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Grüne Städte

Immer mehr Städten und Kommunen wird klar, dass Hausbegrünung umfassend positiv auf das menschliche Wohlbefinden wirkt und in der Klimakrise das Stadtklima retten kann. Wie das geht, zeigen Städte wie Singapur – oder auch München.


Plattenbau-Wohnhäuser in Chengdu mit üppiger Dachbegrünung, umgeben von Bäumen.
Dachbegrünung geht fast überall – hier in der westchinesischen Metropole Chengdu. (Foto: Philippe Lejeanvre/​Shutterstock)

Wer in München im "Werksviertel-Mitte" einen Blick nach oben wirft und einem Schaf in die Augen blickt, hat keine Sinnestäuschung. Auf dem Dach des "Werk 3" leben acht Walliser Schwarznasenschafe. Dazu kommen acht Hühner, zwei Hasen sowie sechs Bienen- und zwei Ameisenvölker.

In Hochbeeten an der Längsseite des Dachs wachsen Gemüse und Wildblumen. Von einer Holzhütte, umrahmt von Obstbäumen und Wildbienenhotels, wird das kleine Dachparadies 60 Meter über der Isar abgerundet. Hier liegt mitten in München die Stadtalm – 2.500 Quadratmeter Grün in 24 Metern Höhe.

Das "Werk 3" am Münchner Ostbahnhof ist ein Beispiel für kreative, intensive Dachbegrünung. Dabei ist Hausbegrünung keine Erfindung der Neuzeit. Schon im Mittelalter wurde die abstrahlende Wärme von Mauern genutzt, um Wein, Hopfen und Spalierobst gedeihen zu lassen.

In nordischen Ländern sind Grassodendächer eine jahrhundertealte Tradition. Im Sommer spenden sie angenehme Kühle und im Winter wohlige Wärme.

In wärmeren Ländern mindern die Blätter der Fassadenbegrünung die Hitze, beschatten die Innenhöfe, produzieren frische Luft und kühlen per Wasserverdunstung die Gebäude, sodass es sich dort auch im Hochsommer aushalten lässt. Bepflanzte Innenhöfe haben sich in mediterranen Ländern bis heute gehalten.

Langsames Umdenken

In Deutschland leben heute mehr als drei Viertel der Menschen in Städten oder Ballungsgebieten. Durch Zuzug werden die Städte weiter verdichtet und versiegelt, immer mehr Grün verschwindet. 

In den 1970er Jahren begannen experimentierfreudige Umweltschützer:innen wieder vereinzelt damit, Dächer und Fassaden mit Pflanzen zu begrünen. Mit Erfolg: Ein Umdenken findet statt, wenn auch langsam. Grüne Fassaden und Dächer erhalten Unterstützung von Architektinnen und Stadtplanern, Kommunen und Ländern, aus der Wissenschaft, von Umwelt- und Wirtschaftsverbänden.

 

Ein grünes Dach kann bis zu 80 Prozent des Regenwassers speichern und langsam wieder verdunsten. Neben dem kühlenden Effekt werden Abflussspitzen nach Starkregen abgeflacht, die Überflutungsgefahr sinkt und Kläranlagen werden entlastet.

Die Pflanzen auf dem Dach und an der Fassade produzieren nicht nur Sauerstoff und konsumieren CO2, sie binden auch Stickstoffdioxid, Schwefeldioxid, Ozon und Feinstaub. Sie reduzieren die Lärmbelastung am Gebäude um bis zu zehn Dezibel, schützen vor Witterungseinflüssen und mechanischem Verschleiß am Haus und bieten Lebensraum für Vögel.

Durch den Isolationseffekt der begrünten Fassaden und Dächer sinken die Kosten für Heizung und Klimatisierung. Großklimaanlagen können erheblich gedrosselt werden.

Auch auf unsere psychische Gesundheit hat Stadtgrün einen positiven Einfluss. Der Ausblick auf vitales Grün senkt das Stresslevel, steigert das Wohlbefinden und die Leistungsfähigkeit und sorgt für bessere Genesung bei Krankheit. Wir sind Naturwesen und fühlen uns im Grünen wohl.

Würden in den deutschen Städten alle Dächer nachträglich bepflanzt, könnte der Natur ein Teil der versiegelten Flächen "zurückgegeben" werden.

Vorbild Singapur

Das wohl prominenteste Beispiel für umfassende Dach- und Fassadenbegrünung ist Singapur. Wie es heißt, hatte der erste Premierminister des knapp 60 Jahre alten Stadtstaats, Lee Kuan Yew, zwei Ziele: Singapur sollte eine wettbewerbsfähige Metropole werden – und die grünste Stadt der Welt.

Mehr als fünf Millionen Menschen leben hier, Tendenz steigend. Freiflächen sind Mangelware. Wo das Grün nicht mehr in die Breite wachsen kann, wächst es in die Höhe, die Fassaden empor und auf den Dächern. Hier ist die grüne Revolution angekommen – von oben.

Die Regierung fördert vertikale Grünflächen mit einem eigenen Zertifikat. Ohne grünes Label keine Baugenehmigung. Eine grüne Fassade reicht dafür allerdings nicht: Gefordert sind die Nutzung von Sonnenlicht und Regenwasser sowie Nachhaltigkeit am Bau, sodass etwa auch Klimaanlagen überflüssig sind.

Die Begrünung fördert nicht nur die Lebensqualität, sie zahlt sich auch wirtschaftlich aus. Viele ausländische Firmen ziehen mit ihrem Unternehmenssitz nach Singapur. Durch die vielen Pflanzen, die die Stadt begrünen, ist die Luft gut und die Lebensqualität hoch.

Singapur ist schön anzusehen – und die Stadt spart Geld, weil ihr Klima besser ist als in anderen Städten der Region.

Mutiger Ideenreichtum gefragt

Dachbegrünung ist natürlich nicht umsonst zu haben. Je nach Dachkonstruktion, nötiger Vorarbeit und lokalen Gegebenheiten liegt die Preisspanne für einen Quadratmeter hierzulande ungefähr zwischen 50 und 110 Euro. Kommunen bieten mittlerweile verschiedene Zuschüsse an.

Die Möglichkeiten zur Begrünung sind vielfältig. Dabei muss nicht gleich eine Schafherde auf dem Dach einziehen. Auch eine extensive Begrünung mit Moosen und Sukkulenten auf leichteren Dächern, Garagen und Hallen wirkt positiv und ist dabei pflegearm und statisch weniger aufwendig.

Pergola mit Solarmodulen auf einem Hausdach, darunter grünt und blüht es.
Dachgarten mit Solarkraftwerk: In Wien wird seit Jahren an Klimakonzepten für Dächer geforscht. (Foto: Irene Zluwa/​BOKU)

Wird Dachbegrünung bei einem Bau- oder Sanierungsvorhaben von Anfang an mitgeplant, ist der Kreativität keine Grenze gesetzt. Auf Intensivschichten kann ein Dachgemüsegarten mit Aufdach-Solaranlage entstehen – oder eben eine ganze Alm auf dem Dach.

Im "Werk 3" in München wurden früher die Kartoffelknödel der Marke Pfanni produziert. Im Jahr 2013 rief Pfanni-Erbe Werner Eckart das grüne Kreativprojekt ins Leben. Die Immobilienfirma Otec realisiert nun auf dem ehemaligen Werksgelände ein außergewöhnliches Stadtquartier für Kunst, soziales Engagement, Gastronomie und nachhaltige Zukunftsprojekte.

Zuerst sollte auf dem neuen Dach des Werks nur das Regenwasser versickern, dann kam eine Idee zur nächsten. Keiner habe Werner Eckart damals ernst genommen, erinnert sich Landschaftsarchitektin Stefanie Jühling, die das Dach gestaltet hat. Sie dagegen zog bei den Plänen mit und ließ einen halben Meter Substrat aufbringen.

Heute ist die Stadtalm als Landwirtschaftsbetrieb eingetragen, bietet Führungen und Kurse für Schulklassen an und das Veterinäramt hat sein Einverständnis zur Schafzucht gegeben.

Die technischen Möglichkeiten zur Intensivdachbegrünung werden immer besser, sagt Stefanie Jühling. Wenn die Statik stimmt, ist nur noch mutiger Ideenreichtum gefragt: Dachacker, Hochbeete, Dachspielplatz, Gemeinschaftsdachgarten, Dauergrün – fast alles ist möglich.

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