Gasnetz wird am Klimaschutz vorbeigebaut

Neue Milliarden ins fossile Erdgasnetz zu investieren passt nicht zu den Klimazielen, sagt die Deutsche Umwelthilfe. Sie fordert einen Stopp laufender Planungen in Deutschland und eine integrative Sicht auf die künftig "grünen" Strom- und Gasnetze.


Monteure laden Rohre für die Nord-Stream-Pipeline ab.
Klimaneutralität bis 2050 zu erreichen bedeutet auch den Erdgasausstieg. Wer investiert da noch in neue Pipelines? (Foto: Nord Stream)

Eine stählerne Schlange zieht sich weitgehend unterirdisch gut 500 Kilometer durch den Osten Deutschlands – von Lubmin bei Greifswald im Norden bis ins tiefste Sachsen an die Grenze zu Tschechien: die neue Ferngasleitung Eugal. Durch einen ihrer beiden Stränge fließt schon Erdgas, der andere soll bis Mitte 2021 in Betrieb gehen.

Durch die Eugal können jährlich bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas fließen – so viel, wie die umstrittene Ostseepipeline Nord Stream 2 in Lubmin einmal anlanden soll. Deren Gas europaweit zu verteilen ist vor allem Aufgabe der Eugal.

Aus Klimasicht wirkt so eine neue Erdgas-Pipeline quer durchs Land wie aus der Zeit gefallen, zumal mit ihr absehbar kein einziger Kubikmeter erneuerbares Gas, also "grüner" Wasserstoff, transportiert werden wird.

Dabei ist der Osten Deutschlands, wo der Netzbetreiber 50 Hertz die großen Stromtrassen regelt, das Energiewendegebiet par excellence. 2019 stammten schon 60 Prozent des Stroms, den 50 Hertz verteilte, aus erneuerbaren Quellen. 2032 will 50-Hertz-Chef Stefan Kapferer im Netzgebiet auf hundert Prozent Ökostrom kommen. Auch "grünen" Wasserstoff findet er interessant.

Dass parallel eine auf jahrzehntelangen Betrieb ausgelegte Erdgasgroßleitung durch die Region gezogen wird – damit hat Kapferer freilich kein Problem. Im 50-Hertz-Gebiet gebe es zum Glück eine vergleichsweise gute Situation für den Ausbau der Infrastruktur und die Akzeptanz dafür. In ein "Konkurrenzdenken" zwischen Strom- und Gasnetz einzutreten helfe nicht weiter, erklärte Kapferer Mitte des Monats bei einem Online-Pressetermin der Deutschen Umwelthilfe (DUH).

Erdgasausstieg hat auch Folgen für Gasnetzplanung

Der Bau der Eugal ist zwar schon 2016 begonnen worden, für die Deutsche Umwelthilfe sind solche Projekte aber nicht erst seit heute fragwürdig.

"Wenn Gasnetzbetreiber fünf Jahre nach dem Paris-Abkommen weiter unbehelligt neue Leitungen für fossiles Gas bauen können, dann läuft klimapolitisch etwas mächtig schief", meinte DUH-Geschäftsführer Sascha Müller-Kraenner gegenüber den Medien. Die Bundesregierung habe es versäumt, den Gasnetzbetreibern den Weg zu weisen und Klimaschutzvorgaben einzuführen. Das müsse schleunigst nachgeholt werden.

Beim Stromnetz, so Müller-Kraenner, gebe es Prozesse und Kriterien für die Planung, um den Klimaschutz zu gewährleisten, auch wenn das noch nicht optimal laufe und "Luft nach oben" bleibe. Diese relativ freundliche Sicht werden Bürgerinitiativen, die seit Jahren gegen die Strom-"Monstertrassen" kämpfen, zwar kaum teilen – beim Gasnetz ist aber offenbar alles noch schlimmer.

Man stehe erst am Anfang, um den Gasnetzausbau an Klimazielen zu orientieren, sagte Müller-Kraenner. "Mit dem schrittweisen Ausstieg aus der Nutzung des fossilen Erdgases wird auch das Gasnetz selbst in den Blickpunkt rücken – und das muss es auch."

"Grünes" Gas wird nicht überall gebraucht

Zu berücksichtigen sei dabei, dass "grünes" Gas – meist also Wasserstoff – anders als heutiges Erdgas nur in deutlich geringeren Mengen und zu höheren Kosten verfügbar sein werde, so der DUH-Chef.

Wird das "grüne" Gas dann auch nur dort eingesetzt, wo es alternativlos sei wie in der Stahlindustrie oder im Flug-, Schiffs- und Schwerlastverkehr, läuft das Müller-Kraenner zufolge auf ein Netz hinaus, das das Gas auch nur zu diesen Verbrauchsstellen leitet – also kein flächendeckendes wie das heutige fossile Gasnetz.

Zu diesem Wandel passt seiner Ansicht nach überhaupt nicht, dass derzeit die Gaswirtschaft ihren Bedarf praktisch selbst festlegt, danach plant und das Netz baut. "Da brauchen wir einen politisch geframten Prozess wie im Strombereich", erklärte er. Anders als beim Stromnetz könnten beim Gasnetz weder die Bundesnetzagentur noch der Bundestag korrigierend eingreifen.

DUH-Energieexpertin Nadine Bethge geht in ihrer Kritik noch weiter: Ihr erscheine es fast so, als schusterten sich die Gasnetzbetreiber einen eigenen "wunderbaren Szenariorahmen" zurecht und packten diesen in einen passenden Netzentwicklungsplan. Bethge warnt: "Wird die derzeitige Gasnetzplanung bestätigt, werden in den nächsten zehn Jahren acht Milliarden Euro in ein falsches Energiesystem investiert."

Die Umwelthilfe fordert als erstes, die aktuellen Infrastrukturplanungen für fossiles Gas umgehend zu stoppen. Und weil der "grüne" Strom künftig die Basis des "grünen" Gases abgebe, dürften Strom- und Gasnetz nicht mehr nebeneinanderher laufen, sondern müssten integriert geplant werden.

In einem Positionspapier verlangt die DUH weiter, Klimaschutz als Gesetzeszweck ins Energiewirtschaftsgesetz aufzunehmen. Wie schon beim Stromnetz müssten Minderungsziele für Treibhausgase und Ausbauziele für Erneuerbare auch beim Gasnetz planerische Leitlinien werden. Zudem brauche es eine frühzeitige Umweltprüfung.

Wasserstoff als "eierlegende Wollmilchsau"

So weit in der Kritik wie die Umweltorganisation ging 50-Hertz-Chef Kapferer gegenüber den Medien natürlich nicht. Aber auch er plädiert dafür, Strom- und Gasinfrastruktur stärker "integrativ zu denken". In der Öffentlichkeit werde Wasserstoff zwar als eine Art "eierlegende Wollmilchsau" dargestellt, sagte Kapferer, er sehe aber auch Einsatzgrenzen, so beim Wasserstoff-Pkw oder bei der Wasserstoff-Heizung im Einfamilienhaus.

Das Nachnutzen von Infrastrukturen nur deshalb zu ermöglichen, weil man schon eine Infrastruktur habe – das Argument überzeuge ihn nicht. An vielen Stellen werde es betriebswirtschaftlich günstiger sein, eine Wärmepumpe zu installieren oder E-Pkw zu nutzen.

Auch Kapferer fragt sich, ob man künftig Wasserstoff durchs Land transportieren solle oder besser den Strom, um damit Wasserstoff am Einsatzort zu erzeugen. Kapferer betonte beim Medientermin zwar, es gebe "keine Schwarz-Weiß-Antwort", wies aber auch darauf hin, dass dreimal höhere Energieverluste entstehen, wenn man Wasserstoff über weite Entfernungen transportiert – statt den Strom hinzubringen und vor Ort mit dem Elektrolyseur Wasserstoff zu erzeugen.

Für Sascha Müller-Kraenner passen jedenfalls die neuen Kapazitäten von Nord Stream 2 in kein Klimaschutz-Szenario. Er könne sich auch nicht vorstellen, dass so eine Struktur einmal mit Wasserstoff gefüllt wird. "Dass irgendwann in der russischen Arktis Windkraftwerke stehen und daneben der Elektrolyseur – das ist sicher eine sehr fantasievolle Vorstellung, darauf würde ich keine größeren Beträge verwetten."

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