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Flamme von Portowaja wirft Licht auf größeres Problem

Russland fackelt nahe dem Nord-Stream-Verdichter so viel Gas ab, dass man das selbst aus Finnland sehen kann. Im Vergleich zu den "normalen" Emissionen der Öl- und Gasindustrie durch das Abfackeln und Ablassen von Gas und durch diverse Lecks sind die Emissionen von Portowaja aber fast nebensächlich.


Bei einer Ölbohrung wird Gas abgefackelt.
Die Fossilindustrie könnte das Abfackeln und Ablassen von Gas massiv reduzieren. (Foto: Ratfink/​Pixabay)

Der russische Staatskonzern Gazprom fackelt in der Nähe der Verdichterstation der Ostseepipeline Nord Stream 1 derzeit große Mengen Gas ab. Die norwegische Beratungsfirma Rystad Energy schätzt, dass dort täglich 4,34 Millionen Kubikmeter Erdgas verbrennen. Dieses ließe sich beim aktuellen Gaspreis für 13 Millionen Euro verkaufen.

Die Flamme ist so groß, dass sie auch von Finnland aus gesehen werden kann, und manche vermuten, mit dem Abfackeln wolle Russland eine Botschaft an Europa senden.

Eine andere Beratungsfirma, Flare Intel aus Großbritannien, sieht allerdings einen anderen Grund dafür, dass Russland dort sein Geld verbrennt. Die Flamme lodert in Portowaja rund fünf Kilometer von der Nord-Stream‑1-Kompressorstation. An diesem Ort befindet sich ein nahezu fertiges Terminal zur Verflüssigung von Erdgas.

Das Terminal wurde von der deutschen Firma Linde errichtet, die Russland aber mittlerweile verlassen hat. Flare Intel sieht daher zwei mögliche Gründe für die Feuersbrunst: Russland könnte Gas abfackeln, das eigentlich verflüssigt werden sollte, aber hat Schwierigkeiten, die Anlage ohne die Unterstützung von Linde zu starten.

Die andere Option ist, dass das Gas zu viel Wasser enthält, was die Anlage beschädigen könnte, in der das Gas auf minus 162 Grad heruntergekühlt wird. In diesem Fall würde Russland die Anlage starten können, sobald das wasserreiche Gas komplett abgefackelt ist.

Klimawirkung größer als EU-Emissionen

Unabhängig vom Grund für die Feuersbrunst deutet die Flamme aber auf ein viel größeres Problem hin: das massenhafte Abfackeln von Gas durch die Öl- und Gasindustrie rund um die Welt und allen voran in Russland.

 

Nach Weltbank-Schätzungen wurden letztes Jahr weltweit 144 Milliarden Kubikmeter Gas abgefackelt. Dadurch wurden 361 Millionen Tonnen CO2 freigesetzt. Das entspricht den Emissionen von Italien.

Weil das Gas nicht vollständig verbrennt, wurden beim Abfackeln zusätzlich 39 Millionen Tonnen Methan freigesetzt, ein Klimagas, das auf 100 Jahre gerechnet eine 30-mal stärkere Treibhauswirkung hat als CO2.

Und das ist noch nicht alles: Beim Verbrennen von Gas entsteht auch Ruß. Wenn sich Ruß auf dem arktischen Eis absetzt, reflektiert dieses weniger Sonnenlicht und schmilzt eher.

Noch dramatischer werden die Zahlen, wenn man auch das Gas berücksichtigt, das nicht abgefackelt, sondern einfach in die Luft abgelassen wird. Genaue Daten fehlen, aber die Internationale Energieagentur IEA schätzt, dass letztes Jahr weltweit 125 Milliarden Kubikmeter Gas, also Methan, zusätzlich abgelassen wurden oder durch Lecks in die Atmosphäre gelangt sind.

Zusammengenommen hätte das abgefackelte, abgelassene und anderweitig ausgetretene Gas eine Klimawirkung von 2,7 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent und entspräche einem fiktiven Land mit den fünftgrößten Treibhausgasemissionen – nach China, den USA, Indien und der EU.

Internationale Initiativen bisher erfolglos

Dieser ökologische und ökonomische Wahnsinn wäre allerdings nicht nötig. Die IEA schätzt, dass 70 Prozent der Methanemissionen der Öl- und Gasindustrie und 90 Prozent der Emissionen beim Abfackeln von Gas verhindert werden könnten.

Bei den aktuell hohen Gaspreisen wäre das sogar lukrativ: Laut IEA würden dem Markt dadurch 210 Milliarden Kubikmeter Gas zusätzlich zur Verfügung stehen und die Produzenten hätten Zusatzeinnahmen von 90 Milliarden Dollar – deutlich mehr als die Kosten zur Vermeidung der Emissionen.

Besonders gefragt sind hier die Länder, die für diese Emissionen verantwortlich sind. Beim Abfackeln sind dies Russland, Irak, Iran und die USA, gefolgt von Venezuela, Algerien und Nigeria.

Eigentlich gibt es auch schon zwei internationale Initiativen, die sich darum kümmern. Zero Routine Flaring (ZRF) heißt eine Initiative der Weltbank, die sich an Firmen richtet. Und in der Global Methane Initiative versprechen Staaten, ihre Methanemissionen zu senken.

Der bisherige Erfolg dieser Initiativen ist allerdings bescheiden. Die Emissionen beim Abfackeln liegen relativ stabil auf dem Niveau von 1990 und die Methanemissionen sind seither sogar um die Hälfte gestiegen, wie Zahlen der IEA zeigen.

Dabei weiß man, was getan werden müsste: Diesen Emissionen "kann mit bewährten Strategien und Technologien begegnet werden, darunter Anforderungen an die Lecksuche und -reparatur, Ausrüstungsvorschriften und Verbote des Abfackelns und Ablassens, wenn kein Notfall vorliegt", schreibt die IEA.

Wenn die Flamme von Portowaja dazu beiträgt, dass das Abfackeln und die Methanemissionen der Öl- und Gasindustrie mehr Aufmerksamkeit erhalten, dann hätte sie vielleicht sogar ihr Gutes.

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