Das Klima und die Mordrate

Die Klimakrise könnte für mehr Konflikte auf der Welt sorgen – und zwar auch biologisch bedingt. Bei warmem Wetter produziert der Körper weniger vom Botenstoff Serotonin und Menschen werden tendenziell aggressiver.


Vor einem Plattenbau hängt ein Transparent mit der Aufschrift Klimaschutz ist kein Verbrechen
... im Gegenteil, er verhindert welche. Aber auch das hat vielleicht die Klimabewegung schon vorher gewusst. Im Bild eine Aktion, die den Justizminister von Brandenburg kritisiert. Die Staatsmacht war dort ziemlich aggressiv aufgetreten – im Winter. (Foto: Daniel Schäufele)

Hitze kann tödlich sein. Das Robert-Koch-Institut (RKI) schätzt, dass im Jahr 2018 allein in Berlin knapp 500 Menschen wegen der damaligen Hitzewelle gestorben sind. Das sind zwölf Menschen von 100.000.

Vor allem für sehr alte Menschen ist Hitze gefährlich. Ursachen für einen hitzebedingten Tod sind laut RKI Herzkreislaufstörungen, Nierenversagen, Atemwegserkrankungen und Schlaganfälle.

Es gibt allerdings noch eine weitere Todesursache, die bei Hitze gehäuft vorkommt: Mord.

Eine Studie aus Südafrika ergab, dass mit jedem Grad die Mordrate um 1,5 Prozent steigt. Noch schlechter können offenbar Finnen mit hohen Temperaturen umgehen. Nach einer dortigen Studie steigt die Mordrate sogar um 1,7 Prozent mit jedem zusätzlichen Grad Celsius.

Hitze kann Menschen aggressiv machen: Bei Demonstrationen "kommt es öfter zu Gewalt, wenn es wärmer ist", ist das Resultat einer Studie, die 7.000 Demonstrationen in den USA ausgewertet hat. Auch die Zahl der Selbstmorde liegt bei warmem Wetter höher als bei kaltem, ergab ein Vergleich, der zwölf Länder auf fünf Kontinenten umfasste.

Sogar für die Mitglieder von Drogenkartellen in Mexiko steigt offensichtlich die Gefahr ihrer Tätigkeit mit der Temperatur. Die Gewaltbereitschaft nehme zu, resümiert eine weitere Studie.

Aber auch einfache Verkehrsteilnehmer sehen sich zusätzlicher Aggressivität ausgesetzt. Es gebe einen "linearen Zusammenhang zwischen Hupen und steigender Temperatur", heißt es in einer Studie über Autofahrer in der US-Großstadt Phoenix. Besonders hupfreudig seien Fahrer mit offenem Fenster.

Selbst Journalisten sind nicht immun gegen Hitze. Bei den Olympischen Spielen in Peking im Jahr 2008 wurde die Sprache von US-Journalisten analysiert. Mit steigender Temperatur und Luftverschmutzung benutzten diese mehr "negative Wörter", wie eine Studie herausfand. "Die Resultate liefern einen Hinweis, dass die Entscheidungen von Journalisten von einer größeren Vielfalt an Faktoren beeinflusst sein könnten als ursprünglich gedacht."

Serotoninproduktion im Hochsommer besonders niedrig

Während der Zusammenhang zwischen Temperatur und Aggressivität also vielfach dokumentiert ist, besteht noch Forschungsbedarf hinsichtlich der Ursache. Vielen Menschen verdirbt warmes Wetter aber offensichtlich die Laune.

"Ein Tag mit Temperaturen über 32 Grad hat einen größeren Effekt auf das Wohlbefinden, als geschieden oder verwitwet (statt verheiratet) zu sein", verrät ein Artikel aus dem Journal of Happiness Studies. Umgekehrt müsse es uns im Winter am besten gehen: "Niedrige Temperaturen erhöhen die Zufriedenheit und reduzieren Müdigkeit und Stress."

Ein Grund dafür könne der Botenstoff Serotonin sein, heißt es in der Studie über Morde in Finnland. Dieser Botenstoff reguliert unter anderem den Blutdruck, die Wahrnehmung, den Schlaf und die Temperaturanpassung des Körpers.

Außerdem sorgt Serotonin für gute Laune: Der Stoff fördert ein Gefühl der Gelassenheit, inneren Ruhe und Zufriedenheit. Wie viel Serotonin der Körper produziert, hängt allerdings vom Wetter ab. Im Juli ist die Serotoninproduktion am niedrigsten und im Februar am höchsten.

Angesichts der Klimakrise lasse dies wenig Gutes für die Kriminalitätsstatistik erwarten, warnen die Autoren der finnischen Studie: "Ein Anstieg der durchschnittlichen Temperatur um zwei Grad würde die Rate an Gewaltverbrechen in nicht-tropischen Gebieten um mehr als drei Prozent erhöhen, wenn alle anderen Faktoren gleich bleiben."

Letzteres ist allerdings unwahrscheinlich.

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