: Sie einzusetzen geht schneller, als die Müllsysteme auf Vordermann zu bringen.

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