Heilige Kühe, unterschätzte Böden und eine Mahnung an die Kanzlerin

Kalenderwoche 24: Es ist beschämend, dass eine wohlhabende Nation wie Deutschland es nicht schafft, erreichbare Klimaziele durch leicht umgelenkte Finanzströme zu erreichen, sagt Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe und Mitherausgeber von Klimareporter°. Stattdessen dürfen Braunkohlekraftwerke und Autobahn-"Panzer" weiter ihr Klimagift in die Luft blasen.


Hartmut Graßl. (Foto: MPI-M)

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.

Klimareporter°: Herr Graßl, im Rahmen des "Drawdown"-Projekts haben Wissenschaftler das Potenzial von über hundert verschiedenen Klimaschutzmaßnahmen ermittelt und eine Rangliste aufgestellt. Die Hälfte der 20 wirksamsten Maßnahmen betrifft die Landnutzung. Warum sind die Böden so wichtig?

Die Suche nach den Senken für den anthropogenen Kohlenstoff, also dessen Speicherung im Ozeaninneren oder in Böden und Vegetation, ist seit mehreren Jahrzehnten ein Thema für die Wissenschaft.

In der Öffentlichkeit herrscht allerdings noch immer die Meinung vor, dass die Böden und die Vegetation auch netto noch starke CO2-Quellen seien, weil das Abholzen der Wälder und das starke Kunststoffdüngen in der Landwirtschaft keineswegs aufgehört haben. Inzwischen hat aber das Speichern von Kohlenstoff in noch vorhandener Vegetation und den Böden die Senke Ozean überholt.

Jährlich sind im Mittel im vergangenen Jahrzehnt etwa 11,2 plus/minus drei Milliarden Tonnen Kohlendioxid – von insgesamt 34,3 plus/minus zwei Milliarden durch Nutzung fossiler Brennstoffe emittierten Tonnen – in den Wäldern und anderen naturnahen Ökosystemen an Land gespeichert worden, also fast ein Drittel.

Der Ozean nahm nur 8,7 plus/minus zwei Milliarden Tonnen auf – aber die bleiben dort langfristig drin, während wir nicht wissen, wie lange die Senke "Vegetation plus Böden" diese freiwillige Dämpfung der Klimaänderungen weiter leistet. Aktive Maßnahmen wie eine wirkliche Förderung des ökologischen Landbaus oder die Aufforstung auf degradierten und von der Landwirtschaft aufgegebenen Böden haben die meisten Länder noch nicht ergriffen.

Allerdings hat das in dem Buch "Drawdown" beschriebene Eingreifen, nämlich die bewusste Entfernung von anthropogenem Kohlendioxid aus der Atmosphäre, bei mir keinen Aha-Effekt ausgelöst, auch nicht mit der Aussage, dass der beste Klimaschutz die bessere Ausbildung der Mädchen ist, weil gebildetere Frauen weniger Kinder haben. Viele meiner Vorträge enden mit der Aussage, dass Bildung und vor allem die der Mädchen eine besonders nachhaltige Klimaschutzmaßnahme ist, aber daneben auch noch viele andere Dinge verbessert. Das Interessante an dem Buch ist die grobe Reihung der möglichen Maßnahmen.

Die Bundesregierung hat am Mittwoch den neuen Klimaschutzbericht vorgelegt. Demnach werden die Treibhausgas-Emissionen bis 2020 allenfalls um 32 Prozent sinken, geplant waren aber 40 Prozent. Hat sich Deutschland mit dem Ziel übernommen?

Es ist beschämend, dass es einer reichen Nation nicht gelingt, erreichbare Klimaschutzziele durch leicht umgelenkte Finanzströme zu erreichen. Wir verfehlen die EU-Ziele wegen zweier heiliger Kühe: dem freien Rasen auf der Autobahn mit emissionsmäßig nur teilkontrollierten "Panzern" und dem Bestandsschutz für den heimischen Rohstoff Braunkohle, den dreckigsten fossilen Brennstoff. Weil wir Bürger zu wenig Druck machen, haben wir die Lobby in beiden Fällen siegen lassen.

Das Paris-Abkommen fordert den vollständigen Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe und ist dennoch vielleicht nicht ausreichend, das völlige Abschmelzen Grönlands in einigen Jahrhunderten zu verhindern. Klimaschutz ist durch die langfristige Verzögerung seit 1992 durch die Hauptverursacher, die Industrienationen, jetzt zu einer sehr dringlichen Aufgabe geworden.

Ich fordere unsere Kanzlerin auf, jetzt in ihren letzten drei Jahren in diesem Amt wieder mutiger zu sein, wie sie es schon mehrere Male geschafft hat, damit sie wieder erfolgreiche Klimakanzlerin genannt werden kann.

Der ZDF-Meteorologe Özden Terli findet, dass es auch zu seinem Job gehört, das Publikum über den Klimawandel aufzuklären. Hat er recht?

Als älteres Semester und damit Fernsehnachrichten noch regelmäßig konsumierender Bürger kenne ich Özden Terli aus den ZDF-Wettervorhersagen. Er ist mir im genannten Zusammenhang aber bisher gar nicht aufgefallen. In dem Interview mit Klimareporter° hat er allerdings gut dargelegt, warum er beim Wetter heutzutage auch über Klimaänderungen reden muss.

Denn die besonders interessierenden Extremwetterereignisse hängen in immer mehr Fällen ja nachweislich mit den Klimaänderungen zusammen. Dazu gibt es zum Beispiel im Bulletin of the American Meteorological Society jetzt jedes Jahr eine Sammlung der wissenschaftlichen Literatur zu Extremereignissen – also Überschwemmungen, Starkregen, Hitzewellen –, denen ein Vervielfachungsfaktor wegen der laufenden Klimaänderungen zugeordnet werden kann. Herr Terli und seine Kolleginnen sollten sich stärker aus der Deckung wagen.

Wenn fast alle Staatenlenker im Paris-Abkommen massiven Klimaschutz gefordert haben, das jetzt auch völkerrechlich verbindlich ist, empfinde ich es keineswegs mehr als mutig, bei den Wettervorhersagen auch die von uns verursachten Klimaänderungen anzusprechen. Wenn Klima sich ändert, muss sich auch Wetter ändern.

Man könnte sich auch fragen, warum es noch immer nötig ist, darauf hinzuweisen. Ich denke, dass es leider noch immer erforderlich ist, weil es eine politische Partei im Bundestag gibt, die naturwissenschaftliches und anderes Basiswissen nicht akzeptieren will – so wie früher die katholische Kirche. Deren oberster Repräsentant hat allerdings vor drei Jahren mit der Enzyklika "Laudato Si'" gezeigt, dass wir nicht nur eine zweite Aufklärung brauchen, sondern auch ohne Klimaschutz Armut nicht bekämpfen können.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die Einigung von EU-Kommission, EU-Staaten und Europäischem Parlament auf ein Erneuerbare-Energien-Ziel: Im Jahr 2030 sollen 32 Prozent des Energieeinsatzes in der EU aus erneuerbaren Energieträgern geschöpft werden. Dieses Ziel wird Teil eines europäischen Rahmengesetzes im sogenannten Paket "Saubere Energie für alle".

Hervorzuheben ist, dass das Ziel verbindlich sein soll. "Erneuerbare sind gut für Europa und heute ist Europa gut zu den Erneuerbaren“, so hat es Energiekommissar Arias Cañete ausgesdrückt. Damit könnte die EU jetzt ihre Zusagen bei der Verabschiedung des Paris-Abkommens einhalten. Außerdem ist ein klarer rechtlicher Rahmen für den Eigenverbrauch geschaffen sowie die Sektorkopplung vorangetrieben worden.

Nach der formalen Genehmigung durch EU-Parlament und Ministerrat wird das Gesetz sicher in einigen Monaten im EU-Amtsblatt veröffentlicht und tritt 20 Tage später in Kraft. Die EU-Mitgliedsstaaten müssen die Vorgaben dann innerhalb von 18 Monaten in eigenes Recht fassen. Für Deutschland heißt das wieder einmal: Die EU schiebt an und der vollständige Kohleausstieg ist noch wahrscheinlicher geworden und sollte rascher kommen, als die gegenwärtige Koalition erkennen lässt.

Fragen: Sandra Kirchner

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