Strom aus der Strömung

In Schottland wurde erfolgreich eine neue Gezeitenturbine getestet. Stromgewinnung aus der Kraft der Gezeiten gilt als besonders berechenbar. Allerdings sorgen die starken Strömungen unter Wasser auch für Probleme.


Eine Gezeitenturbine schwimmt im Meer.
Strom aus Gezeitenturbinen gilt als gut vorhersagbar. Blick auf den Überwasserteil der schwimmenden Anlage vor Schottland. (Foto: Scotrenewables)

In Schottland ist erfolgreich eine neue Gezeitenturbine getestet worden. Nach Angaben der Betreiberfirma Scotrenewables hat die Turbine mit einer Leistung von zwei Megawatt in ihrem ersten Jahr über 3.000 Megawattstunden Strom produziert.

Das sei mehr, als die gesamten Wellen- und Gezeitenkraftwerke Schottlands in den zwölf Jahren vor der Fertigstellung des neuen Systems im Jahr 2016 ins Netz lieferten, erklärt das Unternehmen.

Die schwimmende Turbine wurde vor der Küste der Orkney-Inseln vom dortigen European Marine Energy Centre getestet. Die "stärkste Gezeitenstromturbine der Welt" könne 830 Haushalte versorgen und habe zeitweise ein Viertel des auf Orkney benötigten Stroms hergestellt, heißt es von Scotrenewables. Das Unternehmen spricht von einem Rekord.

Dass die Turbine auch über den Winter gut für Wartungsarbeiten zu erreichen war, gab aus Sicht der Betreiber den Ausschlag dafür, dass sie auf diesem Level Strom erzeugen konnte. "Weil wir kostengünstige Schiffe einsetzen konnten, ließen sich die Betriebskosten und Ausfälle gering halten", sagte Andrew Scott, Geschäftsführer von Scotrenewables.

"Auch wenn das System erst in der Testphase ist und es unsere erste Turbine im großen Maßstab ist, hat dieses erste Testjahr gezeigt, dass es eine Leistung auf dem Niveau von ausgereiften Erneuerbaren-Technologien bringt", so Scott weiter.

Sein Team sei überzeugt, dass das neue System zusammen mit den 8.000 Megawattstunden, die im vergangenen Jahr vom ebenfalls schottischen Projekt Meygen erzeugt wurden, die Marktfähigkeit der Gezeitenkraft beweise.

Das Meygen-Projekt ist vermutlich das bisher größte im Bau befindliche Gezeitenkraftwerk. Es liegt vor der Nordküste Schottlands im Pentland Firth, der Meerenge zwischen dem schottischen Festland und Orkney.

Der Pentland Firth wird aufgrund der Geschwindigkeit, mit der ihn das Meerwasser durchströmt, auch als "Saudi-Arabien der Gezeitenkraft" bezeichnet. Das Projekt soll einmal eine Gesamtleistung von 398 Megawatt haben. Bisher sind sechs Megawatt installiert und am Netz.

Beachtliches Potenzial

"Bei der Umstellung zu einem komplett erneuerbaren System ist es wirklich wichtig, dass wir viele verschiedene Stromquellen haben", kommentierte Gina Hanrahan vom schottischen WWF-Büro den erfolgreichen Turbinentest.

"Wir hatten in den letzten Jahren ein enormes Wachstum bei Windkraft an Land und auf See", sagte Hanrahan zu Klimareporter°. "Es ist großartig zu sehen, wie neue Gezeitentechnologien jetzt neue Rekorde aufstellen."

Gezeiten- und Strömungsenergie hat den Vorteil, dass sie im Vergleich zu Sonne und Wind gut vorhersagbar ist und gleichmäßig Strom liefern kann. Energieforscher schätzen das weltweite Potenzial für Meeresenergie auf etwa 1.500 Terawattstunden im Jahr. Etwa zehn Prozent davon entfallen auf Europa – damit ließe sich rein rechnerisch etwa ein Viertel des deutschen Strombedarfs decken.

Allerdings können die starken Meeresströmungen, die die Turbinen antreiben, auch zum Problem werden. So ging der irische Meeresturbinenentwickler Open Hydro in diesem Monat pleite, nachdem bei einer Turbine vor Kanada Wasser in das Umspann- und Kontrollzentrum eingedrungen war und sich eine Bergung als schwierig herausstellte.

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