Die Plastikflut wächst

Immer mehr Verpackungsmüll wird nicht in Deutschland verwertet, sondern exportiert. Die Ausfuhrmengen wuchsen in den letzten 20 Jahren auf das 25-Fache, ergab eine Anfrage der Grünen an die Bundesregierung. Was dann mit dem Müll passiert, wird kaum kontrolliert.


Offene Mülltonne mit gelbem Deckel, Säcke voller Plastikmüll sind hineingestopft.
Plastikmüll aus der gelben Tonne und dem gelben Sack landet immer häufiger im Ausland – jetzt nicht mehr in China, sondern in Malaysia. (Foto: Animaflora Picsstock/​Shutterstock)

Ein Problem nicht erst seit den Corona-Lockdowns: Die Verpackungsmüll-Berge in Deutschland wachsen Jahr für Jahr.

Kürzlich vermeldete das Umweltbundesamt (UBA) mit 227,5 Kilogramm pro Kopf einen neuen Höchststand für 2018. Anno 2000 waren es erst 186 Kilo gewesen.

Gründe unter anderem: Wirtschaftswachstum, Boom des Online-Handels, mehr Essen und Trinken "to go", aufwendigere Verpackungen.

Die Einführung des Dualen Systems mit dem "Grünen Punkt" und den gelben Säcken oder Tonnen vor drei Jahrzehnten hatte helfen sollen, diese Flut aus Altplastik, -papier und -metall einzudämmen. Das floppte.

Eine Anfrage der Grünen an die Bundesregierung erbrachte nun: Der Anteil des Verpackungsmülls aus dem gelben Sack, der nicht in Deutschland verwertet, sondern ins Ausland exportiert wird, ist stark angestiegen.

Als Skandal bezeichnen die Grünen vor allem, dass für den überwiegenden Teil der gesamten deutschen Kunststoffmüll-Exporte, die vor allem aus Gewerbe und Industrie stammen, anders als beim Grüner-Punkt-Abfall kein Recycling-Nachweis geführt werden muss.

Die Exportmengen beim Verpackungsmüll aus dem gelben Sack wuchsen in den vergangenen 20 Jahren auf das 25-Fache. Das geht aus der Antwort hervor, die das Bundesumweltministerium zu der Anfrage gab. Anno 1999 waren es danach erst rund 14.000 Tonnen, 2018 hingegen 356.000 Tonnen.

Insgesamt haben die neun deutschen "Grüne-Punkt"-Unternehmen ("Duale Systeme") 2018 laut UBA rund 4,7 Millionen Tonnen verwertet, die Exportquote betrug also 7,5 Prozent.

Der Anteil des besonders aufwendig zu recycelnden Plastikmülls am Export betrug 2018 gut ein Drittel, nämlich 133.800 Tonnen. Der Großteil davon geht nach Österreich und in die Niederlande, wichtige Abnehmer sind aber auch Polen, Bulgarien, Kroatien und Malaysia.

Gewaltige Marktverschiebungen

Insgesamt hat es auf dem weltweiten Plastikmüll-Markt gewaltige Verschiebungen gegeben, seitdem China seine Grenzen für die Abfallflut 2018 dichtgemacht hat.

Grund: Peking wollte nicht mehr der Müllschlucker der Welt sein. Zunehmend schlecht sortiertes, stark verschmutztes Material mit hohem Fremdstoffanteil hatte das Aufbereiten des Abfalls zunehmend unwirtschaftlich und auch gefährlich gemacht.

Die gesamten deutschen Plastikmüll-Exporte – Grüner-Punkt-Kunststoffe plus andere Abfälle vor allem aus Gewerbe und Industrie – betrugen im letzten Jahrzehnt im Schnitt 1,3 Millionen Tonnen jährlich. Mit Chinas Einfuhrstopp sanken sie auf gut eine Million Tonnen.

Seither ist Malaysia der Hauptabnehmer. 2019 gingen rund 182.000 Tonnen dorthin, 2016 waren es erst 50.000 gewesen. Daneben entwickelt sich auch die Türkei laut den Ministeriums-Zahlen zu einem wichtigen Importland: 2016 waren es hier 6.700 Tonnen, 2019 schon knapp 64.000 – fast eine Verzehnfachung.

Aber auch die Ausfuhren in osteuropäische Länder stiegen vor allem von 2018 zu 2019 rasant an: Bulgarien plus 80 Prozent, Slowenien plus 60, Tschechien plus 48.

Für Verpackungen aus dem gelben Sack ist vorgeschrieben, dass exportierte Abfälle nur dann in der vorgeschriebenen Recyclingquote berücksichtigt werden dürfen, wenn, so das Umweltministerium, "nachprüfbare Beweise" darüber vorliegen, dass die Verwertung gemäß EU-Vorschriften erfolgt ist. Diese machen beim Plastikabfall allerdings nur 12,5 Prozent der Gesamtmenge aus.

Keine konkrete Nachweispflicht

Für den großen Rest von 87,5 Prozent ist das weit lascher geregelt. Das Ministerium schreibt dazu: "Prüfungen zu Abfallexporten können bei Betriebs- und Transportkontrollen vorgenommen werden." Dies liege im Verantwortungsbereich der Bundesländer.

Eine konkrete Nachweispflicht gibt es nicht. "Für einen Großteil der Abfälle sind der Verbleib und die tatsächliche Verwertung im Ausland also vollkommen unklar und ungeregelt", kritisieren die Grünen.

"Der Berg an Verpackungsmüll in Deutschland wächst ungebremst und erreicht jedes Jahr neue Rekordhöhen", kommentiert Bettina Hoffmann, Grünen-Sprecherin für Umweltpolitik. "Den Schaden tragen allzu oft andere Staaten, denn noch immer sucht sich der Müll den einfachsten und billigsten Entsorgungsweg, wird exportiert oder landet in der Verbrennung."

Es sei ein Skandal, dass Länder wie Malaysia, die Türkei, Polen oder Bulgarien immer noch als Mülldeponie für Altplastik aus Deutschland missbraucht würden. Dort existierten häufig keine umweltgerechten Entsorgungsstandards.

"Dort illegal deponierter oder verbrannter Müll verseucht dort die Erde und die Luft", warnt Hoffmann. Auch deutscher Plastikabfall gefährde die Gesundheit von Anwohnern. Zudem bestehe in Ländern wie der Türkei oder Malaysia ein viel höheres Risiko, dass Altplastik in die Meere gespült wird.

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