Auslaufmodell weiße Weihnacht

Milde Winter sind wir in Mitteleuropa gewohnt, aber weiße Weihnachten werden mit dem Klimawandel wohl endgültig zur Rarität. Ohne Schnee können wir das Fest dann auch gleich im Sommer feiern. Das hat jede Menge Vorteile.


Stimmungsvoll beleuchtete Fachwerkhäuser und Tanne in einer kleinen Straße.
Allein die eingesparte Adventsbeleuchtung brächte eine dicke Gutschrift auf dem CO2-Konto. (Foto: Harke/​​Wikimedia Commons)

Jetzt geht das wieder los: Wo fahrt ihr über Weihnachten hin? Wir sind in Thailand, auf Barbados, in Teneriffa, in Kalifornien, auf den Malediven ... Sonne tanken, dem Weihnachtsrummel entfliehen, der lieben Familie, was sie so sagen, die Vielflieger. Ich hör mir das an und sag dann, wie immer, dass wir zu Hause bleiben, weil wir Weihnachten nicht zusammen mit irgendwelchen fremden Leuten verbringen möchten.

Weihnachten im Hotel: Haben wir einmal gemacht und nie wieder. Zwar nicht in den Tropen, sondern in Südtirol – es war trotzdem ein Alptraum. Die Gastwirtsfamilie sah sich genötigt, nach dem mäßigen Heiligabendmenü eine Art Feierstunde zu organisieren. Sehr früh, fast wie im Krankenhaus, weil man ja noch selbst feiern wollte.

Wir standen mit anderen Gästen verloren um einen Baum in der Lobby herum, hörten die Weihnachtsgeschichte, sangen ein paar Lieder und verzogen uns dann ins (ungeschmückte) Zimmer. Dort war noch viel Zeit totzuschlagen, man kaute auf mitgebrachten Plätzchen herum und schüttete Wein in sich hinein. Traurig war das. Nein, Weihnachten ist und bleibt ein Familienfest. Und da verreist man nicht, sondern bleibt zu Hause. Und hofft auf Schnee.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Man ist ja in Mitteleuropa mit seinem vorwiegend atlantischen Klima milde Winter gewohnt, aber der Klimawandel zeigt hier seine hässliche Fratze und macht weiße Weihnachten wohl endgültig zum Auslaufmodell. Schnee gibt's zwar prinzipiell noch, doch der kommt immer später, Ende Januar oder im Februar oder, wenn man ihn gar nicht mehr braucht, zu Ostern.

Ohne Schnee könnten wir Weihnachten auch gleich im Hochsommer feiern. Dass Heiligabend auf den 24. Dezember fällt, war dem Christkind nicht an der Krippe gesungen. Denn der Evangelist Lukas berichtet in seiner Version der Geschichte von Christi Geburt davon, dass die Hirten bei ihren Schafen wachten. Das deutet darauf hin, dass es die Zeit der Lämmergeburt war, also Frühsommer. In der weströmischen Kirche setzte sich der 25. Dezember als Weihnachtstag erst im vierten Jahrhundert durch. Möglicherweise wollten die Christen das heidnische Fest der Wintersonnenwende durch ein eigenes ersetzen.

Weihnachten im Sommer hätte jede Menge Vorteile, vor allem in ökologischer Hinsicht. Zunächst einmal müssten die Leute nicht mehr in ferne Länder fliegen, weil es im Sommer auch bei uns warm ist und womöglich in Zukunft noch wärmer wird. Man könnte an Heiligabend an den Starnberger See fahren, schön baden und abends auf dem Balkon die Bescherung machen. Fürs Weihnachtsmenü würde man den Grill anwerfen, dann wäre Papa beschäftigt und würde nicht rummosern, dass er wieder nur einen neuen Schlips geschenkt bekommen hat.

338 Kilo CO2

Die beliebten Weihnachtsmärkte könnte man auch in der warmen Jahreszeit veranstalten. Dann bräuchte man keinen schlecht schmeckenden Glühwein mehr zu trinken, weil man sich an der warmen Tasse nicht mehr die klammen Hände wärmen müsste. Und weil es im Sommer lange hell ist, vorausgesetzt die Sommerzeit wird nicht abgeschafft, könnte auf die ganze Weihnachtsbeleuchtung verzichtet werden, was eine dicke Gutschrift auf dem CO2-Konto brächte.

Die Fresserei an Weihnachten gehörte auch der Vergangenheit an, weil man, wenn es warm ist, nicht so viel Appetit hat, vor allem nicht auf Fettiges wie eine Weihnachtsgans. Da freuen sich die Tierschützer und die Muttis, weil sie während der Feiertage nicht mehr so sehr auf die schlanke Linie achten müssten. Und die Kinder müssen nicht vor der Glotze oder dem Computer aufs Christkind warten, sondern können draußen in kurzen Hosen herumtoben, bis der Baum geschmückt und die Gabentische vorbereitet sind.

Foto: Monika Höfler

Georg Etscheit

lebt als Autor und Journalist in München – und regt sich leidenschaftlich gern über die kleinen und großen Stressmomente des Alltags auf.

Apropos: Im Sommer wäre das weihnachtsbaumfähige Artenspektrum deutlich größer. Warum nicht statt einer pestizidbelasteten, importierten Nordmanntanne eine hübsch belaubte Birke aus dem heimischen Wald ins Weihnachtszimmer stellen? Diese "Pionierbäume" fallen bei Durchforstungen massenweise an.

Wer über einen Garten verfügt, könnte die Bescherung auch rund um die nutzlos auf dem Rasen herumstehende Blaufichte organisieren. Der Baum hätte jetzt endlich einen Zweck und ist unbegrenzt wiederverwendbar. Außerdem würde der Feinstaub der Kerzen sich nicht im Raum sammeln, sondern könnte ungehindert in die Atmosphäre entweichen.

Weihnachtsbäume sind ein massiv unterschätztes Umweltproblem. 2018 wurden allein in Deutschland fast 30 Millionen Stück gekauft und nach nur einmaliger Verwendung weggeschmissen. Wie die Zeitschrift Natur in ihrer Dezember-Ausgabe ermittelte, erzeugt ein Weihnachtsbaum inklusive Entsorgung während seines relativ kurzen Lebens immerhin drei Kilo CO2.

Ist zwar nicht sehr viel angesichts jener 338 Kilogramm des Klimakillers, die jeder Deutsche laut Natur durchschnittlich zum Fest beisteuert und schon mal gleich gar nichts im Vergleich zu satten 5,5 Tonnen eines feiertäglichen Fluges an den Strand von Phuket. Aber in der Krise ist jeder noch so bescheidene Beitrag willkommen.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier