Mit der Gießkanne Gutes tun

Deutsche Dax-Konzerne haben im ersten Corona-Jahr 2020 mehr gespendet denn je. Sie nehmen in ihrem gesellschaftlichen Engagement Chancen für mehr Nachhaltigkeit aber zu wenig wahr. Von einem weitsichtigen Engagement sind die Konzerne noch weit entfernt.


Mehrere Stapel 100-Euro-Scheine liegen nebeneinander.
Dax-Konzerne haben mehr denn je gespendet – Nachhaltigkeit spielt dabei eine Nebenrolle. (Foto: Quince Media/​Pixabay)

Die deutschen Dax-Konzerne haben im letzten Jahr, unter anderem wegen Corona, mehr denn je für gemeinnützige Zwecke gespendet – nämlich Geld und Sachwerte in Höhe von mehr als 860 Millionen Euro. Das meiste davon fließt jedoch in traditionelle Kanäle, wie etwa die Förderung von Vereinen und anderen Organisationen aus der jeweiligen Region sowie Aktionen der Belegschaft.

Die gesellschaftlichen Herausforderungen, mit denen die Unternehmen zunehmend direkt konfrontiert sind – von Klimaschutz über Lieferketten-Probleme bis zu sozialer Ungleichheit – werden dabei vergleichsweise wenig beachtet.

"Sie agieren zu wenig strategisch, setzen auf zu viele unterschiedliche Themen und berichten kaum darüber, was ihre Millionen bewirken", lautet das Fazit einer aktuellen Untersuchung zum gesellschaftlichen Engagement der Konzerne, der sogenannten Corporate Citizenship.

Laut der Studie gibt es aber auch positive Beispiele. So will der Pharmakonzern Merck dazu beitragen, dass die Tropenkrankheit Bilharziose ausgerottet wird, eine Wurminfektion, an der jährlich weltweit bis zu 200.000 Menschen sterben. Der Softwarekonzern SAP wiederum finanziert die Vermittlung von digitalem Wissen und Programmierkenntnissen an über zwei Millionen Menschen pro Jahr.

Die beiden Konzerne gehören zusammen mit dem Chemie-Multi Bayer, der Deutschen Post und der Deutschen Telekom zu den fünf in der Studie am besten bewerteten Dax-Unternehmen. Doch auch sie schafften es nur in die zweitbeste von insgesamt fünf Kategorien in der Corporate-Citizenship-Bewertung.

Schlusslichter in dem Ranking sind Fresenius, RWE, Sartorius und Symrise. Die meisten Dax-Konzerne, von Adidas bis Zalando, befinden sich im Mittelfeld, in Kategorie drei.

Corona-Gewinner

Trotz Corona, Chipkrise und gestörten Lieferketten haben die Dax-Konzerne in den letzten Quartalen Rekorde bei Umsatz und Gewinn erzielt, die Werte des Vorkrisen-Jahres 2019 wurden übertroffen. Im Lockdown-Jahr 2020 verzeichneten sie zwar Einbrüche, trotzdem zeigten sie sich besonders spendabel. Ihre Geld- und Sachspenden übertrafen mit über 860 Millionen Euro den Wert von 2019 deutlich, damals waren es etwa 515 Millionen gewesen – wobei für 2019 Daten von 23 Unternehmen vorliegen und für 2020 von 26.

Seit einer Reform im vergangenen September gehören 40 Konzerne zum Dax, vorher waren nur 30 in dem Börsen-Leitindex verzeichnet. Der Anstieg der Spenden sei maßgeblich auf die Pandemie zurückzuführen, erläutern die Studienautoren von den auf Nachhaltigkeit spezialisierten Beratungshäusern Wider Sense und Goetzpartners. Während der Krise hätten viele Konzerne gerade medizinische Sachspenden erhöht, etwa Corona-Tests, Masken oder medizinisches Equipment.

Hintergrund der Studie, für die die Autor:innen die Nachhaltigkeitsberichte der Konzerne analysierten und Hintergrundgespräche mit Dax-Verantwortlichen führten, ist die Erkenntnis: Unternehmen müssen nicht nur ihr Kerngeschäft beherrschen, also die Produktion von Waren oder die Bereitstellung von Dienstleistungen. Sie sehen sich auch mit rasant gewachsenen gesellschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. Fridays for Future, Black Lives Matter, Me Too – das nennen die Autoren als Beispiele aus jüngster Zeit.

"Der Druck auf die Unternehmen steigt, das merken auch die Dax-Unternehmen seit Jahren", sagt dazu Armin Raffalski von Goetzpartners. Das reiche von höheren Erwartungen der Verbraucher:innen bis zu neuen gesetzlichen Vorschriften für mehr Nachhaltigkeit wie dem Lieferkettengesetz. "Trotzdem fehlt oft noch der Wille, Corporate Citizenship und Kerngeschäft konsequent zusammen zu denken."

Die Dax-40-Unternehmen stünden insgesamt für über eine Billion Euro Umsatz und hätten mehrere Millionen Mitarbeitende, betont Raffalski. "Das ist eine Kraft, die bei Weitem noch nicht genutzt wird."

Kein Engagement in der eigenen Wertschöpfungskette

Immerhin: Statt nur für den Sportverein oder in der Region Gutes zu tun, spenden laut der Untersuchung inzwischen 75 Prozent der Dax-Unternehmen zumindest teilweise an Organisationen, die sich für die Lösung von Nachhaltigkeitsproblemen einsetzen, welche von den Konzernen selbst mitverursacht werden.

Kooperationen mit sogenannten Sozialunternehmen ("Social Businesses") beispielsweise gebe es aber nur selten. Dabei entstehe die größte positive Wirkung genau durch solche Formen strategischen Engagements.

Ein Beispiel aus der Studie: Konzerne fördern mit Spendengeldern den Aufbau von Sozialunternehmen in anderen Ländern, die vor Ort fair arbeiten und später sogar potenziell als Lieferanten nachhaltige Ressourcen für das eigene Kerngeschäft bereitstellen können.

Laut der Untersuchung sind die meisten Dax-Konzerne "von solch einem weitsichtigen gesellschaftlichen Engagement noch weit entfernt". Ein Engagement in der eigenen Wertschöpfungskette – zum Beispiel zur Vermeidung von Plastik, zur Wiederaufforstung von Wäldern oder für die Einhaltung von Menschenrechten entlang der Lieferkette – bleibe eine Seltenheit.

Vor vier Jahren hatten die beiden Beratungsunternehmen das gesellschaftliche Engagement der Dax-Konzerne erstmals analysiert. Bei einer ganzen Reihe der Unternehmen stellen sie inzwischen eine "Professionalisierung" in dem Bereich fest.

"Wirklich strategisch gehen das aber nur wenige Vorreiter an", kommentierte der Geschäftsführer von Wider Sense, Michael Alberg-Seberich. "Die deutschen Konzerne vergeben so viele Chancen für positive ökologische und gesellschaftliche Wirkung." Die Studie trägt denn auch den Titel "Vergebene Chancen".

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