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Talsperren lernen vom Hochwasser

Während die Betreiber der Talsperren aus der Starkregenkatastrophe des letzten Jahres zu lernen beginnen, halten sich die Bundesländer zurück. Noch immer ist die geplante Taskforce zum Schutz gegen Hochwasser aus Talsperren bei Starkregen nicht eingesetzt.


360-Grad-Panoramafoto der Wuppertalsperre und der Vorsperre am Panzerbach.
Die Wuppertalsperre bei Radevormwald und eine Vorsperre. Ein 360-Grad-Blick wie hier fehlt bei vielen Verantwortlichen noch. (Foto: Ruben Wisniewski/​Cyrotux/​Wikimedia Commons)

Bei der Hochwasserkatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen am 14. Juli letzten Jahres kam es an der Wupper-Talsperre zum Überlaufen. Abfluss war gleich Zufluss, die Talsperre schützte nicht mehr.

Damit wurde eine spezielle Form von menschengemachtem Hochwasser herbeigeführt: Das Überlaufen als Ultima Ratio wurde zugelassen, weil der Stauraum, den man für diesen Extremfall im Sommer gelassen hatte, aufgebraucht war.

Während es an Ahr und Erft an voraussagenden Warnungen vor einem Naturereignis fehlte, gab es an der Wupper eine ganz andere Ursachen-Konstellation, die für Talsperren als Schutzbauwerke typisch ist. An der Ahr gibt es keine Talsperren. Auch war der Schaden, der flussabwärts an der Wupper durch das Überlaufen eintrat, um Größenordnungen geringer als der in den Tälern, die das Wasser aus der Eifel abführen.

Auch wenn die Flut im Tal der Wupper in der Nacht vom 14. zum 15. Juli 2021 noch einigermaßen glimpflich abging, ist das kein Grund, aus diesem Ereignis keine Lehren, keine Konsequenzen ziehen zu wollen.

Es wäre geradezu verbockt, sich auf den Standpunkt zu stellen und sagen: "Wir lernen nur aus richtigen Katastrophen!" Und: "Wir lernen nur dort, wo ein großer Schaden eingetreten ist!"

Talsperren gibt es in Deutschland in sämtlichen Mittelgebirgslagen. In etwa der Hälfte der Bundesländer können ähnliche Schäden wie an der Wupper auftreten. Sicher wissen auch alle Talsperrenbetreiber, was an der Wuppertalsperre geschehen ist. Doch die an den Unterläufen der Flüsse lebende Bevölkerung und ihre Stadtverwaltungen wissen es eher nicht.

Die schlechte Nachricht ist: Noch immer ist eine länderübergreifende Taskforce zum Schutz gegen Hochwasser aus Talsperren bei andauernden stationären Starkregenlagen nicht eingesetzt worden.

Die sehr gute Nachricht ist: Vor Ort, beim Wupperverband, wurde aus den Ereignissen gelernt. Allerdings ist das Thema bei der Bezirksregierung, die die Aufsicht über das Talsperrenmanagement innehat und bei Interessenkonflikten entscheidet, offenbar noch nicht auf großes Interesse gestoßen.

Talsperrenbetreiber im Interessenkonflikt

Worum es geht, liegt auf der Hand. Talsperren dienen einer Vielzahl von Zwecken: unter anderem der Trinkwassergewinnung, dem Flutschutz und dem Wasserausgleich für flussabwärts gelegene Gewässer in Dürrezeiten.

Dient etwas mehreren Zielen, kann es zu Konkurrenzen kommen. Mit diesem Konfliktpotenzial muss man sich beim Management der Anlagen vorab befassen. Das gilt besonders dann, wenn der Talsperrenbetreiber selbst Interessen hat. Dann ist die Politik gefragt.

In Zeiten vor dem Klimawandel galt der Erfahrungswert: Dürre kann im Sommer auftreten, Starkregen mit Hochwassergefahr allein in den restlichen Jahreszeiten. Der theoretisch denkbare Konflikt zwischen dem Hochwasserschutz und dem Schutz von Biotopen und Unterlieger-Betrieben vor Dürre tauchte praktisch nicht auf. Die Politik war nicht gefragt.

Doch dieses Zeitalter ist bekanntlich zu Ende gegangen. Und das nicht erst im Sommer 2021. Wer lernen wollte, konnte schon aus dem Weißeritz-Unglück im Sommer 2002, dem damaligen Überlaufen des Sperrwerks oberhalb von Dresden, ablesen, worauf es im neuen Klimawandel-Zeitalter ankommt.

Das Dilemma, vor dem ein Talsperrenbetreiber wie der Wupperverband steht, ist klar. Er hat sich zu entscheiden: Soll ich meinen Wasservorrat, der Millionen Euro wert ist, wirklich aus der Hand geben wegen einer örtlich unpräzisen Ankündigung, dass große Regenmengen wahrscheinlich im Wupper-Verbandsgebiet herunterkommen?

Was ist, wenn das Wasser vorsorglich abgelassen wird, um Raum für den vielleicht kommenden Starkregen zu schaffen – und die Regenmengen gehen dann in der Nachbarregion, beim Nachbarverband nieder? Dann wäre der Vorsorgeaufwand für die Katz.

Zuständigkeiten bleiben unübersichtlich

Solche Fragen kann man offenbar nicht den Betreiberverbänden zur spontanen Entscheidung in einer aufkommenden Extremsituation überlassen.

Das dramatische Geschehen im Jahr 2002 an der Weißeritz und die wiederkehrenden Ereignisse in den Jahren danach führten 2013 zu einer Sonderkonferenz der Umweltminister von Bund und Ländern zum Hochwasserschutz.

Porträtaufnahme von Hans-Jochen Luhmann.
Foto: Wuppertal Institut

Jochen Luhmann

studierte Mathematik, Volks­wirtschafts­lehre und Philosophie und promovierte in Gebäude­energie­ökonomie. Er war zehn Jahre als Chef­ökonom eines Ingenieur­unternehmens und 20 Jahre am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie tätig. Er ist Heraus­geber der Zeit­schrift Gaia und Vorsitzender des Beirats der Vereinigung Deutscher Wissen­schaftler.

Hochwasserschutz wird seitdem als Fachpolitik intensiv betrieben. Konkrete Arbeitsaufträge werden in der Umweltministerkonferenz abgestimmt und an die Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser (Lawa) gegeben.

Aber die Zuständigkeiten für die Probleme sind nach wie vor unübersichtlich. Das, wofür Lösungskonzepte nicht so leicht zur Hand sind, wird erst einmal ausgeblendet.

Dazu gehören erstens kleinräumige Starkniederschlagsereignisse und daraus resultierende örtliche Extremhochwasser. Das zeigt sich schon am Titel des jüngsten Arbeitspapiers der Lawa vom März 2021, das von der Umweltministerkonferenz bestätigt wurde: "Bericht zur Evaluation der Handlungsempfehlungen zur weiteren Verbesserung von Grundlagen und Qualität der Hochwasservorhersage an den deutschen Binnengewässern".

Sowohl die kleinsträumigen, durch Gewitterzellen verursachten Hochwasser als auch das Stichwort Talsperrenmanagement und die entsprechenden Zielkonflikte fehlen in dem Papier völlig.

Zu den schwierigen Feldern gehört zweitens offenkundig das Problem, wenn Hochwasser durch unzureichendes Talsperrenmanagement mehr schlecht als recht bewältigt wird.

Wupperverband will neue Strategie entwickeln

Bereits im vergangenen Februar hatte der Wupperverband ein "Zukunftsprogramm Hochwasserschutz" vorgestellt und einen Einblick gegeben, welche Konsequenzen er zunächst einmal für den diesjährigen Sommer zu ziehen gedachte. Der Verband kündigte an, dass er die Initiative ergreifen und eine kurzfristige Bewirtschaftungsstrategie mit seinen Mitgliedern und den Behörden abstimmen werde.

Angedacht war, in den großen Talsperren am Oberlauf der Wupper 4,5 Millionen Kubikmeter Stauraum freizuhalten, um Regenmengen abpuffern zu können. Dies würde dann eine etwas geringere Wasserabgabe aus der Wuppertalsperre nach sich ziehen, zur sogenannten "Niedrigwasseraufhöhung" in den Sommermonaten.

Am Ende wurde entschieden, in der Wuppertalsperre im Sommer 2,5 Millionen Kubikmeter freizuhalten, in der Bevertalsperre und der Neyetalsperre jeweils eine Million.

Darüber hinaus soll für den Fall, dass der Deutsche Wetterdienst für das Sommerhalbjahr große Regenmengen vorhersagt, untersucht werden, ob der aktuelle Rückzugsraum für das Wasser ausreicht oder ob zusätzlicher Raum geschaffen werden muss.

Um die teils gegenläufige Ziele – Hochwasserschutz, Niedrigwasseraufhöhung in Trockenphasen und Wasserbereitstellung – zu vereinbaren, will der Wupperverband zudem "in Abstimmung mit Behörden und Mitgliedern eine neue Bewirtschaftungsstrategie der Talsperren mit angepassten, dynamischeren Betriebsregeln entwickeln".

Das ist noch nicht die Lösung, es ist aber eine gute Nachricht: Man will sich dem Konflikt stellen. Die schlechte Nachricht ist, dass die Landesregierung beziehungsweise die Bezirksregierungen nicht die Führung übernehmen. Eine Neuregelung allein für den Wupperverband kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

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