Vier Jugendliche, dahinter Grün.
Von links: Siri Schwieder, Martin Krück, Malte Godemann und Paul Kiesewetter beim Solarcamp von Fridays for Future. (Bild: Laura König)

Schnellen Fußes nimmt Siri Schwieder eine Leitersprosse nach der anderen, bis sie die Regenrinne erreicht, darübersteigt und nun auf der Dachfläche des Einfamilienhauses am Berliner Stadtrand kniet. Ohne zu zögern, klettert die Studentin auf allen Vieren bis zur obersten schon befestigten Solarschiene. Hier sieht Schwieder den Handwerkern, den Solarteuren, dabei zu, wie sie die Dachhaken setzen, um dann die nächsten Schienen montieren zu können. Die werden später die Solarmodule tragen.

"Am liebsten hätte ich selbst mitgeschraubt", sagt sie, als sie wieder festen Boden unter den Füßen hat. Das nötige Knowhow dafür hat sie sich schließlich in den letzten Tagen angeeignet – in einem Solarcamp von Fridays for Future in Berlin.

Mit 14 anderen jungen Menschen zwischen 14 und 35 Jahren lernte die Studentin hier in einer Woche alles rund um die Installation einer Solaranlage – wie sie geplant wird, wie die Module verkabelt und im Zählerschrank angeschlossen werden und welche Sicherheitsvorkehrungen es auf einer Baustelle gibt. In den Schulungsräumen in Berlin-Kreuzberg gab es sogar Modelldächer – hier durften die Teilnehmer:innen zum Akkuschrauber greifen und ein paar Solarmodule unter Anleitung montieren.

Siri Schwieder studiert regenerative Energien und konnte so etwas direkt aus der Praxis erfahren. "Tatsächlich aufs Dach steigen und etwas schrauben, das kann ich nicht im Studium lernen", erklärt sie.

Fridays for Future organisierte das Camp als niedrigschwelligen Einstieg in die Solarbranche. So werden die jungen Menschen nicht nur für das Solarteur-Handwerk begeistert, sondern auch zu Photovoltaik-Hilfskräften ausgebildet. Nach dem Camp können sie tatsächlich mit aufs Dach und den Fachkräften zur Hand gehen.

Die Aktivist:innen wurden dabei von der gemeinnützigen Organisation Project Together und dem Online-Solaranbieter Zolar unterstützt. Die Berliner Firma stellte für das fünftägige Camp die eigenen Schulungsräume und ihr Know-how zur Verfügung.

"Ein Solardach ist kein Hexenwerk"

An diesem Donnerstag, dem dritten Camp-Tag, darf Siri Schwieder mit drei weiteren Teilnehmenden auf einer Baustelle von Zolar hospitieren – bei einer Familie, die sich eine Photovoltaikanlage auf das Dach ihres Einfamilienhauses montieren lässt. Zuständig für die Montage ist das Berliner Installationsunternehmen Luxwatt.

Inhaber Eugen Sobik erklärt den vier Studierenden Schritt für Schritt, wie er und sein Handwerker-Team innerhalb von zwei Tagen die Solaranlage für die Familie installieren. Dazu holt er kurzerhand ein PV-Modul in den Garten und merkt schnell, dass er hier nicht mit Laien spricht.

Ein Mann gestikuliert, Jugendliche hören zu, alle stehen, dahinter eine gelbe Einfamilienhauswand.
Eugen Sobik vom Berliner Unternehmen Luxwatt erklärt den Beruf des Solarteurs. (Bild: Laura König)

Auf seine Wissensfragen bekommt er fachmännische Antworten. "Das ist kein Hexenwerk auf dem Dach, aber trotzdem schwere körperliche Arbeit", erklärt Sobik. Da sind sich letztendlich alle einig.

Mit etwas Übung könnten die vier tatsächlich seine Handwerker auf dem Dach unterstützen. "Wir sind jetzt noch keine Experten, aber nach nicht mal einer Woche haben wir die Basics gelernt", erklärt Paul Kiesewetter, der sich mitten im Maschinenbau-Studium befindet und sich gut vorstellen kann, in den Semesterferien auf dem Dach mitzuschrauben.

Martin Krück hingegen ist mit seinem Informatik-Studium fast fertig und möchte sich nun umorientieren. "Mein Fachgebiet ist hoch spannend und macht Spaß, aber die Energiewende muss auf einer sehr absehbaren Zeitskala passieren. Ich werde jetzt für mich überlegen: Wo kann ich mein Vorwissen sinnvoll einbringen?" Sobiks Visitenkarte von Luxwatt nimmt er dankend entgegen.

Fachkräftemangel, aber Frauen bleiben draußen?

Siri Schwieder als einzige Frau in der Runde blickt nicht nur optimistisch auf die Branche. "Es wird immer nur von den 'Jungs auf dem Bau' gesprochen", kritisiert sie. "Alle reden vom Fachkräftemangel, es werden händeringend Leute gesucht, aber dann werden Menschen nur aufgrund ihres Geschlechts nicht in Betracht gezogen."

Luxwatt-Chef Sobik bestätigt, dass auch auf seinen Baustellen ausschließlich Männer die körperliche Arbeit machen. Die Studentin mutmaßt, dass es an einem veralteten Arbeitsschutzgesetz liegen könnte. Dort ist festgelegt, dass Männer bis zu 55 Kilogramm am Arbeitsplatz heben dürfen, Frauen jedoch lediglich 15 Kilo. Solarpaneele wiegen rund 25 Kilo. "Unverhältnismäßig" findet Schwieder den Unterschied.

Sobik sieht jedoch auch die Mentalität unter Handwerkern als Problem: "Dort herrscht ein rauer Umgangston, selbst ich komme nicht immer mit den Handwerkern zurecht. Wie soll das erst für eine junge Frau sein?"

Energiebürger
Auch bei Bürgerenergiegesellschaften kommt auf zwei Männer nur eine Frau, trotzdem sind sie damit schon ein Vorzeigebeispiel. (Bild: Daniel Förderer/​BBEn)

Schwieder hat vor ihrem Erneuerbaren-Studium schon zwei Jahre als Tontechnikerin gearbeitet und feststellen müssen, dass sexistische Kommentare dort zum Alltag gehören. "Es ist anstrengend, die ganze Zeit mit Menschen zu arbeiten, die mir erzählen, dass ich in meinen Job nicht hingehöre, weil ich eine Frau bin", erklärt sie. Dennoch zweifelt sie nicht daran, dass sie ihren Platz in der Solarbranche finden wird, den Widerständen zum Trotz.

In den Berufen, die zum Ausbau der Solar- und Windenergie benötigt werden, fehlen insgesamt 216.000 Fachkräfte, ergab eine Studie des Kompetenzzentrums Fachkräftesicherung (Kofa) für das vergangene Jahr. Allein in der Bauelektrik fehlt es an 17.000 Fachkräften. In der Solarwirtschaft waren nach Branchenangaben Ende 2022 insgesamt rund 65.000 Menschen beschäftigt.

Dabei sind Frauen stark unterrepräsentiert. Laut der Kofa-Studie waren in neun von 15 der relevanten Berufe für die Energiewende weniger als zehn Prozent der Beschäftigten Frauen. Bei einem Drittel der Berufe lag der Frauenanteil sogar bei unter fünf Prozent. Ohne Frauen in der Branche wird es also schwierig mit der Energiewende.

"Wir brauchen gute und gerechte grüne Jobs"

Gebraucht werden aber auch Elektriker:innen, erklärt Sobik seinen Schützlingen im kühlen Keller des Einfamilienhauses. Neben ihm steht sein Elektriker des Vertrauens, und nur er darf die Solaranlage auf dem Dach an die Hauseinspeisung und das Stromnetz anschließen. "Das hier unten ist wie ein kleines Kraftwerk, das ist gefährlich", betont er.

Ob Solarteurin oder Elektriker, der Fachkräftemangel bremst die Energiewende in Deutschland, bestätigt Sarah Müller vom Solarunternehmen Zolar bei einem Pressetermin im Solarcamp. "Wir haben eine paradoxe Situation: Wir haben die Konsument:innen, die zu grüner Energie wechseln wollen, wir haben aber nicht die Fachkräfte für die Menge, die wir eigentlich brauchen, um unsere ambitionierten Klimaziele zu erreichen."

Linus Dolder von Fridays for Future ergänzt: "Die Transformation hin zu null Emissionen ist ein gigantisches Projekt. Dafür brauchen wir Menschen, die Lust haben, diese Transformation umzusetzen. Das heißt auch: Wir müssen nachhaltige und gerechte Arbeitsplätze schaffen."

Dabei sei gerade bei jungen Menschen die Bereitschaft groß, "die Energiewende buchstäblich selbst in die Hand zu nehmen", betont der Klimaaktivist. Für das Solarcamp in Berlin hätten sich zehnmal so viele Menschen angemeldet, wie es Plätze gab.

Jetzt brauche es auf diese Bereitschaft auch eine politische Antwort, denn natürlich könne Fridays for Future mit einem solchen Camp nicht die Fachkräftelücke schließen. Nötig seien "einerseits eine Ausbildungsoffensive und andererseits politische Rahmenbedingungen und Anreize für gute und gerechte grüne Jobs", macht Dolder klar.

Aber auch die Unternehmen sind gefragt. Mit einer Viertagewoche und flexiblen Arbeitszeiten könnten auch die Firmen viel tun, um ihre Jobs attraktiver zu machen, sagt Sarah Müller von Zolar.

Attraktiv genug, damit junge und motivierte Menschen wie Siri Schwieder tatsächlich den Weg in die Solarbranche gehen. "Ich habe Bock, etwas zu verändern, statt nur konventionelle Kraftwerke zu bauen", sagt sie nach diesem dritten Camp-Tag.