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Grüne Häutungen, Steinzeit-Strom und der Schleudersitz im Bremserhäuschen

Kalenderwoche 32: Wie schnell einflussreiche Parteien und Verbände jetzt angesichts der Klimadebatte ihre Modernisierung verkünden, ist erstaunlich und durchaus erfreulich, sagt Tim Meyer, Vorstand beim Öko-Energieversorger Naturstrom und Mitglied des Kuratoriums von Klimareporter°. Man sollte aber genau hinschauen, was unter der grünen Farbe ist.


Porträtaufnahme von Tim Meyer.
Tim Meyer. (Foto: Naturstrom)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Kuratoriums erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Tim Meyer, Vorstand beim Öko-Energieversorger Naturstrom.

Klimareporter°: Herr Meyer, Sie sind als Vorstand des Ökostromanbieters Naturstrom neues Mitglied in unserem Kuratorium. Was ist aus Ihrer Sicht das wichtigste Thema, das derzeit auf dem Tisch liegt?

Tim Meyer: Die Einführung einer CO2-Bepreisung scheint zum Greifen nah. Diese Chance muss mit aller Entschlossenheit genutzt werden. Dafür ist der positive Schwung in der endlich stattfindenden öffentlichen Diskussion über den Klimawandel entscheidend. Vielen politischen Akteuren muss noch klar werden, dass der bisherige Platz im Bremserhäuschen ein Schleudersitz ist, der neben dem globalen Klima auch die eigene politische Zukunft gefährdet.

Eine Schlüsselrolle spielt dabei neben den immer sichtbarer werdenden Vorboten der Klimakatastrophe die Fridays-for-Future-Bewegung. Ich kann nur alle aufrufen, auf jeder Ebene, sowohl privat als auch über Vereine und sonstige Gruppierungen bis hin zum Berufsumfeld, durch persönliches Handeln beim Klimaschutz voranzugehen und sich in die Diskussion einzubringen.

Ein österreichischer Stromhändler will den Börsenstrompreis direkt an seine Kunden weitergeben und verspricht so erhebliche Einsparungen. Wie finden Sie so ein Modell?

Solche Ansätze klingen erst einmal spannend und im Zeitalter der Digitalisierung regelrecht naheliegend. Für Verbraucher in Deutschland ist die Realität jedoch nicht ganz so einfach. Grundsätzlich ist es zwar auch bei uns möglich, für Haushalte auf die sogenannte Lastgangmessung umzustellen und damit Strom je Viertelstunde bedarfsgenau zu beschaffen und abzurechnen. Das ist aber aufgrund der bestehenden Regulierung und Prozessvorgaben sehr teuer und nur für größere Gewerbekunden attraktiv.

Normale Haushaltskunden werden in Deutschland nach Standardlastprofil bilanziert und abgerechnet, das heißt auf der Annahme durchschnittlicher Verbrauchsverläufe. Man kann zwar auch bei diesen Kunden messen, wann genau der Strom verbraucht wird, aber der Lieferant kann trotzdem nicht zeitgleich genauso liefern – leider.

Traurig, aber wahr: Wir leben im Jahr 2019 und die jetzigen energiewirtschaftlichen Prozesse stammen in diesem Sinne aus der Steinzeit. Zukünftig muss es natürlich – zu vertretbaren Kosten – zeitaufgelöste Beschaffungsmöglichkeiten auch für kleinere Kunden geben. Der völlig verkorkste Smart-Meter-Rollout bietet da leider wenig Hoffnung. Auch so eine Baustelle der Energiewende ...

Ob sich mit den Möglichkeiten der Digitalisierung dann Tarifmodelle wie das aus Österreich durchsetzen, bleibt aus meiner Sicht dennoch offen. Denn der Kunde profitiert dann zwar einerseits von den günstigen Preisen in Zeiten des Überangebots am Strommarkt, zahlt andererseits allerdings auch erheblich mehr, wenn das Angebot knapp ist.

Er übernimmt damit das volle Preisrisiko der Beschaffung. Wer sich nicht intensiv mit dem Strommarkt beschäftigen möchte, so wie er vielleicht Aktienkurse studiert, für den ist das dann durchaus ein bisschen Lotterie.

Verdi-Chef Bsirske hat dazu aufgerufen, im September am Generalstreik von Fridays for Future teilzunehmen – aber nur außerhalb der Arbeitszeit. Sinnvoll oder inkonsequent?

Ich freue mich über jeden und jede, der zur Unterstützung der Fridays-for-Future-Bewegung aufruft und zur Teilnahme an den Demonstrationen am 20. September. Wir werden uns als Unternehmen ebenfalls daran beteiligen.

Da Fridays for Future den Tag als globalen Streik ausgerufen hat, ist das dann wohl ein Protest, den wir auch als Arbeitgeber gerne unterstützen. Zwar können unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in dieser Zeit dann nicht mit Naturstrom die Energiewende voranbringen. Ich hoffe aber, dass der Impuls dieses Tages sehr deutlich von der Politik vernommen wird und es danach gesamtgesellschaftlich umso schneller vorangeht.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Es ist schon spannend zu sehen, welche Häutungsprozesse plötzlich grüne Kerne unter tiefschwarzer Oberfläche freilegen. Der bayerische Ministerpräsident Söder will nun anscheinend jeden Tag aufs Neue die Grünen auf dem Waldlehrpfad überholen, statt die Autobahn zu nehmen. Und der BDEW als Vertretung der klassischen Energiewirtschaft hat verkündet, mit Kerstin Andreae eine renommierte Grünen-Politikerin zur Hauptgeschäftsführerin zu machen.

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich freue mich über jeden Verband, jede Partei und jede Person, die die Richtigkeit der Argumente erkennen, mit denen wir und viele andere seit mehr als 20 Jahren hausieren gehen. Wenn man aber bedenkt, dass die CSU im letzten Jahr noch gegen eine Aufnahme von Klimaschutz ins Grundgesetz gestimmt hat und ihr Parteichef Söder nun genau dies selbst fordert, darf man zumindest befürchten, dass da doch nur grüne Farbe über einen schwarzen Kern gepinselt werden soll. Da scheint der Schritt des BDEW schon überzeugender.

So oder so: Neben dem CO2-Preis brauchen wir viele weitere ambitionierte Schritte und Maßnahmen für mehr Klimaschutz, das heißt für die Modernisierung unserer Infrastruktur und Lebensweise. Da kann uns die überraschende Geschwindigkeit, mit der auch einflussreiche Parteien und Verbände ihre eigene Modernisierung verkünden, nur recht sein.

Fragen: Verena Kern

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