Die Verkehrswende-Praktiker

Die Verkehrswende stockt auf bundespolitischer Ebene – aber im Lokalen bewegt sich etwas. Die Pro regionale Energie eG, einer von drei Gewinnern des Wettbewerbs Bürgerenergieprojekt 2018, baut zum Beispiel ein kleines E-Carsharing-System auf. Das kann Schule machen.


Trotz Regen gute Laune: Die Bürgerenergie-Pioniere Urstrom und Energiegewinner berieten Pro regionale Energie beim Aufbau eines E-Carsharing-Systems. (Foto: Laura Schröder/​BBEn)

Manchmal reicht ein kleiner Impuls, um zwei Gefährte auf eine Bahn zu lenken. Es ist der Sommer 2018. Das Ehepaar Krause aus dem Stadtteil Wehen im südhessischen Taunusstein hat im Grunde ein Auto zu viel. Helga Krauses Fiat Panda wird zwar von ihr heiß geliebt, aber trotzdem nur unregelmäßig bewegt. Eigentlich, Hand aufs Herz, fast überflüssig. Und dafür ganz schön teuer. Einigen aus der Nachbarschaft geht es ähnlich. Man bespricht sich. Gibt es da keine bessere Lösung?

Nur ein paar Kilometer weiter sieht die Bürgerenergiegenossenschaft "Pro regionale Energie" aus dem rheinland-pfälzischen Diez kaum noch neue Möglichkeiten, die dezentrale Energiewende voranzubringen. Zehn Jahre lang hat sich die Genossenschaft schon für dieses Ziel eingesetzt und kann etliche Erfolge vorweisen.

Zusammen mit ihren 350 Mitgliedern betreibt sie zwölf Photovoltaik-Dachanlagen und einen Solarpark im hessischen Waldsolms, der durch Schafe gepflegt wird und der Genossenschaft sogar eigenen Honig liefert. Auch an einem Windpark beteiligt sich die Pro regionale Energie eG schon. Doch gerade was den Bau neuer Windräder angeht, stimmt der politische Rahmen einfach nicht mehr.

Dann kommt der Aufruf vom Bündnis Bürgerenergie (BBEn), sich als Bürgerenergieprojekt 2018 zu bewerben. Gefragt sind Ideen mit viel Potenzial – selbst wenn auf dem Weg in die Praxis noch Hürden stehen. Um die zu überwinden, winkt neben der Auszeichnung auch eine professionelle Beratung mit einem Bürgerenergie-Pionier aus dem Netzwerk des BBEn.

 "Es geht um die Bürger"

"Die Ausschreibung war der Punkt, an dem wir angefangen haben zu überlegen: Was können wir Neues machen?", erzählt Stefan Scholz, Vorstand der Pro regionale Energie eG, heute rückblickend. Es folgten einige Wochen intensiver Planungen, Diskussionen und Gespräche. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Der Plan: Im Sommer 2019 wird Helga Krause ihr eigenes Auto abgeben können. Sie wird es nicht mehr brauchen. Denn dann wird die Pro regionale Energie eG ein Carsharing-System im Wohnviertel der Krauses in Wehen aufgebaut haben. Zwei E-Autos werden zur Verfügung stehen.

Die Zusammenarbeit mit den Krauses und ihren Mitstreitern ist seit dem vergangenen Jahr eng. "Das erste Treffen fand vor Ort in einem Wohnzimmer statt", erinnert sich Scholz. "Wir haben das als Nachbarschaftscarsharing aufgezogen: Die Anregung kam von den Bürgerinnen und Bürgern, und um die soll es auch weiterhin gehen."

"Wir bauen einen direkten Draht auf"

Im Wettbewerb um das Bürgerenergieprojekt kann die Pro regionale Energie eG mit ihrem Gesamtpaket überzeugen – sowohl die Netzgemeinde im Online-Voting als auch die Jury. Ihr abschließende Urteil im November begründet die Jury damit, dass die Genossenschaft "in ihrer Region im Bereich Photovoltaik viel bewegt hat".

Der Wettbewerb

Seit 2017 veranstaltet das Bündnis Bürgerenergie den Wettbewerb um die Bürgerenergieprojekte des Jahres. Gefragt sind visionäre Ideen, die die dezentrale Energiewende in Bürgerhand vorantreiben.

 

Mehr als ein Dutzend Bürgerenergiegesellschaften hatten sich 2018 um den Preis beworben. Die eingereichten Projekte reichten von E-Carsharing-Konzepten bis zu Projekten zum Energiesparen. Durch ein Auswahlverfahren, das von der Netzgemeinde und einer Jury entschieden wurde, wurden drei Gewinner bestimmt. Neben der Auszeichnung erhielten sie je einen Workshop mit einer professionellen Beratung durch einen Experten aus dem BBEn-Netzwerk.

Zudem habe sie über ihre Energiewende-Aktivitäten noch weitere Dinge im Blick, wie die Produktion von Honig und die Nutzung der Solar-Freiflächen-Wiese als Weidelandschaft. Und nun eben auch den Verkehr.

Während die Planung der Verkehrswende auf Bundesebene nicht vorankommt, packt die Genossenschaft sie auf lokaler Ebene an. Auch da gibt es Herausforderungen, denn nicht alle Bürgerinnen und Bürger sind von vornherein Fans des E-Carsharings. "Es gibt viele Berührungsängste", sagt Stefan Scholz. Er meint nicht nur die Skepsis, das eigene Auto aufzugeben, sondern auch schon den Wechsel auf ein strombetriebenes Modell. "Aber wenn die Leute vor Ort einmal mitgefahren sind, sind sie erfahrungsgemäß begeistert – das ist unsere Stärke als Bürgerenergiegenossenschaft, dieser direkte Draht."

Inzwischen hat die Pro regionale Energie eG auch ihren Wettbewerbspreis eingelöst. Experten zweier Bürgerenergiegenossenschaften mit Erfahrung im E-Carsharing, Klaus Grieger von der Urstrom eG aus Mainz und Ramon Kempt von der Energiegewinner eG aus Köln, haben sie einen Tag lang in allen Details beraten. Wie kann die Buchung und Abrechnung ab dem Sommer funktionieren? Welche E-Autos eignen sich besonders gut für das Vorhaben? Wie kalkuliert man die Tarife? Und welchen Fallstricken gilt es auszuweichen?

"Vernetzung ist essenziell"

Ein (Noch-)Geheimtipp von Grieger und Kempt ist das Brüsseler Projekt The Mobility Factory. Sowohl Urstrom als auch Energiegewinner sind Teil dieser Genossenschaft der Genossenschaften. The Mobility Factory bietet seinen über ganz Europa verstreuten Mitgliedern die technische Infrastruktur, die man für E-Carsharing braucht – eine App für die Nutzer, ein Management- und ein Abrechnungssystem für den Betreiber. So muss nicht jede Bürgerenergiegenossenschaft das Rad neu erfinden.

Zum Workshop hatten die Diezer auch gleich noch einige weitere Genossenschaften aus der Region eingeladen. "Warum sollen nur wir profitieren?", meint Stefan Scholz. Mit dem Ergebnis ist er sehr glücklich. "Der Workshop hat mir viel Sicherheit für die nächsten Schritte unseres Projekts gegeben."

Auch Berater Klaus Grieger ist zufrieden. "Diese Vernetzung ist essenziell für die Bürgerenergie", meint er. "Die Genossenschaften haben alle ihre besonderen Stärken, manche sind technisch besonders gut aufgestellt, andere kaufmännisch – auch wir, die wir schon Erfahrung im E-Carsharing gesammelt haben, sind nicht in allen Fragen unfehlbar." Es sei bei dem Workshop sogar eine Zusammenarbeit zwischen den Genossenschaften über drei Bundesländer hinweg entstanden.

Am Ende hat ein kleiner Impuls nicht nur zwei, sondern gleich eine ganze Reihe von Gefährten auf eine Bahn gelenkt – die nun durch die versammelte Kraft viel besser befahrbar ist.

Dieser Beitrag wurde nicht von der Redaktion erstellt. Er ist in Kooperation mit dem Bündnis Bürgerenergie e.V. in der Rubrik Advertorials erschienen.

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