Die Exxon Valdez und der Columbia-Gletscher

Heute vor 30 Jahren verunglückte der Öltanker "Exxon Valdez" und verursachte die zweitgrößte Ölpest der Geschichte in US-Gewässern. Mittlerweile hat sich die Natur weitgehend erholt, außer einer Unterart von Schwertwalen.


Ein sogenannter Killerwal springt aus dem Wasser, daneben ist die Rückenfinne eines zweiten zu sehen.
Schwertwale im Golf von Alaska: Wahrscheinlich wurde eine örtliche Unterart durch die Exxon-Valdez-Katastrophe ausgelöscht. (Foto: Christopher Michel/​Wikimedia Commons)

Endlich. Öl. Nach Jahren erfolgloser Suche war im März 1968 klar, dass es bei Prudhoe Bay in Nordalaska tatsächlich Öl gibt. Es sollte das größte Ölfeld in den USA werden. Doch der Ort an der Beaufortsee liegt weit nördlich des Polarkreises und ist bestenfalls im Sommer ohne Eisbrecher erreichbar.

Für den Transport des Öls nach Süden wurden daher verschiedene Möglichkeiten geprüft – von U-Booten, die unter dem Eis durchtauchen, bis zu Tankflugzeugen. Gebaut wurde dann eine Pipeline – eine 1.300 Kilometer lange Röhre mit 1,20 Metern Durchmesser. Sie endet in Valdez an Alaskas Südküste, einem 4.000-Einwohner-Städtchen mit einem eisfreien Hafen am Prinz-William-Sund. 1977 erreichte das erste Öl das nagelneue Terminal.

Zwölf Jahre später, am 23. März 1998 kurz nach neun Uhr abends, legte der Tanker "Exxon Valdez" von diesem Terminal ab. Die Ladung: 1,2 Millionen Barrel Prudhoe-Öl. Kapitän Joseph Hazelwood kannte die Strecke.

Zuerst musste er den Valdez-Arm passieren, der an seiner schmalsten Stelle nur einen Kilometer misst. Anschließend kommt der Columbia-Gletscher an Steuerbord. Ist erstmal der Prinz-William-Sund erreicht, ist man schon fast im offenen Meer, im Golf von Alaska.

Karte zum Hergang des Exxon-Valdez-Unglücks am 24. März 1989.
Tankerroute durchs Gletschereis: Ablauf des Exxon-Valdez-Unglücks am 24. März 1989. (Karte: UNU)

20 Minuten vor Mitternacht zeigte das Radar Eis im Wasser – der Gletscher hatte gekalbt. Hazelwood entschied, in die südliche Fahrrinne zu wechseln, ein Routinemanöver. Per Funk ließ er den Hafen in Valdez wissen: "Sobald wir das Eis vom Columbia hinter uns haben, geben wir euch einen weiteren Funkruf." Dann ging er ins Bett und übergab das Kommando an Gregory Cousins, seinen Dritten Offizier.

Noch heute Öl am Ufer

Nach einer Viertelstunde war die südliche Fahrrinne erreicht, doch Cousins korrigierte den Kurs nicht. Eigentlich hätte ihn kurz darauf das Raycas-Radar warnen sollen, doch das Gerät war schon seit über einem Jahr kaputt.

Erst vier Minuten nach Mitternacht erkannte er, dass sein Schiff viel zu weit südlich fuhr. Er steuerte um, doch es war zu spät: Der Tanker lief auf das Bligh-Riff und acht der elf Öltanks schlugen leck.

In den folgenden Tagen flossen 260.000 Barrel Rohöl ins Meer. Es war die größte Ölpest in US-Gewässern – bis zur Deepwater-Horizon-Katastrophe im Jahr 2010.

Die Ölstadt Valdez war schlecht auf das Unglück vorbereitet. Es fehlte an Chemikalien, um das Öl zu binden, und an schwimmenden Barrieren, um seine Verbreitung zu stoppen. Der Versuch, das Erdöl abzufackeln, scheiterte am Wetter und dann zog auch noch ein Sturm auf. Dieser warf das Öl an die Steinstrände entlang des Prinz-William-Sunds.

Grafik mit Arten und Lebensräumen, die nach der Exxon-Valdez-Katastrophe wiederhergestellt wurden.
28 Arten- und Lebensraumtypen wurden nach offizieller Zählung geschädigt, vor fünf Jahren waren 15 davon wiederhergestellt. (Grafik: NOAA

Office of Response and Restoration

)

Bis zu einer Viertelmillion Vögel, 2.800 Seeotter und eine unbekannte Zahl an Fischen fielen dem Unglück zum Opfer. Gut 300 Kilometer Küste waren stark mit Öl kontaminiert. Exxon investierte zwei Milliarden US-Dollar in die Behebung der Schäden und hatte zeitweise 11.000 Arbeiter vor Ort. Doch auch 30 Jahre nach dem Unglück findet sich heute immer noch Öl zwischen den Steinen und im Sand.

Der wohl größte Verlust ist aber die AT1-Unterart von Schwertwalen, auch Orcas genannt. Die AT1-Orcas sind nur aus dem Prinz-William-Sund bekannt und hatten vor dem Unglück eine Population von nur 22 Tieren. Direkt nach dem Unglück wurden vier davon fotografiert, wie sie durch den Ölschlick schwimmen. Mittlerweile sind sie wahrscheinlich ausgestorben.

Glaziologen hatten Exxon gewarnt

Doch zurück zum Funkspruch von Kapitän Hazelwood, denn dieser enthält den eigentlichen Grund für die Exxon-Valdez-Katastrophe. Schon zwei Jahre vor Inbetriebnahme des Valdez-Ölterminals war bekannt, dass der Columbia-Gletscher instabil ist. Das hat ein Journalismusprojekt der New Yorker Columbia-Universität herausgefunden, nach der der Gletscher benannt ist.

Im Jahr 1975 warnte der Glaziologe Austin Post: Der Gletscher werde sich voraussichtlich zurückziehen, was dazu führe, dass "ein riesiger Eisblock in den Prinz-William-Sund treibt". Später untersuchten Post und sein Chef bei der US-Geologiebehörde, Mark Meier, den Columbia-Gletscher mit Radar und setzten ihn auf eine Gefahrenliste.

Im Jahr 1983 begann dann der Kollaps des Gletschers und Meier warnte Exxon zwei Jahre darauf, dass der Gletscher zehn Millionen Tonnen Eis verliere – pro Tag. Im gleichen Jahr schrieb Meier in einer Studie: "Gletscher sind Indikatoren, vielleicht die sensibelsten in der Natur, für klimatische Veränderungen."

Der Ölkonzern Exxon, der jahrzehntelang alles getan hat, um die Gefahren des Klimawandels herunterzuspielen, wurde so eines der ersten bekannten Opfer der Erwärmung. 30 Jahre später ist die Gefahr für die Schifffahrt durch den Columbia-Gletscher aber schon wieder gebannt: Der Eisstrom hat sich um knapp 20 Kilometer zurückgezogen und die Hälfte seiner Dicke verloren.

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