Klimakrise als Inflationstreiber

Eine Greenpeace-Studie sieht zunehmende Risiken für die Preisstabilität durch mehr Hitzewellen und Überflutungen. Der CO2-Aufschlag sorgt für zusätzlichen Preisdruck. Die Autoren sehen die Europäische Zentralbank am Zug.


Die Hochhäuser der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main.
Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main: Die EZB soll den Klimawandel stärker berücksichtigen, sagen Ökonom:innen. (Foto: Epizentrum/Wikimedia Commons)

Die Inflationsraten im Euro-Raum steigen. Mit einer Preissteigerung von 3,9 Prozent im August wurde in Deutschland der höchste Anstieg seit 1993 verzeichnet. Die meisten Ökonomen gehen zwar davon aus, dass sich die Inflationsrate 2022 wieder zwischen zwei und drei Prozent einpendelt. Ob das wirklich so kommt, ist aber ungewiss.

Kaum auf dem Schirm haben die Expert:innen allerdings ein weiteres, langfristiges Inflationsrisiko: den Klimawandel.

Die fortschreitende Erderwärmung bedeute "eine akute Gefahr für die Preisstabilität und damit auch für das Kernmandat der Europäischen Zentralbank". Zu diesem Ergebnis kommt eine gemeinsame Studie der Umweltorganisation Greenpeace, des Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin und der SOAS University of London.

Die Studie analysiert die Folgen von Naturkatastrophen wie Überschwemmungen, Dürren und schweren Stürmen auf die Preisentwicklung im Euroraum. Deren Häufigkeit und Schwere hat, bedingt durch den Klimawandel, im letzten Vierteljahrhundert bereits deutlich zugenommen. Betrachtet wurden die Extremereignisse in Europa seit 1996.

Laut der neuen Analyse lassen sich Einflüsse von Naturkatastrophen auf die Inflation bereits nachweisen. Insgesamt sei der Effekt zwar noch moderat, heißt es in der Studie, in bestimmten Sektoren allerdings bereits deutlich nachweisbar. Ein Beispiel sind die Preise von Nahrungsmitteln und Getränken, die etwa aufgrund von Hitzewellen und Dürren ansteigen.

Die Ökonomen warnen, dass sich diese Entwicklung angesichts zunehmender Extremwetterereignisse, mit denen in Zukunft zu rechnen sei, noch verstärken wird. Gleichzeitig sorgten aber auch die Maßnahmen zur Eindämmung der Klimakrise wie beispielsweise die CO2-Bepreisung für zusätzlichen Preisdruck.

Die Bundesregierung hat in diesem Jahr einen CO2-Aufschlag für die Sektoren Verkehr und Heizung von 25 Euro pro Tonne des Treibhausgases eingeführt, der zum Beispiel den Liter Sprit um rund sieben Cent verteuert. Der CO2-Preis steigt nach den bisherigen Plänen bis 2025 auf 55 Euro.

EZB soll Geldpolitik am Klimaziel ausrichten

Die DIW-Ökonomin Jana Wittich kommentiert: "Die Studie macht klar, dass die klimabedingte Zunahme von verheerenden Extremwetterereignissen wie jüngst im Ahrtal und an der Erft nicht nur Leib und Leben gefährden, sondern auch die Preisstabilität."

Die Schäden durch die Flutkatastrophe vom Juli werden auf einen zweistelligen Milliardenbetrag geschätzt. Es wird erwartet, dass die zusätzlichen Aufträge für Handwerk und Bauindustrie zum Wiederaufbau einen preistreibenden Effekt haben werden.

Die Europäischen Zentralbank (EZB) müsse in ihrem ureigenen Interesse an der Dekarbonisierung der Wirtschaft mitwirken, so Wittich, die Co-Autorin der Studie ist.

Die Ökonomen halten es für notwendig, dass die EZB ihre geldpolitischen Operationen so ausrichtet, dass sie dem Ziel der Klimaneutralität dienen. Sie schlagen dazu mehrere Schritte vor. So müsse die EZB die Auswirkungen aller geldpolitischen Instrumente auf das Klima bestimmen ("Klima-Fußabdruck").

Zudem müsse sie zukünftig die Klimaschädlichkeit von Unternehmen, deren Anleihen sie kauft oder als Sicherheit akzeptiert, verpflichtend offenlegen. Weiter bedürfe es "neuer Schlüsselprinzipien für die Gestaltung der Geldpolitik, die im Gegensatz zur Marktneutralität mit dem Ziel der Klimaneutralität übereinstimmen". Außerdem seien aufsichtsrechtliche Vorschriften für Banken im Sinne der Klimaneutralität erforderlich.

Der Greenpeace-Finanzexperte Mauricio Vargas sagte: "Ökonomische Stabilität kann es ohne ökologische Stabilität nicht geben – das gilt auch für das EZB-Mandat der Preisstabilität". Wer bei der EZB einen Zielkonflikt zwischen Klimaschutz und der Wahrung von Preisstabilität vermute, verkenne die ökonomischen Fakten. Die EZB sei gefordert, ihre Maßnahmen an den Erfordernissen der Klimaneutralität auszurichten.

Tatsächlich hat sich die EZB bei dem Thema seit Amtsantritt ihrer Präsidentin Christine Lagarde schon bewegt. So hat die Bank einen Aktionsplan verabschiedet, um in der Geldpolitik den Klimawandel ausdrücklich zu berücksichtigen. Ein detaillierter Plan dazu soll im nächsten Jahr vorgelegt werden.

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