Eine dreiköpfige chinesische Familie fährt auf einem leichten Motorroller.
Familienpolitik hat oft nicht die beabsichtigte Wirkung. (Bild: Laurent Bélanger/​Wikimedia Commons)

China gehen die Menschen aus. Seit 2017 hat sich die Zahl der Kinder, die eine Frau in ihrem Leben bekommt, fast halbiert. Damals hatten Chinesinnen im Schnitt noch 1,81 Kinder. Heute ist es nur noch ein Kind. Das zeigen Zahlen des chinesischen Thinktanks Shanghai Academy of Social Sciences (SASS).

Der rapide Rückgang setzte ironischerweise mit dem Ende der Ein-Kind-Politik ein. Von 1979 bis 2016 konnten Eltern bestraft werden, wenn sie mehr als ein Kind hatten. Dadurch sank die Zahl der Kinder pro Frau von 2,7 auf 1,7.

Ab 2016 galt dann eine Zwei-Kind-Politik und seit 2021 gilt sogar eine Drei-Kind-Politik. Chinas Regierung macht es nun attraktiver, viele Kinder zu haben. Doch die Anreize zeigen nicht die gewünschte Wirkung. Chinas Frauen bekommen immer weniger Kinder.

China ist in Ostasien allerdings keine Ausnahme. Auch in Südkorea, Taiwan, Singapur und Hongkong haben Frauen im Schnitt nur ein Kind oder weniger. Das gemeinhin als kinderarm geltende Japan ist dadurch ein relativ geburtenstarkes Land in Ostasien: Japanerinnen bekommen in ihrem Leben durchschnittlich 1,3 Kinder, so die Zahlen des US-Instituts Population Reference Bureau.

Zum Vergleich: Frauen in Deutschland haben 1,5 und US-Amerikanerinnen sogar 1,7 Kinder. Damit die Bevölkerung eines Landes ohne Einwanderung stabil bleibt, müssen Frauen im Schnitt 2,1 Kinder gebären.

Weltweit wird dieser Wert mit 2,2 Kindern pro Frau noch knapp übertroffen, sodass die Weltbevölkerung noch wächst und vorletztes Jahr acht Milliarden erreicht hat. Ab dem Jahr 2070 wird die Zahl der Menschen dann aber zurückgehen, schätzt das International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA), ein Wiener Forschungsinstitut.

Wirtschaftliche Folgen des Bevölkerungsrückgangs unklar

In China tut sie das schon jetzt. Im Jahr 2022 schrumpfte Chinas Bevölkerung um 850.000 und letztes Jahr sogar um zwei Millionen Menschen. China hat jetzt noch 1,4 Milliarden Menschen und ist seit letztem Jahr nicht mehr das bevölkerungsreichste Land der Welt. Diesen Titel trägt nun Indien.

Und in China wird die Bevölkerung weiter zurückgehen. Nach SASS-Schätzung wird es im Jahr 2100 nur noch 525 Millionen Chinesinnen und Chinesen geben.

Die Gründe für die geringe Geburtenrate in China sind die gleichen wie in anderen Ländern: Frauen verbringen mehr Zeit in Ausbildung und heiraten seltener, und wenn, dann später. Kinder sind außerdem teuer, weswegen sich viele Familien mit weniger Kindern begnügen als sie wollen.

In China könnte allerdings noch ein weiterer Grund dazu kommen: Da die meisten potenziellen Eltern wegen der Ein-Kind-Politik selbst keine Geschwister hatten, könnte sich die Ein-Kind-Familie als soziale Norm durchgesetzt haben.

Welche Folgen ein so starker Rückgang der Bevölkerung haben wird, ist unklar. Eine IIASA‑Studie aus dem letzten Jahr kommt zum Ergebnis: "Wirtschaftliche und demografische Theorien konnten bisher keine eindeutige Vorhersage über die Folgen des Bevölkerungsrückgangs machen."

Weitgehender Konsens besteht nur darüber, dass eine kleinere Bevölkerung weniger Ressourcen verbraucht, sodass die Belastung der Umwelt abnimmt.

Ob ein Bevölkerungsrückgang der wirtschaftlichen Dynamik schadet, ist hingegen schon umstritten, schließlich gingen "niedrige Geburtenraten mit wirtschaftlichem Erfolg" einher. Mit steigendem Einkommen haben Menschen typischerweise weniger Kinder.

Umkehren lässt sich dieser Trend kaum. Laut der Studie ist es "unwahrscheinlich", dass die niedrige Geburtenrate rückgängig gemacht werden kann. Auch eine Vier- oder Fünf-Kind-Politik wird China also nicht helfen.