Boom blieb in der Nische stecken

Einen "Boom" bei den Energiegenossenschaften verkündete kürzlich eine Studie der Uni Kassel. Ein genauerer Blick auf die Zahlen zeigt: Der große Aufschwung bei dieser bürgerschaftlichen Form, sich an der Energiewende zu beteiligen, ist schon eine Weile her.


Energiebürger Bremen
"Wir sind die Energiewende!" Der Ruf der Bürgergenossenschaften findet bei maßgeblichen Politikern nicht mehr besonders viel Gehör. (Foto: BBEn)

Wer über Energie­genossenschaften in Deutschland schreibt, hat es in einem Punkt einfach – bei ihrer Gesamtzahl. Etwa eintausend Energie­genossenschaften gibt es – verschiedenen Quellen zufolge – seit mehreren Jahren im Lande. Eine Studie, die im Rahmen des Projekts "KlimaGen" der Universität Kassel angefertigt wurde, hat nun die Entwicklung bis zu dieser Zahl nachgezeichnet: Zwischen 2012 und 2015 legte die Zahl der Energie­genossenschaften von 642 auf 928 zu und näherte sich damit bereits der Tausender-Grenze. "Energie-Genossenschaften boomen" übertitelte die Uni ihre Mitteilung.

Allerdings setzt sich der "Boom" seitdem nicht fort. "Energie-Genossenschaften stabilisieren sich auf hohem Niveau" wäre deshalb die korrekte Wertung gewesen, räumt Studienmitautorin Beate Fischer gegenüber Klimareporter° ein. Seit 2015 überstiegen, wie auch die Studie nachweist, die Neugründungen kaum noch die Auflösungen. Immerhin sei auch eine befürchtete Auflösungswelle bisher ausgeblieben, betont die Wissenschaftlerin. Auch wenn die Gesamtzahl nicht mehr entscheidend zulegt, findet es Fischer erfreulich, dass die bestehenden Energiegenossenschaften an Reichweite gewannen. So steige die Zahl der organisierten Mitglieder weiter.

Wer annimmt, Energiegenossenschaften zu zählen sei eine triviale Sache, irrt. Eher kam das, wenn man die Studie liest, einer kriminalistischen Arbeit gleich: Die Kasseler Forscherinnen glichen Einträge in der Datenbank der Plattform "Energiewende jetzt!" mit Websites der Genossenschaften selbst und mit Einträgen in Handelsregistern ab – eine Analyse, die ihresgleichen sucht.

Gesamtwirtschaftlich gesehen stellen Energiegenossenschaften allerdings nicht mehr als eine Nischenerscheinung dar. "Die Bundesbank veröffentlicht jedes Jahr eine summierte Bilanzsumme der etwa 2.000 energiewirtschaftlichen Unternehmen in Deutschland", sagt Fischer. "Energiegenossenschaften erreichen an der Bilanzsumme gerade einmal einen Anteil von 0,65 Prozent."

Keine ökonomische Größe

Im Klartext: In der deutschen Energiewirtschaft fallen Genossenschaften kaum ins Gewicht. Viele Bürger vor Ort sehen das freilich anders. Das etwas romantisierende Bild, dass sich engagierte Menschen zusammenfinden, die lokal etwas für die Energiewende tun, Solardächer installieren oder ein Windrad errichten und mit dem Erlös auch etwas für Umweltbildung und für den Ort, in dem sie leben, bewirken – das stimmt aber auch für die Kasseler Wissenschaftlerinnen überwiegend noch.

So teilten sich 2015 bei etwa zwei Dritteln der Energiegenossenschaften noch jeweils einzelne Bürger die Anteile daran, es handelt sich also um Bürgergesellschaften im besten Sinne. Bei rund 16 Prozent der Genossenschaften setzt sich die Eigentümergemeinschaft aus verschiedenen Akteuren – Bürger, Kommunen, Finanzinstitute – zusammen. Von einer Bank geführte Energiegenossenschaften hatten 2015 laut der Studie nur einen Anteil von sechs Prozent.

Auch die Mitgliederzahl ist meist überschaubar. 2015 zählten 84 Prozent der Genossenschaften weniger als 250 Mitglieder. Der Trend geht hier aber, wie die Studie feststellt, weg von sehr kleinen Genossenschaften mit weniger als 100 Mitgliedern – zugunsten kleiner und mittlerer Genossenschaften.

"In der Mehrzahl werden Energiegenossenschaften von engagierten Bürgerinnen und Bürgern gegründet, das hat auch unsere Erhebung ergeben", sagt Beate Fischer. Dass zunehmend Stadtwerke, Banken, Kommunen und Unternehmen Genossenschaften initiieren und die Bürger dann "einbeziehen", findet die Wissenschaftlerin jedoch sinnvoll, weil die Geschäftsmodelle gerade bei den Erneuerbaren anspruchsvoller werden. "Ich begrüße es auch, wenn regionale Versorger sich um die Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern vor Ort bemühen."

Gesetzlicher Rahmen erschwert lokale Vermarktung

Am meisten befassen sich die Genossenschaften laut der Studie noch immer mit dem Stromgeschäft. 80 Prozent hatten hier 2015 ihren Schwerpunkt. 23 Prozent sind vor allem im Wärme- und nur 2,5 Prozent im Mobilitätssektor tätig. Von den insgesamt 16 Energiegenossenschaften, die sich 2015 um Mobilität kümmerten, engagierten sich zwölf bei der E-Mobilität und fünf beim Carsharing.

Insgesamt stellt Fischer eine gewisse Zweiteilung der Branche fest. "Auf der einen Seite gibt es eine beachtliche Zahl von Energiegenossenschaften, die einen ungebrochenen Gestaltungs- und Veränderungswillen haben", konstatiert sie. Projekte mit Carsharing und E-Mobilität nähmen zu, es werde an Mieterstrom-Modellen getüftelt und viele Genossenschaften bemühten sich, Menschen für Ökostrom zu begeistern.

Auf der anderen Seite aber könnten viele, vor allem die ehrenamtlich geführten Energiegenossenschaften mit der zunehmenden Komplexität der verschiedenen Geschäftsmodelle "nicht Schritt halten", so Fischer. Diese Genossenschaften verwalten ihrer Ansicht nach nur noch ihren Anlagenpool.

Die Kasseler Wissenschaftlerin sieht die Schuld dafür allerdings weniger bei den Genossenschaften selbst, vielmehr fehle es an einem geeigneten gesetzlichen Rahmen. "Wenn eine lokale Vermarktung von Energie mit Steuern und Abgaben belegt wird, dann wird diese Eigenaktivität von Bürgern deutlich erschwert."

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