Stuttgarter Talkessel
Smog in Stuttgart: Um die Hauptursache Kfz-Verkehr redet man am Sitz eines Autokonzerns gern herum. (Bild: Patrick Sauter/​Wikimedia Commons)

Mal Luft holen. Das tut gut. Wir tun es locker 20.000-mal am Tag, Kinder noch häufiger. Wir machen uns keine Gedanken dabei, meistens jedenfalls. Mit jedem Atemzug gelangt etwa ein halber Liter Luft in die Lungen. Das heißt, pro Tag nehmen wir rund 10. 000 Liter von diesem Lebenselixier auf und atmen die gleiche Menge wieder aus.

Da ist es gut, wenn die Luft sauber ist. Also ohne so unschöne Beimischungen wie Stickoxide, Feinstaub oder Ammoniak, die die moderne Welt mit sich bringt. Will sagen, ohne Diesel- und Kraftwerksabgase, ohne Reifenabrieb und Rußpartikel aus Holzheizungen oder die einschlägigen Ausdünstungen der Massentierhaltung.

Die EU bekommt hier nun schärfere Grenzwerte, in dieser Woche haben sich dazu das EU-Parlament und der Ministerrat auf einen Kompromiss geeinigt. Immerhin, es geht voran. Aber, leider, zu langsam.

Es ist nun wirklich keine Petitesse. Fachleute schätzen, dass die dicke Luft pro Jahr EU-weit für 300.000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich ist und in Deutschland allein für 40.000. Man sollte doch erwarten, dass die Politik alles Erdenkliche tut, um diese zu verhindern. Und auch die unzähligen Fälle von nicht gleich tödlichen Herzerkrankungen, Schlaganfällen, Diabetes, Lungenleiden bis hin zum Lungenkrebs, die die dicke Luft auch hervorruft.

Doch leider hat sich die "Realpolitik" mal wieder durchgesetzt. Das EU-Parlament hatte gefordert, die von der WHO empfohlenen Richtwerte für Feinstaub und Stickstoffdioxid zu übernehmen, durch die das Atmen eine durchweg gesunde Sache würde.

Joachim Wille ist Co-Chefredakteur des Online-Magazins Klimareporter°.

Doch der Kompromiss bleibt deutlich dahinter zurück. Die Jahresmittel-Grenzwerte, die 2030 erreicht werden sollen, liegen doppelt so hoch.

Es ist perfide, wenn, wie hier wieder einmal geschehen, das Todesfall-Risiko durch dicke Luft mit den ökonomischen Folgen einer stringenten Luftreinhaltepolitik verrechnet wird. Denn woran liegt es wohl, dass "unzumutbare Eingriffe in Wirtschaft, Mobilität, Landwirtschaft und Wohnen" drohten, wie der Industrieverband BDI selbst für den jetzt gefundenen Kompromiss an die Wand malt?

Es liegt daran, dass die Wirtschaftslobbys seit Jahrzehnten mit aller Macht bremsen, wenn es um Energie-, Verkehrs- und Agrarwende geht. Deren schnelle Umsetzung hätte nicht nur den Klimaschutz verbessert, sondern auch die Luft und die Gesundheit.

Und das soll nun so weitergehen? Da bleibt einem die Luft weg.

 

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