Frostiges Fossil

Der erste nachhaltige Aktienindex in Deutschland existiert immer noch, trotz einer wechselvollen Geschichte. Die Kursentwicklung deckt sich in etwa mit der von gängigen Aktienindizes. 


Grafik: Eine Pflanze wächst aus einem Haufen Geldscheine
Grafik: Kristin Rabaschus

Die Eismarke Ben & Jerry's tut etwas gegen Kohle. Mit dem Slogan "Lasst die Kohle stecken!" unterstützt sie auf ihrer deutschen Internetseite Klimaaktivisten und verschenkt bei deren Aktionen Eiscreme.

In Australien, einem Hotspot des Rohstoffabbaus, stellt sie die rohstofffreundliche Regierung von Premier Scott Morrison an den Pranger. Und zwar auf einem neuen Eisbecher: "Dear Scott Morrison, make fossil fuels history!" –  Lieber Scott Morrison, sorgen Sie dafür, dass fossile Brennstoffe Geschichte werden!

In den USA hatten die Eismänner schon vor Jahren ein Anti-Trump-Eis auf den Markt gebracht, ein Schokoladeneis mit Nüssen und dem Aufdruck "Resist" – Widerstand leisten.

Im Jahr 1997 war die US-amerikanische Aktiengesellschaft Ben & Jerry's zum prominentesten Mitglied im neuen deutschen "Natur-Aktien-Index" geworden. Auf Initiative der Zeitschrift Natur und des Wiener Grüngeld-Pioniers Max Deml wurden damals 20 "grüne" Unternehmen ausgewählt.

Der dynamische Österreicher Deml setzte den Index aus Öko-Werten zusammen, die er "weltweit" ausgesucht hatte. Neben dem Eishersteller waren das unter anderem ein spanischer Wasserversorger, die Kosmetikverkäufer vom britischen Body Shop und eine polnische Umweltbank. Der Index wurde sodann "währungsbereinigt" und auf US-Dollar-Basis berechnet.

Angestrebt worden sei von den Initiatoren eine Abbildung der Gewichtsverteilung zwischen den internationalen Börsenplätzen, notierte ich damals für die Wochenzeitung Die Zeit.

So belegten US-Papiere ein Drittel von dem damals noch als "NAX" titulierten Index, deutsche Aktien immerhin zehn Prozent. Ein ebensolcher Anteil entfiel kurioserweise auch auf österreichische Anteilscheine.

Die zweite Hälfte verteilte sich auf weitere zehn Länder. Jeweils mit nur einer Öko-AG vertreten waren die Börsengroßmächte Frankreich, Großbritannien und Japan. Nun denn.

Bei der Auswahl ihrer Aktien orientierten sich die NAX-Initiatoren vorrangig an drei Kriterien:

  • Das Unternehmen ist ein ökologischer Vorkämpfer in seiner Branche und begnügt sich nicht mit der Umsetzung gesetzlicher Vorschriften.
  • Die Firma bemüht sich um die Einsparung von Energie und Rohstoffen sowie um eine nachhaltige Wirtschaftsweise.
  • Es wird nicht in einer ausgesprochen umweltschädlichen Branche gearbeitet, wozu Natur-Redakteur Horst Hamm damals beispielsweise die Tabak- und Rüstungsindustrie zählte.

"Obendrein", so verriet vor einem Vierteljahrhundert NAX-Experte Hamm, "sollen mindestens drei Viertel aller NAX-Gesellschaften bereits viele Jahre etabliert sein und einen Jahresumsatz von mehr als 100 Millionen Mark haben."

Kabale und Liebe

Securvita, eine Beratungsfirma und Krankenkasse aus Hamburg, die gelegentlich in die Schlagzeilen geriet, stieg dann beim NAX ein, Deml bald aus.

Kabale und Liebe waren während der wilden Gründungsjahre gang und gäbe. Deml managt heute noch das Konkurrenzprodukt "nx-25". Ein Index, man ahnt es, mit 25 Aktienwerten.

Da es an grünen Kandidaten nicht mangelte, erhöhte auch Securvita die Zahl der Werte im Jahr 2003 auf 25 Unternehmen, ein paar Jahre später dann gar auf 30. Im Großen und Ganzen blieben die Kriterien bis heute gleich.

Weiterhin werden für den mittlerweile NAI getauften Index nur Unternehmen ausgewählt, "die global zur Entwicklung ökologisch und sozial nachhaltiger Wirtschaftsstile beitragen". Und sie müssen die NAI-Kriterien erfüllen.

Bei den NAI-Mitgliedern handelt es sich um etablierte, im betriebswirtschaftlichen Kern meist konventionelle Firmen. Die Produktion von Eis aus ordentlichen Rohstoffen oder von Dämmstoffen oder Windmühlen ist halt nicht übermäßig alternativ.

Daher deckt sich die Kursentwicklung in etwa mit der von gängigen Aktienindizes. Manche Beobachter meinen, sie sei sogar besser.

Ob das in Zukunft auch so sein wird, wissen wir nicht. Aufgrund der großen Zahl – dem NAI gehören genauso viele Firmen wie dem Deutschen Aktienindex Dax an – dürfte der Natur-Aktien-Index auch zukünftig in etwa so gut oder schlecht abschneiden wie andere international ausgerichtete Indizes.

Direkt in den NAI Geld anlegen geht nicht. Am nächsten dran ist der Fonds "Green Effects", den Securvita anbietet. "Der Fondsmanager investiert in alle 30 NAI-Werte", erklärt ein Sprecher von Securvita, "aber er kann die Gewichtung variieren und die Gewichtung der Einzelwerte anders setzen als der Index".

Bedenken sollten mögliche Anleger, dass sie mit dem Kauf eines Fondsanteils die Firmen nicht wirklich unterstützen. Das würden sie nur tun, wenn sie direkt neue Aktien erwerben würden, die eine der Aktiengesellschaften frisch emittiert.

Ben & Jerry's sind denn auch schon lange aus dem NAI verschwunden. Der Eisproduzent gehört heute zum niederländisch-britischen Lebensmittelkonzern Unilever, der das Unternehmen im Jahr 2000 für umgerechnet rund 300 Millionen Euro kaufte. Darauf eine "Langnese"-Eiskrem.

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