Die Energiewende im Einkaufswagen

So wird Balkonien zur solaren Insel: Die Heidelberger Energiegenossenschaft will es Menschen ermöglichen, sich selbst ihr kleines Solar-Inselnetz für den Balkon zu bauen. Das macht die Energiewende demokratisch.


Das Foto zeigt drei Menschen vor einem Solarmodul
Von links nach rechts: Nicolai Ferchl von der Heidelberger Energiegenossenschaft, Paul Grunow vom Photovoltaik-Institut Berlin und Martin Jäger von Libre Solar nach dem Beratungsworkshop. (Foto: Bündnis Bürgerenergie)

Das neueste Projekt der Heidelberger Energiegenossenschaft passt in einen Einkaufswagen. Aus ausrangierten Photovoltaik-Modulen und dem Akku eines Elektro-Rollstuhls haben die Heidelberger ein mobiles Inselsystem gebaut. Nicolai Ferchl, Vorstand der Genossenschaft, will den Solar-Einkaufswagen auf Veranstaltungen mitnehmen, um Menschen zu motivieren, selbst Solarstrom zu erzeugen.

"Die große Stärke von Solarenergie ist es, dass jeder sie erzeugen kann, zum Beispiel auf dem Balkon oder im Gartenhäuschen", erläutert Ferchl. "Wir wollen Solarenergie erfahrbar machen."

Die Energiegenossenschaft arbeitet bei den Mini-Systemen mit dem Hamburger Projekt Libre Solar zusammen, das einen Laderegler entwickelt hat, also ein Gerät, das steuert, wann wie viel Strom in den Akku fließt. Der Laderegler, den Libre Solar aus Open-Source-Hardware konstruiert hat, ist auch im Einkaufswagen verbaut.

"In Entwicklungsländern können solche Systeme lebensverändernd sein", sagt Ferchl. Sich dafür einzusetzen ist neben der Bildungsarbeit in Deutschland die zweite große Motivation der Heidelberger. "Das System von Libre Solar passt zu unserem genossenschaftlichen Gedanken, Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten, und zu einem offenen Community-Ansatz", so Ferchl. Die Genossenschaft will solche Systeme in Deutschland verbreiten und Libre Solar mit ihren Kontakten und Erfahrungen unterstützen.

Das neue Projekt mit dem Einkaufswagen passt gut ins Profil der Heidelberger. Die Genossenschaft, die vor acht Jahren als studentische Initiative entstand, hat inzwischen über 400 Mitglieder und betreibt 20 Solaranlagen. Ein großer Schwerpunkt sind Mieterstrommodelle.

"Open Source" sorgt für Reparierbarkeit

Mit dem Projekt zu autarken Mini-Solar-Systemen hat die Genossenschaft den Wettbewerb zum "Bürgerenergieprojekt 2018" gewonnen. Das Bündnis Bürgerenergie (BBEn) hatte im vergangenen Herbst drei Energiegenossenschaften mit visionären Ideen ausgezeichnet. Zum Preis gehörte eine professionelle Beratung für die Genossenschaften durch eine fachlich versierte Person aus dem BBEn-Netzwerk.

Als Berater haben sich die Heidelberger den Photovoltaik-Pionier Paul Grunow gewünscht. Der studierte Physiker hat auf dem Gebiet promoviert und war an der Gründung der Photovoltaik-Unternehmen Solon und Q-Cells beteiligt. Heute betreibt er das Photovoltaik-Institut Berlin und berät Betreiber von großen Photovoltaik-Anlagen.

Nun erhoffen sich die Heidelberger, von Grunows Expertise bei der Verbreitung von Hardware zu profitieren und auch Tipps für die Unternehmensstruktur und die Zertifizierung von Hardware zu bekommen.

Das Treffen findet an einem sonnigen Frühlingstag in Paul Grunows Institut in Berlin-Kreuzberg statt. Zunächst stellt Martin Jäger von Libre Solar vor, wie er sich die technische Umsetzung von Mikrosystemen in Deutschland oder auch in Ländern des globalen Südens vorstellt.

Der Wettbewerb

Seit 2017 veranstaltet das Bündnis Bürgerenergie den Wettbewerb um die Bürgerenergieprojekte des Jahres. Gefragt sind visionäre Ideen, die die dezentrale Energiewende in Bürgerhand vorantreiben.

 

Mehr als ein Dutzend Bürgerenergiegesellschaften hatten sich 2018 um den Preis beworben. Die eingereichten Projekte reichten von E-Carsharing-Konzepten bis zu Projekten zum Energiesparen. Durch ein Auswahlverfahren, das von der Netzgemeinde und einer Jury entschieden wurde, wurden drei Gewinner bestimmt. Neben der Auszeichnung erhielten sie je einen Workshop mit einer professionellen Beratung durch einen Experten aus dem BBEn-Netzwerk.

"Ein Open-Source-Ansatz ist eine gute Idee, um ein Produkt in die Gesellschaft zu tragen", sagt Jäger. Für Länder des globalen Südens gebe es zudem den Vorteil, dass die Ersatzteile auch in entlegenen Gegenden vorhanden seien und die Nutzer die Geräte dann selbst reparieren können. "Wenn technische Produkte offen sind, kann das dafür sorgen, dass sie auch reparierbar sind.

In Deutschland wollen Jäger und Ferchl eher Bastler ansprechen. "Das hat ein großes Potenzial", stimmt ihnen Paul Grunow zu. Er erwähnt die beiden Mini-Computer Raspberry Pi und Arduino, mit denen man selbst gebaute Geräte relativ einfach steuern kann, ohne Expertenwissen über Mikrochips zu haben. Sie sind in der Bastler-, aber auch der Künstlerszene beliebt und werden auch in Schulen eingesetzt.

"Weniger Software macht das System sicherer"

"Die Hardware-Orientierung ist erfrischend", sagt Grunow über das Projekt. "Ich bin auch im größeren Rahmen überzeugt, dass weniger Software sinnvoll ist. Dann wird es sicherer, billiger und besser verfügbar." Das Bastel-Balkonmodul mit der Open-Source-Hardware findet er sehr sinnvoll für die Energiewende.

Für ihr Anliegen, ihr offenes System auch in Entwicklungsländern anzubieten, konnte Grunow Jäger und Ferchl weiterhelfen, erzählt er nach der Beratung. Er hat für sie den Kontakt zur Mobisol GmbH hergestellt, die solare Inselsysteme in Tansania und Ruanda verkauft. "Ich kann nichts steuern, aber unterstützen", sagt der Experte. Mobisol kennt er, weil er die Firma in der Vergangenheit ebenfalls beraten hat.

Rückblickend hat Genossenschaftsvorstand Ferchl durch die Expertise von Grunow viel mitgenommen. So hat er zum Beispiel gelernt, welche Unterschiede es im Einsatz der Mini-Systeme zwischen Ländern wie Deutschland und Entwicklungsländern gibt. "Hier in Deutschland wäre es ein schickes Spielzeug zum Experimentieren, dort ist es eher Mittel zum Zweck. Das ist eine Perspektive, die ich nicht erwartet hatte", sagt Ferchl nach der Beratung.

Neben wichtigen Kontakten und Einschätzungen haben Ferchl und Jäger aber auch ganz praktische Tipps von der Beratung mitgenommen. "An das Befestigungssystem des Moduls hätten wir als Letztes gedacht", erzählt Ferchl. "Die Leute, die so ein Modul aufbauen, denken aber als Erstes daran, wie sie es auf ihren Balkons befestigen können." Das klingt zwar banal, ist aber zu wichtig, um es zu vergessen. Dem Balkonmodul zum Selberbauen sind die beiden damit einen Schritt näher gekommen.

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