Wirbelstürme und der Klimawandel

Seit gestern tobt der Zyklon Amphan über den Küstenregionen von Indien und Bangladesch. Laut Experten der Region ist es einer der heftigsten Stürme, der je im Golf von Bengalen registriert wurde. Durch den Klimawandel könnten tropische Wirbelstürme immer gefährlicher werden.


Sattellitenbild des Zyklons Amphan
"Amphan" ist einer der stärksten Wirbelstürme seit Jahren. Mit enormen Geschwindigkeiten fegt er über Küstenregionen Indiens und Bangladeschs hinweg. (Foto: NASA/​Wikimedia Commons)

Es sind gleich zwei akute Krisen, mit denen Küstenbewohner in Indien und Bangladesch derzeit zu kämpfen haben: erst die Coronakrise und jetzt ein Zyklon. Millionen Menschen in den beiden noch im Lockdown befindlichen Staaten mussten ihre Häuser verlassen und in Notunterkünften Zuflucht suchen.

Der Zyklon Amphan ist einer der heftigsten seit Jahrzehnten. Er fegte bereits am Montag mit Geschwindigkeiten von etwa 260 Kilometern pro Stunde über den Ozean. Zwar beruhigte er sich in der Zwischenzeit etwas, doch die indische Wetterbehörde rechnet weiterhin mit Geschwindigkeiten von bis zu 185 Stundenkilometern an Land.

Zyklone sind tropische Wirbelstürme, wie auch Hurrikane und Taifune. Das Gebiet, wo sie auftauchen, bestimmt den Namen. Doch hängen solche Wirbelstürme mit dem Klimawandel zusammen?

Ein Zyklon entsteht, wenn das Meer über die Sommermonate aufgeheizt wird und Meerwasser verdunstet. Die aufsteigende Luft kühlt sich in der Höhe wieder ab und kondensiert. Aus den kleinen Wassertropfen entstehen Wolken, unter denen weiterhin feuchte Luft aufsteigt. Weil die Erde sich dreht, wirkt der sogenannte Coriolis­-Effekt und die nachströmende Warmluft beginnt sich wie in einer Spirale zu drehen. Dabei entsteht ein riesiger Wirbel.

Zyklone beziehen ihre Energie also aus dem Oberflächenwasser. Zumindest in der Theorie könnten Zyklone folglich stärker werden, wenn die Wasseroberflächentemperatur ansteigt. Auch im Golf von Bengalen beobachteten Forscher in diesem Jahr extreme Rekordtemperaturen.

Hitze kann Superstürme begünstigen

Einige der Messbojen im Golf von Bengalen registrierten in den ersten beiden Maiwochen nacheinander maximale Oberflächentemperaturen von 32 bis 34 Grad Celsius. "Das sind Rekordtemperaturen, die durch den Klimawandel bedingt sind  – so hohe Werte haben wir bisher noch nie gesehen", sagte der Klimawissenschaftler Roxy Mathew Koll vom Indischen Institut für Tropenmeteorologie, ein Hauptautor des IPCC-Sonderberichts zu den Ozeanen.

Zyklone können erst bei Wassertemperaturen von mindestens 26 Grad entstehen. Dass der Klimawandel fortschreitet, lässt sich sehr gut an den Temperaturen der Weltmeere verfolgen. Die Oberflächentemperatur des Wassers ist in allen drei großen Ozeanen in den letzten zehn bis 20 Jahren deutlich angestiegen. Ob das jedoch auch bedeutet, dass starke Stürme häufiger werden, ist in der Wissenschaft stark umstritten.

"Im vergangenen Jahr wurden mehrere neue Rekorde für Wirbelstürme im Indischen Ozean aufgestellt. War dies ein Ausreißerjahr oder ein Jahr, das auf zukünftige Trends hindeutet? Das können wir noch nicht wissen", stellte Klimaforscher Simon Wang von der Utah State University klar.

"Aber wir wissen, dass sich der Indische Ozean erwärmt, und wir wissen, dass warmes Ozeanwasser die erste und vielleicht die wichtigste Zutat für die Entstehung tropischer Wirbelstürme ist." Auch im vergangenen Jahr beobachtete der Wissenschaftler eine verstärkte Intensität von Wirbelstürmen.

Heftige Stürme werden wahrscheinlicher

Wangs Einschätzung teilt auch der Meteorologe Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst. "Zur Häufigkeit von Wirbelstürmen gibt es noch keine gesicherten Ergebnisse", sagt Friedrich gegenüber Klimareporter°. "Allerdings zeigen die Simulationen: Wenn Wirbelstürme auftreten, dann nehmen sie möglicherweise an Heftigkeit zu."

In den letzten Jahren deuteten zudem einige Forschungsergebnisse darauf hin, dass die Intensität von extrem starken Wirbelstürmen zugenommen hat. So auch eine erst am Montag in der Fachzeitschrift PNAS veröffentlichte Studie, die die Stärke tropischer Wirbelstürme genauer analysiert hat.

Anhand verfügbarer Satellitendaten seit 1979 untersuchten die Wissenschaftler Sturmintensitäten. Das Ergebnis: Wirbelstürme der oberen Kategorien drei bis fünf nehmen nachweislich zu. Kategorie eins bedeutet schwach, Kategorie drei stark und fünf verheerend. Amphan ist ein Sturm der Kategorie fünf.

Auch der IPPC-Bericht geht von einer steigenden Intensität von Wirbelstürmen durch den Klimawandel aus – eine Erkenntnis, die auf der Gesamtbewertung vieler Stürme über Jahrzehnte hinweg beruht. Einen einzelnen Sturm wie Amphan auf den Klimawandel zurückzuführen, wie es bei Hitzewellen bereits gelungen ist, sei jedoch nahezu unmöglich, meint Klimaforscher Amato Evan von der Scripps Institution of Oceanography in San Diego.

Unsicherheiten bei der Erforschung bleiben

Das liege an der sogenannten natürlichen Variabilität, erläutert Evan im Gespräch mit Klimareporter°. "Ohne globale Erwärmung durchläuft die Atmosphäre natürliche Perioden von Dürren, Hitzewellen, Überschwemmungen, intensiven tropischen Wirbelstürmen und so weiter. Als Wissenschaftler müssen wir versuchen, bei dem, was wir beobachten, die Komponente, die auf die natürliche Variabilität zurückzuführen ist, und die Komponente, die auf die globale Erwärmung zurückzuführen ist, voneinander zu trennen." Die Klimamodelle und Statistiken könnten jedoch nicht jeden relevanten Prozess abbilden.

Und auch Andreas Friedrich vom Deutschen Wetterdienst meint: "Dass da jetzt ein Wirbelsturm auftritt, hat nichts mit der Klimaerwärmung zu tun. Aber dass er sich jetzt so stark zeigt, kann schon mit der stattfindenden Klimaerwärmung zusammenhängen."

Die Prognosen, die auf heftigere Stürme hindeuten, seien ein Szenario auf der Grundlage von Klimasimulationen. "Aber ob das dann auch so eintritt, das wird letztlich erst die Zukunft zeigen."

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