Als der Kölner Dom unter Wasser stand

Mit einem Horrorszenario begann 1986 die Medienkarriere des Klimawandels. Profunde Berichterstattung dazu ist heute wichtiger denn je.


Hier ist der Kölner Dom bei Nacht zu sehen, im Vordergrund der Rhein
Der Kölner Dom – hier auf einem aktuellen Foto – steht noch nicht unter Wasser wie auf dem "Spiegel"-Cover von 1986. (Foto: Sven Gauditz/​Nicoografie/​Pixabay)

Der Kölner Dom steht in der Nordsee. Zur Hälfte überflutet, nur noch das Kirchendach und die Türme ragen aus den Fluten heraus. Das war das Spiegel-Cover, mit dem in Deutschland im Sommer 1986 die Medienkarriere des Themas Klimawandel begann. Die Macher des Magazins waren dabei nicht zimperlich. Sie riefen in Großbuchstaben "DIE KLIMA-KATASTROPHE" aus – Untertitel: "Ozon-Loch, Pol-Schmelze, Treibhaus-Effekt, Forscher warnen".

Auch im Text der Titelgeschichte des Magazins ging es, mit Blick auf das Jahr 2040, hochdramatisch zu: "Wissenschaftler hatten beizeiten gewarnt, Umweltschützer unermüdlich demonstriert. Schließlich hatten sogar die Politiker den Ernst der Lage erkannt – zu spät. Das Desaster, der weltweite Klima-GAU, war nicht mehr aufzuhalten. Jetzt, im Sommer 2040, ragen die Wolkenkratzer New Yorks weit vor der Küste wie Riffs aus der See. Überflutet, vom Meer verschluckt, sind auch Hamburg und Hongkong, London, Kairo, Kopenhagen und Rom."

Für Deutschlands einflussreichsten Klimaforscher der ersten Stunde, den Hamburger Professor Hartmut Graßl (78), war das damals der "Urknall" des Klimajournalismus, allerdings einer, der auch einige Flurschäden verursachte. Dass der Kölner Dom einmal im Meerwasser stehen könnte, ist zwar denkbar, allerdings ein unwahrscheinliches Extremszenario.

"Schmilzt alles Eis der Erde ab, erhöht das den Meeresspiegel um bis zu 70 Meter", erläutert der Experte. Da Köln im Schnitt rund 53 Meter über null liegt, könnte zumindest ein Teil des Doms auch einmal mit Nordseewasser in Berührung kommen. Doch eben erst in Tausenden von Jahren; so lange würde es dauern, bis auch die gigantischen Eismassen der Antarktis weggeschmolzen wären.

Und auch mit der Prognose, dass Hamburg und London ein halbes Jahrhundert später verschwunden sein würden, lagen die Autoren gewaltig daneben. Der Meeresspiegel ist seit 1986 im Schnitt um gut drei Millimeter pro Jahr angestiegen, also insgesamt rund zehn Zentimeter.

"Der Spiegel-Titel war zwar ein Weckruf", sagt Graßl, "aber auch stark übertrieben". Nachdem das Hamburger Magazin die Öffentlichkeit aufgerüttelt hatte, indem es ein erstes Memorandum der Deutschen Physikalischen Gesellschaft zum Thema Klimaveränderungen aufgriff und gar kräftig ausschmückte, reagierte die Politik schnell.

Der Bundestag setzte 1987 eine Enquete-Kommission ein, und bereits 1990 verkündete die damalige Kohl-Regierung ihr wegweisendes Ziel, die CO2-Emissionen bis zum Jahr 2005 um 25 Prozent zu senken. Das natürlich in Kenntnis des tatsächlichen Forschungsstandes.

Komplexes Thema verlangt guten Journalismus

Damit ist zugleich die Krux des Klimajournalismus beschrieben. Die Klimaveränderungen sind ein komplexer, mit menschlichen Sinnen nicht unmittelbar wahrnehmbarer Prozess. Ihre Folgen treten vor allem in großer räumlicher oder zeitlicher Entfernung auf.

Das heißt, sie treffen die ohnehin klimatisch benachteiligten Entwicklungsländer in Afrika und Asien stärker als die reichen Industriestaaten. Und sie treffen vor allem die nachfolgenden Generationen.

Das Bewusstsein, dass heutige Entscheidungen über den Ausbau der Öko-Energien, das Tempo der Kohleausstiegs oder zur Begrenzung des Luftfahrt-Booms die Lebenschancen der Enkel, Urenkel und der Kinder bestimmen, ist nicht automatisch da. Es muss erst geschaffen werden.

Die Medien seien deswegen "bedeutsam für die gesellschaftliche Wahrnehmung des Klimawandels", betont der Kommunikationswissenschaftler Mike Schäfer von der Universität Zürich.

Will sagen: Es braucht eine kenntnisreiche und sensible Vermittlung des schwierigen Themas, um nicht in der Tradition des Spiegel-Titels in Übertreibung oder aber umgekehrt in klimaleugnerische Entwarnung zu verfallen. Das bringt zwar Auflage und Quote, lässt Leser und Zuschauer am Ende aber ratlos zurück. Beispiel: die einschlägigen Bild-Schlagzeilen "Unser Planet stirbt!" versus "Die CO2-Lüge".

Der Klimawandel und die darin begründete Notwendigkeit eines kompletten Umbaus des Wirtschaftssystems – Stichwort Energiewende – sind inzwischen so wichtig, dass kein Medium sie mehr ausblenden kann. Der Umfang der Berichterstattung dazu hat nach Schäfers Untersuchungen etwa seit dem Jahr 2000 deutlich zugenommen.

Und der Fokus hat sich verschoben. In den 1990er Jahren lag er auf wissenschaftlichen Fragen, inzwischen eher auf den politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Konsequenzen. Das hat zur Folge, dass die Artikel und Sendungen inzwischen häufiger im Politik- und Wirtschaftsressort als in der Rubrik Wissenschaft zu finden sind.

Schäfer hat eine Reihe von "Frames" identifiziert, also Deutungsrahmen, in die das Thema verpackt wird. Gängig ist danach weiterhin, den Klimawandel als Katastrophe darzustellen, oft werden auch die Kosten der nötigen Anpassungsmaßnahmen betont, oder der Klimawandel wird als Antrieb für eine ökologische Modernisierung betrachtet.

Deutschsprachige Medien mit Nachholbedarf

Die Qualität der Klimaberichterstattung habe sich im Schnitt verbessert, urteilt Schäfers Kollege Michael Brüggemann von der Universität Hamburg. "Früher gab es oft das Muster der sogenannten ausgewogenen Berichterstattung. Dabei wurden immer ein Klimaforscher und ein Leugner des Klimawandels mit ihren Meinungen gegenübergestellt", so Brüggemann.

"Der Journalist glaubte, damit die journalistischen Standards erfüllt zu haben, obwohl die Leugner meist gar nicht in der Forschung aktiv waren." Das finde man heute in den meisten Medien nicht mehr, sagt der Professor gegenüber Klimareporter.

Allerdings gibt es weiterhin ein großes Manko. Die Berichterstattung über die Klimaveränderungen ist "ereignisgetrieben". Das heißt, sie läuft zwar auf Hochtouren, wenn der jährliche UN-Klimagipfel im Spätherbst ansteht oder wenn der Weltklimarat IPCC alle fünf bis sechs Jahre seinen neuen Report vorlegt. Dann "werden die Leser und Zuschauer zugeballert, und im Rest des Jahres läuft alles auf Sparflamme", kritisiert Michael Brüggemann.

Als leuchtendes internationales Beispiel gilt Brüggemann der Guardian. Die britische Tageszeitung hat den Klimawandel schon vor Jahren zum dauerhaften Schwerpunkt ihrer Berichterstattung gemacht.

In Deutschland könne man zwar auch "starken Klimapolitik-Journalismus" finden, vor allem in der Qualitätspresse, sonst aber eher online, zum Beispiel bei dem Rechercheportal Correctiv.

"Ich folge mit Spannung auch der Entwicklung von Klimareporter oder den Riffreportern. Solche Initiativen sind für die kontinuierliche Behandlung der Themen Klima und Energiewende ein großer Gewinn", meint Brüggemann.

Die Mehrzahl der deutschen Medien sei leider "nicht gut darin, innovativ, originell, in die Tiefe gehend und kontinuierlich über den Klimawandel zu berichten", kritisiert der Medienwissenschaftler.

Der Hamburger Experte hält es für notwendig, dass Verleger und Intendanten sich am Guardian-Modell orientieren. Gerade bei einem komplexen Thema wie dem Klimawandel sei es wichtig, genügend Kompetenz für die journalistische Vermittlung aufzubauen.

"Dafür braucht man gut ausgebildete Journalisten, die auch die Zeit haben, sich in die Materie hineinzuvertiefen." Die gebe es gerade bei vielen Regionalzeitungen leider kaum noch, und bei vielen privaten TV-Sendern und Radios habe es sie noch nie gegeben.

Redaktioneller Hinweis: Hartmut Graßl ist Mitherausgeber von Klimareporter. Zudem ist das Rechercheportal Correctiv einer unserer Kooperationspartner.

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