Ölwirtschaft: Alter Sprit aus neuen Schläuchen

Für "Future Fuels" aus Algen oder Windstrom fordert die deutsche Mineralölwirtschaft jetzt Subventionen. Das hätte sie einfacher haben können: Vor einigen Jahren verlangte ihr Verband die Abschaffung solcher Hilfen – mit Erfolg.


Die moderne, aufgeklärte Welt: "Vielfalt" lautet ihre Strategie, sich gegen Demagogen, Nationalisten und "Great again"-Maker zu wehren, gegen die Facebook-Trolle, AfDler oder Erdoğane.

In Dresden demonstrierten gerade mehr als tausend Menschen für die Vielfalt, in Düsseldorf hisste für mehr Vielfalt der Oberbürgermeister die Regenbogenfahne. Die Wirtschaft gab sich schon 2006 eine "Charta der Vielfalt", auch in der Forschung soll Vielfalt jetzt eine größere Rolle spielen, neuerdings wird sogar die evangelische Kirche durch "sexuelle und geschlechtliche Vielfalt bereichert".

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis die oben abgebildete Publikation auftauchte.

"Klimaschutz braucht Vielfalt" – so lautet das Motto der zwölfseitigen Zeitungsbeilage, die gerade große deutsche Tageszeitungen vertrieben haben. "Tanken wie gewohnt, aber CO2-neutral fahren", heißt es da. Und dann:

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Klimaneutrale Kraftstoffe sind "rein chemisch betrachtet ... ziemlich einfach", erklärt die Beilage auf Seite 3. Unterstützt wird diese Aussage durch eine Grafik:

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Hmmm.

Algen, Aufbereitung, Elektrolyse – ganz so einfach sieht die Sache dann doch nicht aus. Zumal ja auch hier Ökostrom gebraucht wird; auch wenn er in der Grafik nicht so heißt, dort wird er als "erneuerbarer Strom" bezeichnet. Und Ökostrom- respektive Erzeugungslücke ... Sie wissen ja ... siehe oben, der Text-Ausriss.

Was ist jetzt gleich nochmal das Ziel der Beilage? Vielfalt?

Vielleicht hilft ein Blick ins Impressum. Das findet sich auf Seite 9:

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Nein, das "Institut für Wärme und Öltechnik" (IWO), neuerdings "für Wärme und Mobilität", ist kein Forschungsinstitut, sondern ein Lobbyverband der deutschen Mineralölwirtschaft, finanziert durch Ölkonzerne wie BP, Esso oder Eni.

Früher warb das IWO-"Institut" für die Ölverbrennung als "Lösungen für mehr Klimaschutz", oder für Ölheizungen als hilfreich gegen den Klimawandel. Aber so blöd sind die Leute ja heute nicht mehr, solche Lügenpropaganda glaubt heute kein Mensch.

Ausgemacht ist, dass demnächst Autos nur noch ohne Ölantrieb durch die Welt rollen sollen. Das würde in der Konsequenz bedeuten, dass nicht nur Ölkonzerne wie BP, Esso oder Eni verschwinden, sondern auch Lobbyorganisationen wie das IWO oder der Mineralölwirtschaftsverband MWV. Deshalb muss schleunigst Ersatz her für den Ölantrieb, wir sollen alle deshalb jetzt

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"Mit Future Fuels betriebene Verbrennungsmotoren können einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der Klimaziele leisten", steht in der Beilage. Es geht dabei um "regenerativ erzeugten Kraftstoff", etwa in der Kraftstoffmischung R33 Blue Diesel, in der nur noch ein Drittel Diesel aus Erdöl enthalten ist.

Nun: Diesel mit einem Bioanteil ist nichts Neues, seit etlichen Jahren enthält herkömmlicher Diesel bis zu sieben Prozent Fettsäuremethylester – besser bekannt als Biodiesel. Der Kraftstoff "B100" ist gar zu 100 Prozent regenerativ erzeugt, die Mindestanforderungen wurden im Jahr 2004 in der Norm DIN EN 14214 festgelegt.

Jahr für Jahr wurden solch "Future Fuels" immer beliebter, 2006 setzten die Tankstellen in Deutschland schon 1,9 Millionen Tonnen B100 ab. Kraftstoff, der nicht mehr aus Mineralöl hergestellt wurde, sondern "regenerativ erzeugt". Und damit Umsatz, der den Mitgliedern des Mineralölwirtschaftsverbandes MWV entging: Biodiesel erreichte Mitte der 2000er Jahre einen Marktanteil von rund acht Prozent.

Skandal! "Wir haben in Europa schon einen Überschuss an Benzin", schimpfte damals Barbara Meyer-Bukow vom Mineralölwirtschaftsverband MWV. "Hier bereichert sich ein Industriezweig auf Kosten der Steuerzahler", empörte sich damals Klaus Picard vom Mineralölwirtschaftsverband MWV. Denn Biodiesel wurde damals steuerlich gefördert.

Die Erdöl-Lobby setzte sich durch, die Steuererleichterung für B100 wurde abgeschafft, 2012 waren an den Tankstellen mehr als 45 Cent je Liter B100 fällig, der Kraftstoff damit nicht mehr konkurrenzfähig. Er verschwand vom Markt.

Finden Sie den Unterschied

Heute nun fordert Christian Küchen, der Nachfolger von Klaus Picard beim Mineralölwirtschaftsverband, in der Vielfalts-Beilage "verlässliche politische Rahmenbedingungen, die eine gewisse Sicherheit geben, dass die höheren Kosten am Ende auch im Markt bezahlt werden".

Future Fuels wie etwa die Kraftstoffmischung R33 Blue Diesel sind nämlich ohne eine steuerliche Förderung immer noch viel teurer als Fossilkraftstoff. Die Mineralölwirtschaft will deshalb Subventionen für die "flüssigen Energien von Morgen", zumindest aber Steuererleichterungen.

Alter Sprit aus neuen Schläuchen: 2011 musste beispielsweise das Unternehmen Choren Insolvenz anmelden, weil von der Politik die steuerliche Förderung zusammengestrichen wurde. Choren hatte ein Verfahren für "Future Fuels" entwickelt, bei dem aus Altholz synthetischer BtL-Kraftstoff hergestellt wurde.

Jetzt fordert die Fossillobby solche Verfahren – klimaneutrale Kraftstoffe seien die "Lösung". Der Unterschied zu damals ist, dass die geforderten Steuervergünstigungen heute der Mineralölwirtschaft zugutekommen sollen.

Klimaschutz braucht Vielfalt? Ein ziemlich einfältiges Manöver.

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