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"Verpackungen zu entsorgen ist einfach zu billig"

In Deutschland wird noch alles und jedes verpackt, obwohl das gar nicht nötig wäre. Es fehlen Impulse zur Abfallvermeidung, kritisiert Thomas Fischer von der Deutschen Umwelthilfe. Der Unverpackt-Trend habe die großen Supermärkte und Drogerien noch nicht erreicht. Teil 2 des Interviews.


Offene Mülltonne mit gelbem Deckel, Säcke voller Plastikmüll sind hineingestopft.
Es gibt keinen Anreiz, Verpackungsmüll zu vermeiden, sagt DUH-Experte Fischer. (Foto: Animaflora Picsstock/​Shutterstock)

Klimareporter°: Herr Fischer, sprechen wir nach der Behandlung des Abfalls über seine Entstehung. Viele werfen fast ihren ganzen Hausmüll in die Gelbe Tonne oder den Gelben Sack, weil das meiste ohnehin Verpackungen sind – und weil die Entsorgung mit dem Kaufpreis des verpackten Produkts bereits bezahlt ist. So sinkt die Menge des Mülls, für den die Kommunen Gebühren verlangen. Eine sinnvolle Praxis?

Thomas Fischer: Die Praxis läuft genau dem Prinzip der getrennten Erfassung von Verkaufsverpackungen entgegen. Verpackungen zu sammeln hat den Sinn, diese sauber vom Restmüll zu trennen, um dann möglichst hochwertige Fraktionen aus Kunststoff und Metall aus der Gelben Tonne herauszuholen.

Der Input in die Gelbe Tonne bestimmt auch den Output: Je mehr Fehlwürfe und Fremdmaterial drin sind, desto aufwendiger ist die Sortierung und desto schlechter das Recycling.

Je nach Ballungsraum oder Stadtgebiet treten schnell Fehlwurfquoten von bis zu 50 Prozent auf. Gummistiefel, Bioabfall, verdreckte Windeln oder Zigarettenasche haben in der Gelben Tonne einfach nichts zu suchen. Sogar tote Tiere fanden sich darin.

Wie lassen sich die Fehlwürfe verringern?

Zunächst müssen die Nutzer:innen vom Sinn des getrennten Sammelns überzeugt sein. Wer die Einstellung hat, dass eh alles wieder zusammengekippt und verbrannt wird, wird auch nicht darauf achten, was in welcher Tonne landet.

Hier gilt es, die Verbraucher:innen aktiv aufzuklären. Kunststoff- und Metallverpackungen werden größtenteils tatsächlich recycelt. Das spart Rohstoffe ein und entlastet das Klima. Hier sind die kommunale Abfallberatung und die dualen Systeme gefordert.

Zudem muss auch das "Angebot" an Mülltonnen – also die Zahl der Gelben Tonnen und der Restabfall-Tonnen – intelligent aufeinander abgestimmt sein, gerade bei Mehrfamilienhäusern in Großstädten.

Sind zu wenig Kapazitäten für den Restmüll vorhanden, landet mehr Unrat in den Gelben Tonnen. Sind umgekehrt zu wenig Gelbe Tonnen vorhanden, sind diese zu schnell voll und werthaltige Verpackungen landen dann im Restmüll und werden verbrannt. Hier sind vor allem die Hausverwaltungen gefragt, den richtigen Bedarf anzumelden.

Allerdings hat sich seit 1990 die Menge der in Deutschland verwendeten Kunststoffverpackungen auf über drei Millionen Tonnen verdoppelt. In der Startzeit des Grünen Punkts vor 30 Jahren lautete die Kritik: Solche Recycling-Label dienen höchstens der Müllverwertung, aber nicht der Müllvermeidung. Gilt das immer noch?

Die getrennte Erfassung der Wertstoffe trug in den 1990er Jahren tatsächlich dazu bei, dass die Mengen an Verpackungsmüll sanken. Dazu trug die Monopolstellung des Dualen Systems Deutschland bei, das den Grünen Punkt vergab.

Das DSD konnte den Herstellern und Händlern für ihre Verpackungen Lizenzentgelte diktieren, und die waren entsprechend hoch. Das führte zu einem sparsameren Einsatz der Ressourcen bei den Verpackungen und trug zur Abfallvermeidung bei.

Doch Anfang der 2000er Jahre kippte die EU diese Entwicklung und erzwang eine Öffnung des Marktes für weitere duale, also private Sammelsysteme.

Porträtaufnahme von Thomas Fischer.
Foto: Heidi Scherm/​DUH

Thomas Fischer

arbeitet seit 2008 für die Deutsche Umwelt­hilfe (DUH). Seit 2013 leitet er die Abteilung Kreis­lauf­wirtschaft und Abfall­politik bei der Umwelt- und Verbraucher­organisation. Der studierte Umwelt­wissenschaftler war zuvor bei einem Industrie­verband tätig.

Deren ruinöser Preiskampf um Kunden führte fortan zu besonders niedrigen Lizenzentgelten. Das verringerte massiv den Anreiz, sparsam mit Verpackungsmaterialien umzugehen.

Durch den knallharten Wettbewerb besteht kein ausreichender finanzieller Spielraum, um den Einsatz recyclingfähiger Verpackungen oder von Recyclingmaterial zu belohnen. Die Politik muss hier nachbessern und im Verpackungsgesetz neue Spielregeln vorgeben.

Verpackungen zu entsorgen ist derzeit einfach zu billig. Deswegen wird alles und jedes verpackt, obwohl das gar nicht nötig wäre. So werden weiter wachsende Verpackungsmüllberge nicht kleiner. Es fehlen Impulse zur Abfallvermeidung.

Das Müllproblem war in Deutschland zuletzt vor allem durch die Skandale um den nach Asien oder Afrika exportierten Elektroschrott präsent. Vom Verpackungsmüll werden dagegen nur wenige Prozent exportiert, beteuert die Branche. Stimmt das?

In den 1990er Jahren gab es tatsächlich Skandale beim Export von Plastikverpackungen, beispielsweise nach Asien. Das hing den dualen Systemen ewig nach.

Allerdings betragen die Exportmengen der in der Gelben Tonne gesammelten Leichtverpackungen wirklich nur wenige Prozent im einstelligen Bereich. Der größte Teil der exportierten Kunststoffabfälle kommt aus dem Gewerbe und der Industrie, nicht aus den Haushalten.

Seit einigen Jahren gibt es Lebensmittelläden, die ihre Waren weitgehend unverpackt anbieten. Auch der Supermarkt meines Vertrauens bietet neuerdings Kartoffeln und Äpfel lose zum Selbsteintüten an. Ist das noch die Ausnahme oder schon ein Trend?

Genau dahin muss der Trend gehen. Trockenfrüchte, Nudeln oder Reis eignen sich besonders gut zum Selbstabfüllen. Aber auch Flüssigseife oder Waschmittel sind dazu gut geeignet.

Es gibt tatsächlich immer mehr Unverpackt-Läden, diese Entwicklung hat jedoch die großen Supermärkte und Drogerien noch nicht erreicht. Das wäre aber notwendig, um die stetig größer werdenden Abfallmengen zu verringern.

Obst und Gemüse in Supermärkten wird zu mehr als 60 Prozent in Plastik und Pappe vorverpackt. Das verursacht nicht nur jede Menge Müll, es verhindert auch bedarfsgerechtes Einkaufen. Wer lose Ware einkauft, kann selbst viel besser austarieren, dass nur so viel mitgenommen wird, wie nötig ist.

Neben den Unverpackt-Läden ist auch bei To-go-Verpackungen für Getränke und Speisen ein Anwachsen von Mehrwegsystemen zu sehen. Aber auch hier wenden die großen Gastronomieketten Mehrwegbecher- und Boxensysteme noch nicht in der Breite an.

Einwegverpackungen müssen deutlich teurer werden, damit Unverpackt- und Mehrwegalternativen endlich durchstarten können. Auch hier ist Umweltministerin Steffi Lemke gefordert.

Lesen Sie hier Teil 1 des Interviews: "Müll verbrennen ist keine Dekarbonisierung" 

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