Hitze-Humbug bei Radio Eins – klimareporter°

Hitze-Humbug bei Radio Eins

Wenn sich schon das Wetter für die nächsten paar Tage nicht genau vorhersagen lässt, könne man erst recht keinen Klimawandel vorhersagen, postulierte der öffentlich-rechtliche RBB in einem Kommentar zur Hitzewelle. Liebe Mitmedienmacher: Können wir aufhören, das Ignorieren des wissenschaftlichen Sachstands als Meinung zu verkleiden?


Die Sonne scheint gleißend vom wolkenlosen Himmel herab.
Die Hitzewelle schwappt durch die Medien. (Foto: Alexander Paukner/​Pixabay)

Zugegeben, es macht manchmal Spaß, allein gegen den Rest der Welt zu sein. Nicht das wiederzukäuen, was alle sagen. Rebellin zu sein statt Mitläuferin. Das in Kombination mit dem Sommerloch mag dazu geführt haben, dass am Dienstag im Radio Eins vom öffentlich-rechtlichen RBB ein Kommentar mit dem Titel "Rekordtemperaturen – ein untrügliches Zeichen für den Klimawandel?" zu hören war.

Die Journalistin Ulrike Bieritz äußerte sich darin in drei haarsträubenden Minuten zur aktuellen Hitzewelle. Gleich im ersten Satz machte sie sich über "all die Düsternisbeauftragten dieser Welt" lustig. Die würden, behauptete Bieritz, Folgendes verbreiten: "Nur Ignoranten, Klimaleugner, Ewiggestrige und vor allem von der Auto- und Kohle-Industrie gebrainwashte Menschen wollen nicht wahrhaben, dass die Hitzewelle verbunden mit der Dürre Folgen des Klimawandels sind, vor denen doch schon so lange gewarnt wird." Panikmache unterstellt sie damit implizit.

Es ist wohl einer der ältesten Kunstgriffe beim Streiten: Fasse die Position des Gegenübers mit eigenen Worten zusammen und verfälsche sie dabei unauffällig bis ins Unzulässige. Sie dann zu widerlegen ist ein Kinderspiel.

Natürlich warnen zahlreiche Wissenschaftler, Politiker und Aktivisten seit Jahrzehnten vor dem Klimawandel und seinen Folgen. Und da die Erde sich seit vorindustrieller Zeit im Mittel schon um ein Grad erwärmt hat, ist rein physikalisch davon auszugehen, dass die gestiegenen Temperaturen auch heute schon Folgen haben.

Aber gibt es irgendjemanden, der davon spricht, dass diese einzelne Hitzewelle glasklar eine direkte Folge des Klimawandels ist? Schließlich gilt: Wetter ist nicht gleich Klima. Ein einzelnes Wetterereignis kann den Klimawandel weder belegen noch widerlegen.

Insofern hatte Bieritz völlig recht, als sie weiter sagte: "Tja, liebe Leute, sag' ich mal, das ist die bittere Wahrheit, das Wetter ändert sich, und zwar andauernd." Nur was sie damit offenbar nahelegen wollte, dass nämlich die Hitzewelle zwangsläufig auch nur eine normale Schwankung ist, folgt daraus eben nicht.

Der gezinkte Würfel

Wetter ist das, was wir jeden Tag erleben. Es regnet, es schneit, die Sonne scheint, es ist heiß, es ist mild, es ist kalt. Das Klima hingegen ist eine statistische Größe. Es beschreibt sozusagen das durchschnittliche Wetter über einen langen Zeitraum. Als übliches Maß gelten 30 Jahre.

Stark vereinfacht kann man das vielleicht am Beispiel eines Würfels erklären. Das Wetter ist dabei die Seite des Würfels, die gerade oben liegt. Sie gilt als zufällig. Trotzdem lassen sich statistische Aussagen darüber treffen, wie oft welche Seite im Mittel oben liegen wird, wenn man den Würfel tausendmal wirft. Das entspricht in dem Beispiel dem Klima.

Was wir heute erleben, ist im Grunde Folgendes: Wir haben beobachtet, wie Blei in den Würfel eingebaut wurde. Es gibt Wissenschaftler, die schon lange sagen, dass er wegen der Position und Menge des Bleis wohl häufiger auf die Sechs fallen werde. Nun fällt er auf die Sechs.

Ist dieses eine Mal ein Beweis für das Blei im Würfel? Nein. Heißt es, dass die Sechs mit einem normalen Würfel nie gefallen wäre? Natürlich nicht. Heißt es, dass nun ausnahmslos Sechsen fallen? Auch nicht. Aus alldem zu schließen, dass das Blei wohl keine Wirkung zeigt, ist aber widersinnig – vor allem, wenn sich die Sechsen tatsächlich häufen.

Es gibt eine noch recht junge wissenschaftliche Disziplin, die für bestimmte extreme Wetterereignisse versucht, den Anteil des Zufalls vom Anteil des Zinkens zu trennen – die Attributionsforschung. Detektiven gleich suchen die Wissenschaftler nach Indizien zu den Ursachen von Stürmen, Fluten und Hitzewellen.

Riesige Mengen von Beobachtungsdaten fließen dann in komplexe Computermodelle. Mit denen berechnen die Wissenschaftler, wie wahrscheinlich ein Wetterereignis war und wie wahrscheinlich es in einer Welt ohne die vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen gewesen wäre – und vergleichen dann.

Bei der Untersuchung der aktuellen Hitzewelle in Nordeuropa sind sie beispielsweise zu dem Schluss gekommen, dass der Klimawandel sie doppelt so wahrscheinlich gemacht hat. Selbst hier fehlt aber die von Bieritz unterstellte direkte Kausalität.

Die Dinos als "Beweis"

Der nächste Hammer in Bieritz' Kommentar ließ nicht lange auf sich warten. "Und auf die Heißzeit folgt dann auch irgendwann wieder die Eiszeit, hat's übrigens auch immer schon gegeben, sonst würden ja die Dinosaurier noch leben", so die Journalistin.

Sie argumentiert damit wie ein Kriminalinspektor, der wegen der bloßen Existenz natürlicher Todesfälle die Leiche mit dem Dolch im Rücken zu einem solchen erklärt. Und die Erwähnung der Dinosaurier kann nur Teil einer Art Verwirrungsstrategie sein.

Bieritz' Antwort auf die Frage, ob wir derzeit nun den Klimawandel erleben oder einfach einen warmen Sommer, kommt im Übrigen völlig ohne Studien oder auch nur Erklärungen aus: "Ich sag mal: Zuerst erst mal Sommer."

Als großes Finale stellte Bieritz dann eine rhetorische Frage: "Wie eigentlich wollen Experten, die nicht einmal das Wetter fürs kommende Wochenende exakt vorhersagen können, ganz genau wissen, wie das Klima der Erde in 100 Jahren aussieht?" Für Bieritz ist das "die Kernfrage".

Die ist schnell beantwortet. Das Problem bleibt dasselbe. Wetter und Klima kann man nicht einfach durcheinanderschmeißen. Die Experten, die manchmal nur leichte bis mittlere Schauer für dann doch sehr nasse Samstagabende vorhersagen, sind auch gar nicht die gleichen wie diejenigen, die auf Basis von Klimamodellen die globale Erwärmung durch menschengemachte Treibhausgase berechnen.

Ganz abgesehen davon, dass sowohl Wetter- als auch Klimamodelle in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zuverlässiger geworden sind: Meteorologen arbeiten trotz des thematischen Zusammenhangs mit anderen Methoden als Klimatologen. Mit gelegentlichen Fehlprognosen der einen die anderen zu diskreditieren, ist deshalb Unsinn.

Um noch einmal den Würfel zu bemühen: Das Ergebnis eines einzelnen Wurfs vorherzusagen, ist sehr schwer. Wenn man es doch versuchen wollte, müsste man die Ausgangsbedingungen ganz genau untersuchen. Welche Augenzahl liegt in der Hand oben, in welchem Winkel fällt der Würfel von der Hand, wie viel Kraft wird eingesetzt, wie viel Reibungswiderstand gibt es zwischen Würfel und Tisch? Geht es dagegen um die Prognose der nächsten 1.000 Würfe, können diese Details beiseite gelassen und die Methoden der Statistik angewendet werden.

Kein Recht auf eigene Fakten

Im Fazit: Bieritz ignoriert in ihrem Kommentar an etlichen Stellen den wissenschaftlichen Sachstand zum Klimawandel, ob nun aus Unwissen oder Berechnung. Das ist auch fast schon egal, wichtiger ist etwas anderes. Warum hat die Radio-Eins-Redaktion überhaupt einen Kommentar darüber bestellt oder angenommen, ob der heiße Sommer nun ein Symptom des Klimawandels ist oder nicht?

Ein Kommentar ist schließlich ein Meinungsbeitrag. In dieser Frage kann es aber gar nicht um Meinungen gehen, sondern um Wissen oder – wenn die wissenschaftlichen Erkenntnisse noch nicht so weit sind – um den Umgang mit dem Nichtwissen. Und während natürlich jeder und jede ein Recht auf die eigene Meinung hat, kann niemand eigene Fakten für sich beanspruchen.

Dass manche Redaktionen immer noch krampfhaft versuchen, Pro und Kontra zum menschengemachten Klimawandel zu liefern, ist fatal. Es erweckt den Anschein, als sei in dieser Frage noch alles ungeklärt. Eine Debatte über das Stattfinden des Klimawandels und die grundlegenden Ursachen gibt es jedoch in Wissenschaftskreisen seit vielen Jahren nicht mehr, auch wenn über Details natürlich weiter gestritten und an den Methoden immer weiter gefeilt wird.

Objektivität im Journalismus kann nicht bedeuten, dass jeder noch so verquere Gedanke zu jedem Thema Erwähnung findet. Das trägt nicht dazu bei, die Öffentlichkeit zu informieren. Es stiftet Verwirrung und Unsicherheit.

Also, liebe Mitmedienmacher: Lasst uns damit aufhören, das Bestreiten von wissenschaftlichen Erkenntnissen als Meinung zu verkleiden! Ansonsten können wir demnächst Verschwörungstheoretiker zu Wort kommen lassen, die vor der Gefahr warnen, beim Bootfahren von der Erdscheibe zu fallen.

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