Bahn vor Bus

Wie reist man am klimafreundlichsten? Am besten mit dem Reisebus, hieß es lange Zeit – auch bei uns. Doch die Zahlen, die dieser Berechnung zugrunde liegen, sind veraltet.


Eisenbahnschiene mit nur einem Gleis
Am grünsten reist man mit der Bahn. Im Reiseverhalten der Bürger:innen schlägt sich das aber immer noch kaum nieder. (Foto: Jiří Rotrekl/​Pixabay)

Klimafreundliches Reisen ist ja eigentlich ein Widerspruch in sich, falls man nicht nur mit dem Fahrrad unterwegs ist oder zu Fuß geht. Sobald ein motorisiertes Fahrzeug genutzt wird, entstehen Emissionen, die fürs Klima alles andere als freundlich sind. Was tun?

Auf das Reisen zu verzichten kann kaum die Lösung sein. Seine Vorzüge wiegen schwer: Erholung, kultureller Austausch, Horizonterweiterung, Einkommensquelle für Millionen von Menschen, die ihren Lebensunterhalt im Tourismus verdienen. Viele Naturschutzmaßnahmen weltweit werden zudem durch Tourismus-Einnahmen finanziert.

Reisenden bleibt wenig anderes übrig, als nach dem kleinstmöglichen Übel zu suchen, wenn sie ihren CO2-Fußabdruck nicht allzu groß werden lassen wollen. Als dieses kleinste Übel galt lange Zeit – der Reisebus.

So steht es nach wie vor auf vielen Internetseiten mit Verbrauchertipps zum klimafreundlichen Reisen, die sich auf Zahlen des Umweltbundesamtes (UBA) berufen. Auch bei uns war das früher zu lesen.

Der Bus toppt demnach sogar die Bahn. Und wenn er voll besetzt ist, umso mehr. Denn für den Pro-Kopf-Ausstoß wird der Gesamtausstoß durch die Zahl der Mitreisenden geteilt.

Allerdings: Die Zahlen, die den Reisebus auf die Pole Position bringen, sind veraltet. Sie stammen aus einer Zeit, als der Strommix in Deutschland noch sehr viel weniger grün war als heute.

Auch die Auslastung ist wichtig

Kürzlich hat das UBA seine Aufstellung aktualisiert. Der Bahn-Fernverkehr liegt jetzt bei nur noch 29 Gramm CO2 auf einen Kilometer – vor rund zehn Jahren waren es noch 40 Gramm. Reisebusse kommen hingegen auf 36 Gramm (gut 30 Gramm) – ihr Klimavorteil ist dahingeschmolzen.

Natürlich ist auch die neue Berechnung nur ein grober Orientierungswert. Sowohl bei der Bahn als auch beim Reisebus ging das UBA von einer Auslastung von rund 55 Prozent aus. Sitzen mehr Leute in Bus und Bahn, verbessert sich der individuelle Fußabdruck.

Bei der Bahn legte die Umweltbehörde den deutschen Grünstromanteil von rund 50 Prozent zugrunde, während die Deutsche Bahn angeblich schon mit gut 60 Prozent Ökostrom fährt und 2038 bei 100 Prozent sein will.

Verena Kern ist stellvertretende Chefredakteurin von Klimareporter°.

Die gute Klimabilanz der Bahn schlägt sich im Reiseverhalten der Deutschen bislang jedoch kaum nieder. Der Bahn-Anteil bei Urlaubsreisen ab fünf Tagen (weniger als fünf Tage gelten als Kurzurlaub) stieg letztes Jahr lediglich von sechs auf sieben Prozent.

Das war, man möchte es kaum glauben, der höchste Wert seit 20 Jahren. Am beliebtesten ist nach wie vor – das eigene Auto.

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