Elektroschrott schädigt Gesundheit im globalen Süden

Die rasant wachsenden Müllberge aus alten Geräten sind auch ein Risiko fürs Klima, ein neuer WHO-Bericht wirft aber Licht auf weitere fatale Folgen: Etwa 18 Millionen Kinder arbeiten im "informellen" Müllsektor in Ländern des globalen Südens, wo die ausgediente Elektronik oft landet – mit all ihren krankheitserregenden Giften.


Jugendliche verbrennen Elektroschrott auf der Müllhalde Agbobloshie in Accra, um an die Metalle zu kommen.
Auf der Müllhalde von Agbogbloshie, einem Stadtteil von Accra, verbrennen Jugendliche Elektroschrott, um Metalle zu gewinnen. (Foto: ISF Euskadi/​Flickr)

Halden von Elektroschrott. Dazwischen Menschen, auch Kinder und Jugendliche, die Computer, Bildschirme oder Handys auseinandernehmen. Oder Geräte und Kabel verbrennen, um an das wertvolle Kupfer darin zu kommen, und dabei giftige Gase einatmen.

Als 2018 erstmals Bilder von der Müllkippe Agbogbloshie in der ghanaischen Hauptstadt Accra weltweit in den Medien erschienenen, war der Schock groß. Doch Agbogbloshie ist kein Einzelfall, wie ein neuer Report der Weltgesundheitsorganisation WHO zeigt.

Weltweit arbeiten laut WHO-Schätzung etwa 18 Millionen Kinder im "informellen" Müllsektor in den Ländern des globalen Südens, zu dem auch die Elektroschrott-Entsorgung gehört. Die Chemikalien und Gase, mit denen sie dabei in Kontakt kommen, sind eine große Gesundheitsgefahr. Und die Schrottmengen wachsen.

Kinder in dem Sektor werden laut WHO oft von Eltern oder Betreuern mit dem E-Schrott-Recycling beauftragt. Der Grund: Ihre kleinen Hände sind besser geeignet als die von Erwachsenen, um Bauteile zu trennen. Kinder sind auch indirekt betroffen, weil sie in der Nähe von Recyclingplätzen leben, dort zur Schule gehen oder ihre freie Zeit verbringen. Hier herrschen oft hohe Konzentrationen giftiger Chemikalien.

Aber auch für Erwachsene bringt der unsachgemäße Umgang mit dem E-Schrott große Risiken. Dabei können laut WHO mehr als tausend Schadstoffe frei werden, darunter Blei, Quecksilber, Nickel, bromierte Flammschutzmittel und polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK).

Kinder sind jedoch aufgrund ihrer geringeren Größe, ihrer weniger entwickelten Organe sowie ihres Wachstums besonders anfällig für die Chemikalien. Sie nehmen im Verhältnis zur Körpermasse mehr Schadstoffe auf.

Zu den Folgen zählen: beeinträchtigte Lungen- und Schilddrüsenfunktion, DNA-Schäden, erhöhtes Risiko für einige chronische Krankheiten im späteren Leben, darunter Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Auch für Ungeborene sind die Risiken der WHO zufolge hoch, wenn Schwangere auf den Deponien arbeiten oder in der Nähe leben.

Illegaler E-Schrott ist auch ein Klimakiller

Den Umfang der Giftbelastung erläuterte Marie-Noël Bruné Drisse, die Hauptautorin des WHO-Berichts, so: Ein Kind, das nur ein einziges Ei eines Huhns isst, das auf der Agbogbloshie-Deponie lebt, nehme damit das 220-Fache des in der EU geltenden Tagesgrenzwerts für die Aufnahme von chlorierten Dioxinen auf.

Das unsachgemäße Management des Elektronikmülls sei ein wachsendes Problem, das viele Länder noch nicht als Gesundheitsproblem erkannt hätten. "Handeln sie jetzt nicht, wird das verheerende gesundheitliche Folgen für viele Kinder haben und den Gesundheitssektor in den kommenden Jahren stark belasten."

Tatsächlich steigen die E-Schrott-Mengen weltweit rasant an. Laut der Organisation Global E-Waste Statistics Partnership (GESP) umfassten sie 2019 rund 53,6 Millionen Tonnen, 21 Prozent mehr als 2014.

Zur Veranschaulichung: Diese Menge entspricht dem Gewicht von 350 Kreuzfahrtschiffen, die aneinandergereiht eine 125 Kilometer lange Schlange bilden.

Nur 17 Prozent des E-Schrotts landeten in Recyclinganlagen mit gutem Standard, der Rest wurde illegal entsorgt, überwiegend in ärmeren Ländern. Dabei gilt das ordnungsgemäße Sammeln und Recyceln von Elektroschrott als ein Schlüssel zum Schutz der Umwelt und zur Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen in dem Sektor. Laut GESP wurden mit dem recycelten Anteil von 17 Prozent 2019 rund 15 Millionen Tonnen CO2 vermieden.

Die WHO fordert wirksame Maßnahmen von Exporteuren, Importeuren und Regierungen, um eine umweltgerechte Entsorgung von Elektroschrott und damit die Gesundheit und Sicherheit der Beschäftigten, ihrer Familien und Gemeinden zu gewährleisten. Außerdem müsse die Herstellung langlebiger Geräte gefördert werden.

Der WHO-Report wurde jetzt auf einer internationalen Konferenz zu Chemikalien und Nachhaltigkeit in Berlin behandelt. Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) sagte dort: "Wir müssen dafür sorgen, dass Chemikalien so hergestellt werden, dass keine Risiken für die menschliche Gesundheit und die Umwelt davon ausgehen."

Die Grünen im Bundestag kritisierten: "Die Bundesregierung kapituliert vor dem illegalen Export von giftigem Elektroschrott aus Deutschland." Es brauche eine personelle Stärkung des Zolls, um wirksame Kontrollen durchzuführen und Gesetzesverstöße konsequent zu ahnden, sagte die umweltpolitische Sprecherin Bettina Hoffmann. Nötig sei außerdem ein internationales Chemikalienabkommen.

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