"Die Kuh ist kein Klimakiller"

Der Kasseler Professor Onno Poppinga arbeitet an der Ehrenrettung des Wiederkäuers. "Nicht die Kuh ist das Problem, sondern die Industrialisierung der Landwirtschaft, die nicht mehr in Kreisläufen wirtschaftet", sagt der Agrarwissenschaftler.


Rinder auf einer Weide in Ostfriesland, hinten stehen Windräder.
"Wer aus Ackerland Grünland macht und es von Kühen beweiden lässt, entlastet die Klimabilanz." (Foto: Erich Westendarp/​Pixabay)

"Milch macht müde Männer munter", hieß es. Und: "Die Milch machts." Oder: "Milch gegen Maroditis."

Diese Zeiten sind vorbei. Zündende Werbeslogans gibt es heute eher für Hafer-Drinks und andere Milch-Alternativen. "Wie Milch, aber für Menschen", plakatiert, zum Beispiel, der Hersteller Oatly.

Wer als (Noch-)Milchtrinker die Infos auf dessen Packungen liest, bekommt ein schlechtes Gewissen. Der CO2-Fußabdruck betrage nur 0,5 Kilogramm pro Liter. Bei Milch sind es im Schnitt rund dreimal so viel, nämlich 1,5.

Fakt ist: Die Milch – und damit die Kuh – hat ein Imageproblem. Immer mehr Verbraucherinnen und Verbraucher schwenken um, sie schütten sich stattdessen Soja-, Hafer- oder Mandeldrinks in den Kaffee. Der Absatz der Milchalternativen steigt, der Konsum der Kuhmilch sinkt, zumindest leicht. Die Klimadebatte verändert das Verbraucherverhalten.

Onno Poppinga ärgert das, in diesem speziellen Fall. "Die Kuh ist nicht das Problem. Sondern, wie man heute mit ihr umgeht", sagt der frühere Landwirtschaftsprofessor aus Nordhessen. Er will zur Ehrenrettung jenes Nutztiers beitragen, dem, so sagt er, "zu Unrecht die Hauptverantwortung an der Klima-Misere der heutigen Landwirtschaft zugeschoben wird".

Poppinga wuchs auf einem Bauernhof in Ostfriesland auf, er war bis 2009 Professor für regionale Agrarpolitik an der Universität Kassel-Witzenhausen und ist heute, als 77-Jähriger, noch Nebenerwerbslandwirt mit zehn Hektar Grünland.

In einer Studie hat er die Veränderung der Rinderhaltung in Deutschland und Europa in den letzten zwei Jahrhunderten analysiert. Er schließt daraus: "Nicht die Kuh ist das Problem, sondern die Industrialisierung der Landwirtschaft, die nicht mehr in Kreisläufen wirtschaftet."

Heute weniger Methan aus Kühen als um 1950

Natürlich, sagt er, geben die Kühe als Wiederkäuer – mit bis zu 30.000 Kaubewegungen pro Tag – viel Methan und andere Gase ab, vor allem durch den Atem. Zu Deutsch: Sie rülpsen (und furzen), was das Zeug hält. Methan ist als Treibhausgas pro Molekül weit wirksamer als CO2, auch wenn es den Vorteil hat, bereits nach zwölf Jahren wieder aus der Atmosphäre zu verschwinden, während CO2 bis zu 1.000 Jahren dort verbleibt.

"Ohne das Wiederkäuen könnten die Kühe Gras und Klee gar nicht verdauen und in Milch und Fleisch umwandeln", erläutert der Professor. Aber: Das täten sie schon seit vielen Jahrtausenden, und zwar, zumindest in Europa, auch in sehr großen Stückzahlen – und ohne dass dadurch das Weltklima destabilisiert wurde.

Poppingas Hauptargument: Die Zahl der Kühe in Deutschland (und vergleichbaren Staaten) ist seit Mitte des 20. Jahrhunderts deutlich zurückgegangen – und damit auch die dadurch verursachte Menge an Methan. So gab es in Deutschland (West und Ost) um 1950 noch rund 7,4 Millionen Milchkühe, heute dagegen weniger als vier Millionen.

"Auch wenn durch die Intensivierung der Fütterung die Methanmenge pro Kuh deutlich zugenommen hat, so ist die Methanabgabe für alle Kühe zusammen genommen doch gesunken", erläutert der Experte. Nämlich von rund 615.000 auf 484.000 Tonnen, also um rund ein Fünftel.

Interessantes Detail: Die Industrialisierung setzte in der Landwirtschaft etwa ein Jahrhundert später ein als in Industrie und Verkehr. "Es gab in Deutschland um 1950 kaum Traktoren, keine Mähdrescher, keine Melkmaschine, kaum mineralischen Stickstoffdünger, keine systemischen Pestizide – aber über eine Million Arbeitskühe und -ochsen", so Poppinga. Damals seien noch 80 Prozent der Zugarbeit von Pferden und Kühen erledigt worden.

Bio-Kreislaufwirtschaft mit Wiederkäuern

Natürlich streitet Poppinga nicht ab, dass die Landwirtschaft zur Klimakrise beiträgt und dass es Veränderungen in der Bewirtschaftung braucht. In Deutschland macht ihr Anteil am Treibhausgasausstoß rund acht Prozent aus.

"Der tatsächliche Änderungsbedarf in der Landwirtschaft mit Blick auf das Klima besteht vor allem bei den Lachgas-Emissionen, beim Ammoniak und beim Verbrauch an Kunststoffen wie im Spargelanbau", sagt er. Lachgas entsteht durch den Einsatz von Kunstdünger und zu viel Gülle aus der Massentierhaltung auf den Feldern.

Onno Poppinga mit Kalb im Stall.
Onno Poppinga. (Foto: privat)

Hinzu komme, dass die früher bestehende Koppelung der Tierzahlen an die verfügbare Fläche – für Futter und zur Aufnahme der Ausscheidungen – aufgegeben worden sei. "Wir importieren riesige Mengen Soja als Kraftfutter vor allem für die intensive Schweine- und Geflügelhaltung aus den USA und Brasilien, und damit sprengen wir die Kreisläufe", kritisiert Poppinga.

Der Übergang zu einer Landwirtschaft, die sich vorzugsweise auf die Ressourcen des eigenen Betriebes ohne Futtermittelimporte in diesen Dimensionen konzentriert, sei hier die richtige Antwort. Den Bio-Landbau sieht der Experte hier als Hauptansatz, und gerade für die von Ökobetrieben angestrebte Kreislaufwirtschaft seien die Wiederkäuer Kühe, Schafe und Ziegen sogar besonders wichtig.

Auf die Kühe sowie die Milchbauern und Milchbäuerinnen kommen in Poppingas Idealwelt einige Veränderungen zu. Er plädiert dafür, nicht mehr Tiere zu halten, als die zur Verfügung stehende Agrarfläche hergibt. Massenställe mit Hunderten von Kühen, wie heute teils üblich und von der Agrarpolitik finanziell stark gefördert, gäbe es dann nicht mehr.

"Und man sollte nur wenig Kraftfutter verfüttern, denn das Kraftfutter erhöht die Methanmenge pro Kuh." Die Kühe gäben dann zwar weniger Milch, doch sie seien gesünder und lebten länger. Außerdem könne Deutschland seinen Selbstversorgergrad von 120 Prozent und damit die Exporte herunterfahren.

Es gibt Milchbetriebe, die heute schon so arbeiteten, biologische und konventionelle. Poppinga hat sie analysiert. "Sie sind im Schnitt sogar profitabler." Das werde in der politischen Diskussion und von den meisten Agrarwissenschaftlern aber komplett übersehen.

Grünland bindet viel mehr CO2 als Ackerland

Allerdings: Daran, dass auch eine extensiv und im "Futter-Kuh-Mist-Kreislauf" hergestellte Milch nun einmal faktisch Treibhausgase produziert, kommt Poppinga nicht vorbei. "Das ist bei den Milch-Alternativen aber auch so", sagt der Professor. Das heißt, in jedem Fall müssen für eine "Netto-Null" bei den Treibhausgasen, die 2045 erreicht sein soll, Ausgleichsmaßnahmen her, die CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen und speichern.

Und hier, sagt Poppinga, ist die Kuh im Vorteil. Denn das Grasland, von dem ihr Futter kommt, sei eben ein sehr guter CO2-Speicher. In einem Hektar Acker seien im Schnitt 100 Tonnen organisches – kohlenstoffhaltiges – Material gebunden, in einem Hektar Grasland aber etwa doppelt so viel. Der Professor: "Wer aus Ackerland Grünland macht und es von Kühen beweiden lässt, der entlastet die Klimabilanz."

Also sogar besser Milch statt Haferdrink kaufen? Poppinga jedenfalls trinkt Milch, einen halben bis einen Liter pro Tag, und er isst fast täglich Käse, "aber ja". Das heißt, ohne auch nur einen Anflug schlechten Gewissens. Bis vor zehn Jahren hat er sogar noch eigene Kühe gehabt, das sei am besten gewesen.

Der Professor gibt sich sicher: "Die Kuh ist kein Klimakiller." Sondern eher "das achte Weltwunder". So hat es vor Jahren bereits Poppingas österreichischer Kollege Alfred Haiger formuliert – wegen ihrer Fähigkeit, schlichtes Gras über die Milch für die Ernährung der Menschen nutzbar zu machen.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier