Entmüllen, entmisten, weniger Zeug

Das Mitmach-Projekt "Mein Ding!" soll erforschen, ob das Ausmisten und Entrümpeln der Haushalte Umwelt und Psyche schont. Mehr als 500 Menschen haben sich schon angemeldet.


Viele Haushaltsgegenstände, teils in Plastikkisten, wurden neben- und übereinander gestellt.
Überkonsum ist ein Problem, das manche gerne hätten, während andere damit nicht mehr klarkommen. (Foto: Trekandshoot/​Shutterstock)

"Die vielen Dinge machen arm". So hieß ein viel gelesenes Buch aus der Anfangszeit der Umweltbewegung. Autor Peter Mosler zog darin 1981 gegen die – freilich damals noch schwächer ausgeprägte – Konsumwelt zu Felde. Inzwischen ist das Problem der Überflussgesellschaft erneut größer geworden. Und es gibt eine Gegenbewegung.

In den vergangenen Jahren sind etliche Konzepte rund ums Ausmisten und Entrümpeln von Wohnungen und Häusern entstanden, zum Beispiel: Konmari-Methode, Death Cleaning, 30‑Tage-Challenge.

Die TU Berlin, der Infodienst CO2-Online und das Berliner Forschungsinstitut Conpolicy haben nun ein Bürgerwissenschaftsprojekt aufgelegt, um zu erkunden, ob dieses "Decluttering" (Entmüllen) dazu beitragen kann, langfristig weniger zu konsumieren – und damit Klima und Umwelt zu entlasten. Titel: "Mein Ding!"

Wohl kaum zu bestreiten: In den letzten Jahrzehnten ist die Zahl der Gegenstände, die die Deutschen besitzen, enorm gewachsen. Vor 100 Jahren kam ein durchschnittlicher Haushalt mit rund 180 Gegenständen aus. Inzwischen horten die Deutschen laut dem Statistischem Bundesamt im Schnitt rund 10.000 Dinge pro Kopf in ihren vier Wänden.

In Selbstversuchen hat die Greifswalder Architektin Henrike Gänß vor Jahren einmal getestet, was das heißt. Sie zählte alles, was sie besaß. Sie kam auf 2.506 Gegenstände mit einem Gesamtgewicht von rund 3,5 Tonnen. Nebeneinander gelegt, hätte das eine Strecke von 903 Metern oder eine Fläche von 273 Quadratmetern ergeben.

Judith Gebbe, eine BWL-Studentin aus Iserlohn, versuchte das Experiment später zu wiederholen. Sie war bei 2.198 angekommen, als sie ihre Zählung entnervt abbrach, darunter 251 Kleidungsstücke, 237 Deko-Gegenstände, 122 Nägel und Schrauben, 100 Bücher, 100 alte Bravo, 21 Kugelschreiber, 17 Paar Schuhe, acht USB-Sticks, sechs Scheren, drei Trinkflaschen und zwei Stofftiere.

Interessant ist, wie Gänß ihre Dinge bewerte. Von den 2.506 Gegenständen stufte sie nur 18 Prozent als wirklich wichtig ("lebensnotwendig") ein. Der Anteil der nie bis fast nie genutzten Gegenstände betrug 46,5 Prozent, fast die Hälfte. Ein enormer Ressourcen- und Energieverbrauch also, der für mehr oder minder Unwichtiges verpufft.

Hier setzt das Mitmachprojekt "Mein Ding" an, für das nun Bürgerinnen und Bürger gesucht werden, die Erfahrungen beim Dinge-Entschlacken machen und diese dann für eine wissenschaftliche Auswertung mitteilen wollen. Gefördert wird es vom Bundesforschungsministerium.

Rebound-Effekt im Blick

Deutsche Haushalte seien vollgestopft mit Gegenständen, und die meisten davon würden kaum oder gar nicht genutzt, beschreibt Projektleiterin Nadine Walikewitz vom Portal CO2-Online die Ausgangssituation. "Der Kleiderschrank quillt über, der Schreibtisch ist voll und selbst in der Abstellkammer ist schon lange nichts mehr abzustellen."

Ziel der Aktion: "Weniger Zeug, dafür mehr Klarheit über die Sachen, die wir nutzen und wertschätzen." In dem Projekt wird in drei Phasen die eigene Gegenständeflut gecheckt, und dann gibt es Anleitungen zum Ausmisten und zum neuen Umgang mit den Dingen – alles online.

Laut Umweltbundesamt produziert jede und jeder Deutsche im Schnitt 11,6 Tonnen Treibhausgase⁠ pro Jahr. Mitinitiatorin Samira Iran von der TU Berlin geht davon aus, dass ein weniger "vollgerümpeltes" Leben einen wichtigen Beitrag zur Reduktion des persönlichen CO2-Fußabdrucks leisten kann.

Allerdings könne es auch sein, dass das Entrümpeln und Platzschaffen sogar den Neukauf von Dingen anregt. "Diese möglichen 'Rebound-Effekte' sollen in dem Projekt daher besonders beachtet werden", erläutert Iran.

Doch es geht bei der Aktion nicht nur um Umwelt und Klima. Viel zu haben, ohne zu wissen, was – das werde oft auch als psychische Belastung erlebt, erläutert Walikewitz. Und so könne das Entschlacken auch für mehr persönliche Lebensqualität sorgen.

Die Zusammenarbeit mit den Bürgern startet im März und läuft über ein Jahr. Das Interesse an dem Projekt ist bereits groß, obwohl noch nicht viel Werbung dafür gemacht wurde. Es haben sich bereits über 500 Menschen angemeldet.

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