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Katastrophe mit Ansage

Zehntausende Brände wüten im Amazonasgebiet und es werden immer mehr. Wie ist das möglich? Schon seit Jahren gibt es Warnungen, dass das Ökosystem Regenwald seine Belastungsgrenzen erreicht hat. Ein Überblick über die wichtigsten Studien.


Flacher Fluss auf steinigem Bett vor dichtem Amazonas-Regenwald
Zehntausende Brände wüten im Amazonasgebiet und es werden immer mehr. (Foto: Kathrin Henneberger)

Die Zahl der Brände im Amazonas-Regenwald steigt immer noch an. Allein in Brasilien kamen in den letzten 48 Stunden laut Inpe, dem Weltraumforschungsinstitut des Landes, fast 2.800 neue Feuer dazu.

Seit Jahresbeginn gab es somit mehr als 79.500 Waldbrände in Brasilien. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2018 waren es rund 43.700.

Auch in den Nachbarländern wüten Tausende Feuer. Laut den aktuellen Inpe-Zahlen sind es – jeweils von Jahresbeginn an gerechnet – in Venezuela 26.500, in Bolivien 18.400, in Kolumbien 14.300, in Paraguay 10.300 und in Peru 6.200.

Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro, der die Brandkatastrophe wochenlang kleingeredet hat, schickt nun zwar 43.000 Soldaten zum Feuerlöschen ins Amazonasgebiet und will gegen die Brandstifter vorgehen. Doch er selber war es, der Bauern und Viehhalter überhaupt erst ermutigt hat, massenhaft Brände zu legen, um noch mehr Land für Rinderhaltung und Sojaplantagen zu gewinnen.

Seitdem Bolsonaro im Januar sein Amt antrat, hat er den Etat der Umweltbehörde drastisch zusammengestrichen und damit sogar die Kürzungen übertroffen, die US-Präsident Donald Trump in seinem Land beim Umweltbudget durchgesetzt hat.

Auflagen wurden gelockert, Vertreter des Agrarbusiness in Leitungsfunktionen gehievt und die Amazonasregion zu einem ungenutzten wirtschaftlichen Potenzial erklärt, das Brasilien konsequent erschließen soll – um mehr Wachstum und Wohlstand zu schaffen.

Allerdings: Seit vielen Jahren zeigen zahlreiche Studien, dass der Amazonas-Regenwald schon durch die bisherigen Eingriffe stark geschädigt ist. Die starke Abholzung zwecks wirtschaftlicher Nutzung hat das Ökosystem demnach bereits an seine Belastungsgrenzen gebracht.

Hier ein – unvollständiger – Überblick über Studien aus den vergangenen fünf Jahren:

1. Landschaftszerschneidung führt zu höherem CO2-Ausstoß

Durch die Abholzung besteht der rund drei Millionen Quadratkilometer große brasilianische Teil des Regenwaldes im Amazonasgebiet inzwischen aus über 300.000 Waldfragmenten. Diese Zerstückelung bewirkt, dass der Wald bis zu 20 Prozent mehr Kohlendioxid freisetzt als bislang angenommen, so eine Studie des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (Pütz et al. 2014).

Die Fragmentierung lässt mehr Randflächen entstehen. Damit sind Waldstreifen gemeint, die sich 100 Meter vom Rand ins Waldinnere ziehen. Bäume, die zum Waldrand werden, werden durch die intensivere Sonneneinstrahlung und den Wind stärker gestresst und sterben deshalb eher ab.

Die Anfälligkeit der Bäume nimmt zu, sodass sie nicht so viel Kohlenstoff speichern können wie gesunde Bäume in der Mitte des Waldes. Dieser Effekt der Degradation bei inselartig verteilten Waldflächen ist in den Berichten des Weltklimarats bislang nicht berücksichtigt. 

Zusammengefasst: Sobald ein Regenwald zerschnitten und fragmentiert wird, nimmt seine CO2-Speicherfähigkeit ab. Abholzung ist klimaschädlicher als bislang gedacht.

2. Schädigung des Regenwalds kann zu mehr Extremwetter führen

In den letzten 40 Jahren wurden im Amazonasgebiet pro Minute 2.000 Bäume abgeholzt, insgesamt mindestens 42 Milliarden. Weitere 1,2 Millionen Quadratkilometer des Waldes gelten als stark degradiert.

Dadurch ist der Regenwald bereits so weit geschädigt, dass sich die Auswirkungen klimatisch bemerkbar machen, so eine Metastudie der brasilianischen Weltraumbehörde Inpe, für die 200 Studien ausgewertet wurden (Nobre 2014).

Als Folge bleiben Regenfälle aus, die Trockenperioden werden länger. Auch Nachbarländer wie Bolivien, Paraguay und Argentinien sind betroffen. Ohne die Ökodienstleistungen des Regenwalds droht ihnen ein wüstenartiges Klima. Derzeit verdunstet der Amazonaswald als "fliegender Fluss" noch 20 Billionen Liter Wasser am Tag und damit mehr, als der Fluss Amazonas täglich in den Atlantik spült.

3. Eingriffe in den Wald erhöhen seine Anfälligkeit für Brände

Zerschnittener, fragmentierter Wald ("open forest") brennt doppelt so oft wie intakter, großflächig zusammenhängender Wald ("dense forest"), so eine Esa-Studie (Alencar et al. 2015).

Besonders anfällig für Brände sind die Waldgebiete, auf denen es bereits zuvor gebrannt hat ("transitional forest").

Das heißt, Fragmentierung des Waldes durch Abholzung verstärkt die Brennbarkeit ("flammability") des Waldes.

4. Legale Eingriffe in den Wald sind schädlicher als angenommen

Das brasilianische Recht erlaubt das Abholzen von 20 Prozent eines Primärwald-Gebiets ("Código Florestal"). Das heißt, es ist legal, einzelne Bäume selektiv zu roden oder Schneisen in ein Waldstück zu schlagen oder ganze Streifen abzuholzen – wodurch die erwähnte Fragmentierung entsteht.

Satellitenbild von den Waldbränden in Brasilien
Brennender Amazonas-Regenwald in Brasilien: Satellitenbild vom vergangenen Mittwoch. (Foto: Oton Barros/​DSR/​OBT/​INPE/​Flickr)

Die Idee bei dieser Regelung ist, dass man Waldschutz und wirtschaftliche Nutzung zusammen haben kann. Wenn maximal 20 Prozent der Bäume entnommen werden, bleiben ja noch 80 Prozent übrig.

Eine britische-brasilianische Studie zeigt, dass diese Rechnung nicht aufgeht. Werden 20 Prozent des Waldes gerodet, führt dies zu überproportionalen Verlusten an Biodiversität – bei Pflanzen und Tieren – in Höhe von 39 bis 54 Prozent (Barlow et al. 2016).

5. Waldverlust verstärkt sich selbst

Abholzung erhöht die regionale Trockenheit, die Trockenperioden verlängern sich und es fällt in dieser Zeit weniger Regen. Das zieht weitere Schrumpfungen der Amazonas-Wälder nach sich. Ein Teufelskreis kommt in Gang, ein sich selbst verstärkender Waldverlust, der noch zusätzlich zu dem Verlust entsteht, der direkt durch weniger Regen ausgelöst wird (Zemp et al. 2017).

6. Kipppunkt könnte bei 20 bis 25 Prozent Entwaldung erreicht sein

Der Regenwald beeinflusst das regionale und weltweite Klima erheblich, er gilt als Kippelement im Klimasystem. Ein Großteil der Niederschläge in der Amazonasregion stammt aus verdunstetem Wasser des Regenwalds. Ein Rückgang der Niederschläge infolge steigender Globaltemperaturen sowie die Abholzung und zunehmende Brände könnten den Wald an eine kritische Grenze bringen. 

Forscher des Weltraumforschungsinstituts Inpe schätzen, dass diese kritische Grenze schon dann erreicht ist, wenn 20 bis 25 Prozent des Amazonas-Regenwalds abgeholzt sind – und nicht erst bei 40 Prozent Entwaldung, wie noch in den 1970er Jahren angenommen wurde (Lovejoy et al. 2018).

Dann würde der Regenwald zu einer Savanne werden, mit Gräsern und einzelnen Bäumen. Das bisherige Wald-Wasser-System würde kollabieren – und Südamerika in eine Krise stürzen, die derzeit die Vorstellungskraft übersteigt. Und den Rest der Welt möglicherweise auch.

Die oben erwähnte legale Abholzung von 20 Prozent eines Gebiets, die das brasilianische Recht erlaubt, wäre demnach eigentlich schon zu viel.

 

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