Blau darf er sein, vielleicht auch gelb

Das Europäische Parlament spricht sich dafür aus, eine EU-weite Wasserstoff-Infrastruktur aufzubauen. Allerdings soll das H2 nicht nur mit Ökostrom produziert werden, sondern auch mit Erdgas plus CCS – und mit Atomstrom.


Blick auf das Rohrgewirr einer Gas-Verdichterstation
Die europäische Erdgasbranche versucht ihre Infrastruktur als Teil der Energiewende zu verkaufen. (Foto: Open Grid Europe)

Die Nutzung von Wasserstoff (H2) gilt als Weg, um Industriebranchen wie Stahl und Chemie sowie den Flug-, Schiffs- und Lkw-Verkehr klimafreundlich zu machen. Das Europaparlament hat sich nun dafür ausgesprochen, die dafür notwendige Infrastruktur EU-weit aufzubauen, also Anlagen für Produktion, Speicherung und Transport des Gases.

Umstritten blieb jedoch die Frage, ob nur der sogenannte grüne, mit Ökostrom hergestellte Wasserstoff eingesetzt werden soll oder auch solcher aus fossilen Quellen. Grüne und Linke votierten gegen letztere Option.

Mit der Wasserstoff-Wirtschaft können die CO2-Emissionen in der EU laut einem vom Parlament angenommenen Bericht bis 2050 um rund 560 Millionen Tonnen pro Jahr gesenkt werden. Zum Vergleich: Im Jahr 2020 betrugen die Treibhausgas-Emissionen aus allen Sektoren in der Union rund 4.300 Millionen Tonnen. Die EU will bis Mitte des Jahrhunderts klimaneutral sein.

Grüner Wasserstoff werde bevorzugt, heißt es in dem Bericht. Fossiles H2, das bisher vor allem aus Erdgas per Methan-Dampfreformierung hergestellt wird, soll möglichst bald aus dem Markt genommen werden. Bei diesem Verfahren entstehen große Mengen CO2.

Allerdings soll sogenannter blauer Wasserstoff als "Brückentechnologie" genutzt werden. Dabei handelt es sich ebenfalls um H2 aus Erdgas, bei dem jedoch das entstehende CO2 aufgefangen und unterirdisch gespeichert wird – die sogenannte CCS-Technologie. Die EU-Abgeordnete Angelika Niebler von der CSU sagte dazu, nur so könne schnell ein Markt für bezahlbaren Wasserstoff entstehen.

"Klimaschädliche Fehlinvestitionen"

Die Atomenergie, mit der per Elektrolyse ebenfalls Wasserstoff hergestellt werden kann, wird in dem Bericht nicht ausdrücklich angesprochen. Die Fachwelt geht jedoch davon aus, dass der darin verwendete Terminus "CO2-armer Wasserstoff" auch die "gelbe" Variante auf AKW-Basis einschließt.

Für die Grünen ist die Entwicklung absurd. "Heute hat die konservative Fraktion der Atomkraft und dem fossilen Erdgas die Tür bei der Wasserstoffproduktion geöffnet", sagte ihr Abgeordneter Michael Bloss. Weil die Öl- und Gasindustrie von den Konservativen "hofiert" worden sei, drohe nun eine "Milliardenschwemme in klimaschädliche Fehlinvestitionen".

Auch die Linken fordern, ausschließlich in Öko-Wasserstoff zu investieren. Der SPD-Abgeordnete Jens Geier sagte nur, blauer Wasserstoff dürfe keine Dauerlösung sein.

Der Industrieverband BDI lehnt es ab, nur auf grünen Wasserstoff zu setzen. "In der kritischen Markthochlaufphase" brauche es "Technologieoffenheit". Der BDI sprach sich für ein EU-einheitliches Zertifizierungssystem auf der Basis des CO2-Gehalts von Wasserstoff aus.

Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) betonte, die vorhandenen Gasverteilnetze stünden bereit, um die Transformation zum Wasserstoff zu unterstützen.

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