Ohne Trump ist die Alternative

Beim G7-Gipfel in Kanada hat US-Präsident Trump erneut die Spielregeln bestimmt und Themen wie Klimawandel, Meeresschutz und saubere Energien an den Rand gedrängt. Die Staatengemeinschaft – und nicht nur die "G6" – darf sich das nicht länger gefallen lassen.


Hier ist Präsident Trumps Hubschrauber zu sehen, der gerade in Charlevoix, Kanada, zum G7-Gipfel landet
US-Präsident Trump trifft beim G7-Gipfel in Charlevoix (Kanada) ein. (Foto: Shealah Craighead/​The White House/​Flickr)

Es ist ärgerlich. Auch beim diesjährigen G7-Gipfel in Kanada hat US-Präsident Trump es wieder geschafft, die Inszenierung an sich zu reißen und alle Aufmerksamkeit auf seine Person zu ziehen. Erneut dominierten seine Themen die Agenda und alles andere wurde zur bloßen Nebensache degradiert.

Trump kam verspätet zum Gipfel, sprach nur über Handelsfragen und hatte schon vorher dafür gesorgt, dass auch die anderen sechs Staats- und Regierungschefs der G7 ein brennendes Interesse vor allem an diesem Thema haben mussten. Nur wenige Tage zuvor hatte er die Strafzölle auf Stahl und Aluminium auch auf die EU und die US-Nachbarländer Kanada und Mexiko ausgedehnt.

Und Trump hatte die Drohung anklingen lassen, dass dies erst der Anfang sein werde in Sachen Handelskrieg. Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan und Großbritannien waren folglich überaus bemüht, Trump vom Wert multilateraler Vereinbarungen zu überzeugen. Immer wieder suchten sie das persönliche Gespräch mit dem De-facto-Star des Gipfels.

Zugehört hat Trump nicht. Und da es am zweiten Gipfeltag nicht um Handel gehen gehen sollte, sondern auf der Agenda solche "Nebensächlichkeiten" wie Klimawandel, Meeresschutz, saubere Energien und Geschlechtergerechtigkeit standen, reiste der US-Präsident einfach am Morgen ab. Deutlicher, ja demonstrativer kann man sein Desinteresse kaum zeigen.

Bevor Trump Richtung Singapur abflog, wo er sich am morgigen Dienstag mit Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un treffen und einen "One-Shot-Deal" – also alles auf einmal und sofort – erreichen will, machte er in einer improvisierten Pressekonferenz noch einmal seine Prioritäten klar. Und sorgte wieder für Aufsehen.

"Sie haben keine Wahl"

Abermals ging es um Handelsfragen und die aus Trumps Sicht "unfairen" Praktiken der übrigen Gipfelteilnehmer. Die anderen Staaten würden den USA Hunderte Milliarden Dollar schulden, behauptete Trump. Sie hätten sein Land als "Sparschwein" benutzt und regelrecht "ausgeraubt". Doch das werde sich ändern, "Angela, Emmanuel, Justin" und all die anderen hätten gar keine andere Wahl, gab er sich überzeugt.

Selbst nach seiner Abreise beherrschte der US-Präsident den Gipfel. Per Twitter widerrief er seine Zustimmung zu der gemeinsamen Abschlusserklärung, die erstaunlicherweise trotz allem zustande gekommen war.

Dabei enthält das Schlussdokument wieder nur den schwachen Formelkompromiss, in den man sich auch schon letztes Jahr beim G20-Gipfel in Hamburg gerettet hatte, um etwas Gemeinsames hinzubekommen. Die unvereinbaren Positionen der USA und der Mehrheit werden einfach nacheinander aufgelistet.

Kanada, Frankreich, Deutschland, Italien, Japan, Großbritannien sowie die ebenfalls eingeladenen EU-Vertreter bekennen sich erneut zum Paris-Vertrag und kündigen "ehrgeizigen" Klimaschutz sowie die Bereitstellung der nötigen Klimagelder an.

Die USA wiederum bekräftigen abermals ihre Absicht, ihre fossilen Energieträger in alle Welt zu exportieren. Jeder Verweis auf das Paris-Abkommen oder auch nur den Klimawandel fehlt. Die Forderung der Trump-Administration, dass es im gesamten Dokument keinen solchen Hinweis geben dürfe, konnten die übrigen Länder immerhin abwenden.

Wozu noch G7-Gipfel?

Ohne eine gemeinsame Erklärung fällt es nun aber immer schwerer, auch nur den Anschein von Gemeinsamkeiten der Art "Wir können uns irgendwie verständigen und zeigen ein Mindestmaß an Goodwill" zu wahren. Trump ließ auch dies platzen. Den Anlass fand er bei Kanadas Premier Justin Trudeau.

Der G7-Gastgeber hatte, als er die Abschlusserklärung zum Ende des Gipfels präsentierte, zugleich Trumps Strafzölle kritisiert und Gegenmaßnahmen angekündigt. Trump zeigte sich empört ob der Kritik. Während des Gipfels sei der Kanadier so nett aufgetreten und nun nenne er die Strafzölle der USA eine Art Beleidigung, beschwerte sich der US-Präsident per Twitter. Trudeau sei "verlogen und schwach".

Unter dem Hashtag #g7charlevoix liefen bei Twitter derweil Hunderte von Kurznachrichten ein. Auch sie beschäftigten sich fast ausnahmslos mit Trump. Es gab viel Kritik und Spott, aber auch ernsthafte Vorschläge. Einige Nutzer regten an, Trump gar nicht mehr zu Gipfeltreffen einzuladen oder höchstens noch als Gast, wenn dieser doch nur darauf aus sei, die anderen Teilnehmer zu brüskieren.

Wie es mit dem Gipfelformat weitergehen soll, wenn einer der Beteiligten gar kein Interesse an gemeinsamen Gesprächen und Beratungen an den Tag legen mag und nur seine Sonderforderungen durchsetzen will, ist tatsächlich eine wichtige Frage. Eine Antwort darauf gibt es noch nicht.

Fest steht jedoch: Die übrigen Länder müssen sehr viel kraftvoller als bislang für das eintreten, was sie erklärtermaßen für richtig halten und was ihnen wichtig ist. Sie dürfen sich nicht länger von einem Inszenierungskünstler wie Trump vorführen lassen. Halbherziges Herumlavieren ist nicht mehr angesagt.