Kohlebefürwortern gehen Argumente aus

Vor der zweiten Sitzung der Kohlekommission kritisieren Umweltschützer, dass Deutschland nach wie vor Weltmeister beim Braunkohle-Abbau ist, was sich nicht mit dem Klimaziel von Paris vereinbaren lasse. Eines der Hauptargumente gegen einen raschen Kohleausstieg dürfte sich indes erledigt haben.


Ein Braunkohletagebau mit Schaufelradbagger
Braunkohle-Tagebau bei Nacht: In Deutschland wird weiter gebaggert und verstromt. (Foto: Nettetal10/​Pixabay)

Am morgigen Freitag soll die Kohlekommission auf ihrer zweiten Sitzung erstmals über Inhalte beraten. Im Vorfeld drängen Umweltexperten auf einen raschen Ausstieg aus der Kohle. Würde Deutschland all die Braunkohle aus dem Boden holen und verfeuern, die bereits freigegeben ist, dürfte es die Pariser Klimaziele verfehlen, heißt es in einer am Donnerstag veröffentlichten Kurzstudie für die Umweltstiftung WWF.

Der gesamte Energiesektor darf den Berechnungen zufolge nur noch zwei bis vier Milliarden Tonnen CO2 ausstoßen – allein die schon freigegebenen Braunkohlereserven könnten aber 3,84 Milliarden Tonnen CO2 emittieren, sollten sie aufgebraucht werden.

Warum sich Deutschland so schwer mit dem Kohleausstieg tut, erschließt sich aus den Zahlen. Hierzulande wird so viel Braunkohle gefördert wie sonst nirgends auf der Welt. 171,5 Millionen Tonnen waren es der Studie zufolge im Jahr 2016. Zum Vergleich: China förderte in demselben Jahr 140, Russland rund 74 und die USA 66 Millionen Tonnen des klimaschädlichsten Energieträgers. Selbst Polen holte mit gut 60 Millionen Tonnen nur etwa ein Drittel der deutschen Menge aus dem Boden.

"Die Kohlekommission darf über den wichtigen wirtschaftlichen und sozialen Aspekten des Kohleausstiegs in Deutschland den verheerenden Einfluss der Braunkohle auf das Weltklima nicht aus den Augen verlieren", sagt Michael Schäfer, Klima- und Energiechef beim WWF Deutschland.

Emissionshandel: Aus dem Wasserbett wird eine Badewanne

Eine Studie der Denkfabrik Agora Energiewende und des Öko-Instituts entkräftet indes eines der Hauptargumente gegen eine schnelle Energiewende. Gewerkschafter, Liberale und der Wirtschaftsflügel der Union argumentierten lange, dass es für den Klimaschutz gar nichts bringe, wenn Deutschland schneller vorangehen und etwa Kohlekraftwerke stilllegen würde. Denn dann würden andere Länder in Europa mehr CO2 ausstoßen, schließlich können sie dann die frei gewordenen Zertifikate im Rahmen des Emissionshandels nutzen. Diesen "Wasserbett-Effekt", so die Studie, habe die jüngste europäische Reform des Handelssystems beendet.

Zum einen bewirke ein neuer Mechanismus, dass ab dem Jahr 2023 ein Großteil der überschüssigen Zertifikate aus dem Markt genommen wird. "Bis 2023 sorgen alle nationalen Maßnahmen dafür, dass sich der Zertifikateüberschuss erhöht und dann letztlich gelöscht wird", sagt Studienautor Philipp Litz von Agora Energiewende gegenüber Klimareporter°.

Braunkohle-Strom schadet dem Klima am meisten

Braunkohle ist der klimaschädlichste aller Energieträger bei der Stromproduktion. Pro Kilowattstunde entstehen dem Umweltbundesamt zufolge 1.148 Gramm CO2, während es bei der Steinkohle 847 Gramm sind und bei Gaskraftwerken 382. Im Jahr 2016 war die Braunkohle für etwa 19 Prozent des gesamten deutschen Treibhausgas-Ausstoßes und für etwa die Hälfte aller CO2-Emissionen des Stromsektors verantwortlich.

Zum anderen dürfen einzelne EU-Staaten nun auch eigenmächtig Zertifikate löschen, etwa nachdem sie Kohlekraftwerke stillgelegt haben. Damit animiert die aktuelle Reform Mitgliedsländer der EU, in Sachen Energiewende voranzugehen. "Aus dem Wasserbett ist eine Badewanne mit Überlaufventil geworden", sagt Agora-Chef Patrick Graichen. "Über dieses Ventil fließen überschüssige Zertifikate kontrolliert ab. Das alte Argument, dass zusätzliche Klimaschutzmaßnahmen nichts bringen, gilt damit nicht mehr."

Allerdings empfehlen Energiemarkt-Experten den Regierungen, mit eigenmächtigen Stilllegungen von Zertifikaten bis zum Jahr 2023 zu warten. Denn dann findet ja eine größere Löschung im System statt, was den Klimaeffekt von vorangegangenen Löschungen obsolet machen könnte.

Ob bereits eine Regierung von der Stilllegungs-Option Gebrauch gemacht hat, ist nicht bekannt. Philipp Litz hält es jedenfalls für realistisch, dass die Bundesregierung diese Möglichkeit zumindest erwägt. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Option im Rahmen der Kohlekommission auf dem Tisch landet, aber ob die Karte dann tatsächlich gezogen wird, lässt sich jetzt noch nicht sagen."

Unterstützen Sie
unabhängigen Journalismus!

Klimareporter wird herausgegeben vom Klimawissen e.V. Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich. 

Spenden Sie hier