Wenn der Riesling dem Chardonnay weichen muss

Wälder leiden, Ernten fallen aus und in diesem Winter trafen die steigenden Temperaturen auch den Eiswein. Doch nicht nur der Eiswein könnte bald Geschichte sein, weltweit sind ganze Weinanbaugebiete vom Klimawandel bedroht.


Zwei Weingläser auf einem Fass ind die Weißwein gefüllt wird
Bei kaum einer anderen Ware ist die Herkunft so entscheidend wie beim Wein. Durch den Klimawandel könnten sich Weinbaugebiete jedoch verschieben oder gar ganz verschwinden. (Foto: Pikrepo)

Ob Pinot Noir oder Chardonnay – wer in Burgund in der Mitte Frankreichs Urlaub macht, kann Wein von den berühmtesten Weinbergen der Welt verkosten. Wer dagegen lieber Riesling trinkt, der bleibt standesgemäß in Südwestdeutschland.

Bestimmte Rebsorten wachsen eben nur in bestimmten Regionen. Das liegt vor allem an den unterschiedlichen Temperaturen der jeweiligen Regionen. Doch durch den Klimawandel könnten sich die Anbaugebiete der Rebsorten nicht nur verschieben, sondern teilweise für den Weinbau sogar ungeeignet werden.

Dirk Renzelmann ist Winzer in Bad Dürkheim in der Pfalz, einer Region, die für die Rebsorten Riesling, Grauburgunder oder Dornfelder typisch ist. Und früher auch für Eiswein, ein Wein, der aus gefrorenen Trauben gewonnen wird. In diesem Winter war Eiswein jedoch für die meisten Winzer nicht zu ernten. Es wurde einfach nicht kalt genug.

Zunächst vermeldete das Deutsche Weininstitut sogar, es gebe in 2019 deutschlandweit gar keinen Winzer mit Eiswein. Kurz darauf korrigierte es diese Aussage jedoch und berichtete von vier Winzern, die die Rarität durch die spezielle Lage ihrer Weinberge doch herstellen konnten.

Denn die Trauben müssen bei mindestens minus sieben Grad Celsius im gefrorenen Zustand geerntet werden. Temperaturen, die der deutsche Winter kaum noch erreicht.

Deutsche Weingüter können sich anpassen

Angst, dass sein Weingut durch steigende Temperaturen unbrauchbar wird, hat Renzelmann jedoch nicht. Denn ihm bleibt die Möglichkeit, andere, an das wärmere Klima besser angepasste Rebsorten zu pflanzen.

Er könnte sich vorstellen, dass die Pfälzer Weinbauern in fünfzig Jahren nicht mehr Riesling, sondern mehrheitlich Chardonnay anpflanzen werden – den Riesling des Südens. Diese Veränderungen werden sich aber über Generationen hinziehen.

Einfach andere Rebsorten pflanzen können viele Weinbauern in anderen Regionen der Welt jedoch nicht. Würde die globale Temperatur um zwei Grad steigen, rechneten Wissenschaftler im US-Fachblatt Proceedings of the National Academy of Sciences jüngst aus, würden 56 Prozent aller derzeitigen Weinanbaugebiete der Dürre verfallen.

Bei einem Anstieg um vier Grad wären es sogar 85 Prozent aller Gebiete. Eine Bewässerung der Weingärten dürfte am knappen Gut Wasser scheitern.

Für die Studie errechneten die Forscher den Verlust von Gebieten sowohl im Zwei- als auch im Vier-Grad-Szenario. Dafür zogen sie Daten elf bekannter Weinsorten heran, die insgesamt 35 Prozent aller weltweit gepflanzten Weinreben ausmachen. Untersucht wurden beispielsweise Merlot, Riesling und Chardonnay.

Als Mittel, um dem Verlust der Gebiete entgegenzuwirken, schlagen die Wissenschaftler eine Diversifizierung der Traubensorten vor. Doch selbst dann würden im Zwei-Grad-Szenario noch 24 Prozent der globalen Flächen verschwinden.

Spaniens und Italiens Winzer sind Verlierer des Klimawandels

Besonders betroffen sind die Länder Spanien und Italien. Das veranschaulichen die Forscher mit einer Gewinn- und Verlustrechnung. Bei einem Temperaturanstieg um zwei Grad würde Spanien beispielsweise 65 Prozent der Anbaufläche verlieren und nur fünf dazugewinnen können. Für Italiens Weinlandschaft fällt die Rechnung ähnlich ernüchternd aus.

Um festzustellen, wie die jeweiligen Rebsorten bei unterschiedlichen Temperaturen gedeihen, untersuchten die Wissenschaftler Aufzeichnungen von 1956 bis 2015 zu Knospenbildung, Blüte und Reifung. Diese analysierten sie im Zusammenhang mit den globalen Temperaturmessungen von 1880 bis 2013 und lokalen Wetterdaten nahe der Weinanbaugebiete.

In Deutschland ist die Gefahr des Weinbauverlusts zwar längst nicht so hoch, doch dass der deutsche Weinbau ein "Gewinner des Klimawandels" ist, wie Ernst Büscher von der Marketingorganisation Deutsches Weininstitut (DIW) die Prognosen verkauft, ist zu bezweifeln.

Denn dass sich deutsche Winzer gegen den Klimawandel wappnen müssen, zeigen auch die Risiken und Strategien, die das DIW benennt. So empfiehlt die Marketingorganisation beispielsweise die Neuanlage ganzer Weinberge, eine Neuausrichtung der Reben oder auch eine Beschattung der Trauben, um die Reife zu verzögern. Denn eine früher beginnende Rebblüte infolge wärmerer Temperaturen im Frühjahr ist der Gefahr von Spätfrösten stärker ausgesetzt.

Schon jetzt beobachtet der Pfälzer Weinbauer Renzelmann zudem vermehrt Pflanzenschädlinge aus Südeuropa, wie die Zikade, die sich mittlerweile hier sehr wohlfühlt und somit zu Ernteausfall und Qualitätseinbußen beitragen kann.

Wärmere Sommer bedeuten nicht besseren Geschmack

Außerdem steigt die Gefahr von Ernte- und Qualitätsverlust sowohl durch Starkregen als auch durch Hagel und Dürreperioden – Wetterextreme, die der Klimawandel verursacht. Zwar dringen die Wurzeln von Weinreben sehr tief in den Boden ein, sagt Winzer Renzelmann, doch die beste Weinernte gebe es bei ausreichender und gleichmäßiger Wasserversorgung und nicht bei Starkregen.

"Steigende Temperaturen lassen den Alkoholgehalt im Wein steigen, aber die Fruchtaromatik beim Riesling wird darunter sehr leiden." Fruchtige Aromen wie zum Beispiel Zitrus, Apfel und exotische Fruchtaromen würden dann weniger stark im Wein schmeckbar, erklärt der Winzer. "Ein schöner Weinsommer ist eben immer noch ein schlechter Urlaubssommer."

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