Blackrock sieht hohes deutsches Klimarisiko

Bei deutschen Bundesanleihen sieht der US-Vermögensverwalter Blackrock ein überdurchschnittliches Klimarisiko. Das könnte Deutschlands Zinskosten erhöhen.


Porträtaufnahme von Olaf Scholz.
Hat da jemand "untergewichtet" gesagt? Bundesfinanzminister Olaf Scholz hat sich das mit den Green Bonds vielleicht etwas anders vorgestellt. (Foto: Franz Sauerteig/​Pixabay)

Deutschland sieht sich beim Klimaschutz gerne als Vorreiter. Die US-Fondsgesellschaft Blackrock sieht das allerdings anders.

Der weltweit zweitgrößte Vermögensverwalter hat soeben ein Papier an die Frankfurter Börse gebracht, in dem deutsche Staatsanleihen wegen überdurchschnittlicher Klimarisiken untergewichtet werden. Das Papier bündelt Staatsanleihen von mehreren Euro-Ländern.

Normalerweise werden in solchen "Exchange Traded Funds" (ETFs) die Länder nach der Größe des Marktes für ihre Staatsanleihen gewichtet. In diesem Fall wäre der Fonds zu 18,7 Prozent in deutsche Anleihen investiert.

Doch Blackrocks neues Papier berücksichtigt auch die verschiedenen Klimarisiken, denen die Länder ausgesetzt sind. Das führt dazu, dass Deutschland untergewichtet wird. Nur zwölf Prozent des Geldes gehen ans deutsche Finanzministerium.

Fondsmanager Brett Olson von Blackrock versteht das durchaus als Warnung: "Staatliche Schuldner sehen sich zunehmendem Druck ausgesetzt, Nachhaltigkeitskriterien zu erfüllen."

Das Blackrock-Papier beruht auf einem Index von FTSE Russell. Dieser berücksichtigt drei Klimafaktoren:

  • Beim "physischen Risiko" werden mögliche Schäden durch Überschwemmungen oder Stürme bewertet, weswegen die tief liegenden Niederlande hier besonders schlecht abschneiden.
  • Beim "Transformationsrisiko" wird gemessen, wie weit ein Land von einem Treibhausgas-Emissionspfad entfernt ist, bei dem die Klimaerwärmung auf zwei Grad begrenzt werden kann. Hier schneidet Deutschland wegen der hohen CO2-Emissionen schlecht ab.
  • Und schließlich wird bei der "Resilienz" geprüft, wie gut ein Land auf die beiden Klimarisiken vorbereitet ist.

Dies hat zur Folge, dass Deutschland, die Niederlande, Spanien, Belgien und Irland untergewichtet werden. Am stärksten fällt das bei den Niederlanden ins Gewicht, deren Anteil im Fonds von 4,8 Prozent auf 0,22 Prozent durch die Berücksichtigung von Klimarisiken fällt.

Umgekehrt werden Frankreich, Italien und Finnland übergewichtet. Diese drei Länder haben Pro-Kopf-Emissionen, die deutlich unter den deutschen liegen. Damit sind sie näher bei einem Zwei-Grad-Pfad, und die erforderlichen Anpassungen der Wirtschaft sind geringer.

Deutsche Zwillingsanleihen machen Effekt messbar

FTSE Russell zufolge ist der klimagewichtete Index zu 26 Prozent besser auf den Zwei-Grad-Pfad ausgerichtet als der Referenzindex, der die Klimafaktoren außen vor lässt.

Praktisch bedeutet das: Wer einerseits in Euro-Staatsanleihen investieren will und andererseits ein möglichst klimafreundliches Portfolio anstrebt, kauft sich das neue Blackrock-Papier. Das hat zur Folge, dass die Nachfrage nach deutschen Anleihen geringer ausfällt und die Finanzierungskosten für den deutschen Staat steigen.

Dieser Effekt ist messbar. Ironischerweise liefern ausgerechnet die "grünen Anleihen", die Deutschland erstmals im September ausgegeben hat, dafür den Beweis. Diese waren ein voller Erfolg. Ursprünglich sollten nur "Green Bonds" über vier Milliarden Euro ausgegeben werden. Die Anleger orderten dann aber gleich 33 Milliarden. Daraufhin wurde das Volumen auf 6,5 Milliarden aufgestockt.

Damit dürfte sich Deutschland auf einen Schlag als "Benchmark-Emittent im Euroraum" etabliert haben, wie von Finanzstaatssekretär Jörg Kukies erhofft.

Der Clou bei den deutschen Grünschulden ist, dass sie als Zwilling einer herkömmlichen Anleihe konzipiert sind: null Prozent Zinsen, zehn Jahre Laufzeit. Dadurch ist ein direkter Vergleich zwischen diesen beiden Anleihen möglich: Am 22. Oktober kostete die grüne Version 106,20 Euro und die normale Version 105,95 Euro.

Mit beiden Papieren verlieren die Anleger also Geld, wenn sie die Papiere bis zum Verfall im Jahr 2030 halten – einmal 6,20 Euro und einmal 5,95 Euro. Das Vergnügen, mit deutschen Anleihen Geld zu verlieren, ist den Investoren folglich 25 Cent mehr wert, wenn die Anleihen grün sind. Das ist vier Prozent mehr als bei normalen Papieren.

"Ein grünes Label für einige Anleihen macht den Rest brauner"

Das Interesse der Anleger an einem klimafreundlichen Portfolio muss Bundesfinanzminister Olaf Scholz noch nicht um den Schlaf bringen. Zu denken geben, sollte es ihm aber schon, denn die Ausgabe von grünen Anleihen hat einen unerwarteten Nebeneffekt.

Diesen beschrieb Mark Dowding von der Londoner Vermögensverwaltung Bluebay gegenüber der Financial Times so: "Indem man ein paar Anleihen ein grünes Label gibt, macht man den Rest der Schulden ein wenig brauner."

Die Bundesregierung investiert dieses Jahr 12,7 Milliarden Euro in Ladestationen für Elektroautos, Wasserstoff-Pilotanlagen oder Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern. Wenn diese nun über gesonderte Anleihen finanziert werden, verschlechtert sich automatisch die Klimabilanz des verbleibenden Projektportfolios.

Wie groß dieser Effekt ist, wollte oder konnte das Bundesfinanzministerium trotz zweimaliger Anfrage aber nicht sagen. Klimabewussten Anlegern dürfte der Effekt aber durchaus bekannt sein.

Angesichts von Deutschlands Schulden auf Bundesebene von 1,35 Billionen Euro fallen schon kleine Änderungen der Zinsen ins Gewicht: Ein Anstieg um 0,1 Prozentpunkte entspricht 1,35 Milliarden pro Jahr, die man für anderes ausgeben könnte.

Vor diesem Hintergrund ist auch die Untergewichtung im neuen Blackrock-Fonds relevant. Die Botschaft der Märkte ist somit klar: Wie die grünen Bundesanleihen zeigen, wollen die Märkte mehr Klimaschutz, und der Blackrock-Fonds zeigt, dass Deutschland hier nicht als Vorreiter gilt.

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