Elfenbeauftragte, Mr. Spock und der Klimawandel

Alle reden über Energiewende, Elektromobilität und nachhaltige Lebensstile. Ein Theologe will darin "kollektive Bußrituale" entdeckt haben. Wie wäre es stattdessen mit etwas mehr magischem Denken?


Mr. Spock mit den typischen schräg stehenden Augenbrauen und den spitzen Ohren.
Commander Spock aus der Kultserie "Raumschiff Enterprise" gilt als Inbegriff des vernunftgeleiteten Denkens – nicht ohne ein Augenzwinkern. (Foto: NBC Television/​Wikimedia Commons)

Magisches Denken scheint verbreiteter zu sein, als man annehmen möchte in vermeintlich aufgeklärten Zeiten wie den unsrigen. Ich selbst denke manchmal, wenn mir etwas besonders Schönes oder Positives widerfahren ist, was gelegentlich vorkommt, dass dann, sozusagen als Revanche des Schicksals, etwas Böses folgen muss, wenn ich beim Hundespaziergang nicht mitten auf die Platten des Gehsteiges trete, sondern auf die Kanten. Verrückt nicht wahr? Dem Hund ist übrigens wurscht, wohin er tritt, obwohl man Tieren ja durchwegs weniger Intellekt attestiert als Menschen.

Es gibt auch Gegenden wie das alemannisch geprägte Allgäu, wo sich Menschen, die eine Warze am Fuß haben, oft an einen Gesundbeter wenden, eine Art christlichen Medizinmann (es kann auch eine Medizinfrau sein), um jene "besprechen" zu lassen. Wie man gelegentlich hört, sogar mit Erfolg.

Wissenschaftler erklären die Kraft des Glaubens mit einer Stärkung des Immunsystems, das dann selbst besser gegen die Viren kämpfen kann, die solche Warzen hervorrufen. Aber ein kleines Geheimnis bleibt, da können die schlauen Positivisten machen, reden wie sie wollen.

Elfen auf der Autobahn

Alles menschlich, möchte man meinen. Ein wenig irritiert war ich allerdings, als ich in der einst hoch seriösen FAZ einen Bericht las, wonach die Polizei in Niedersachsen die Dienste einer "Elfenbeauftragten" in Anspruch genommen habe, um mysteriöse Unfallschwerpunkte auf der Autobahn A2 zu lokalisieren. Die Dame stieß auch auftragsgemäß auf "sehr traurige Energie" entlang der gefährlichen Schnellstraße, ihrer Analyse nach "aufgebrachte Naturwesen, die rebellieren und sich ihr Stück Natur zurückholen wollten".

Nach ihrem Einsatz, der laut Straßenbaubehörde kostenfrei(!) war, wollte die Elfenbeauftragte einige Streckenbereiche "energetisch versiegelt haben", eine Maßnahme, die nach ihren Angaben zur Senkung der Unfallzahlen führen sollte. Wenige Tage später krachte es gleich wieder zwischen Peine und Peine-Ost, es gab Verletzte und lange Staus. Die Elfenbeauftragte wollte dann wegen der "verdrehten Berichterstattung" nicht mehr mit den Zeitungen sprechen. 

Ich denke aber, dass man jetzt nicht hämisch aufheulen, sondern erst einmal auf belastbare Unfallzahlen vor und nach der Elfenjagd warten sollte. Ich finde magisches Denken im Grunde nämlich recht sympathisch. Leute, die total rational und logisch denken, sind mir unheimlich.

Wie Commander Spock, der seinen Kollegen vom Raumschiff Enterprise immer mächtig auf die Nerven gefallen ist mit seiner Vernunfthuberei, dem weisen Captain Kirk, dem mitfühlenden Pille, dem zupackenden Scotty und niederen Chargen wie Miss Uhura und Dr. Chekov.

Klimaforschung und Magie

Es gibt übrigens Leute, die auch der hochgradig aufgeheizten Debatte um die den Hochsommer beherrschende Dürreperiode im Besonderen und den Klimawandel im Allgemeinen eine magische oder religiöse Komponente nicht absprechen wollen. Jüngst sagte mir der Wiener Theologieprofessor Ulrich Körtner, dass ihm zumindest die Inbrunst mancher Diskutanten suspekt sei.

Klimaforscher etwa hätten heute die Rolle von Propheten übernommen, die mitunter das Ende der Welt verkündeten – und im Hype um Energiewende, Elektromobilität oder nachhaltige Lebensstile wollte er "kollektive Bußrituale" entdeckt haben.

Der Kolumnist

Der Autor und Journalist Georg Etscheit lebt in München und engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Naturschutz. (Foto: Monika Höfler)

Letztlich gehe es, meint Professor Körtner, wie in vormodernen Zeiten darum, wie Menschen mit Unsicherheiten umgingen, dem Unberechenbaren, Unvorhersehbaren. "Dass sich die Zukunft ausrechnen lässt, halte ich für einen Irrglauben."

Manchmal beschleichen auch mich selbst gewisse Zweifel, dass wir Heutigen wirklich vorhersehen und beeinflussen können, was in 500 Jahren auf der Welt los ist. Werden die Menschen des 26. Jahrhunderts, so es dann noch welche geben sollte, wirklich an uns denken und böse auf uns Menschen des 21. Jahrhunderts sein, weil es wärmer oder kälter geworden ist, der Meeresspiegel höher oder tiefer liegt oder mehr oder weniger Eisbären in der Arktis leben?

Ich bin ja auch nicht sauer auf Kolumbus, weil er vor einem halben Jahrtausend Amerika entdeckt hat, wo heute Donald Trump regiert.

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