Grün ist nicht gleich grün

Von Anfang an waren die Kriterien umstritten, die eine nachhaltige Geldanlage erfüllen soll. Werden bestimmte Branchen ausgeschlossen, gibt es eine aufwendig recherchierte Positivliste oder reicht es, in einer Branche etwas grüner als die anderen zu sein?


Grafik: Eine Pflanze wächst aus einem Haufen Geldscheine
Grafik: Kristin Rabaschus

Auch die grüne Geld-Welt ist bunt. In der bewegtesten Gründerzeit während der 1980er Jahre galt "Gewinn mit guten Gewissem" vielen linken, alternativen Aktivisten als schmuddelig.

Und Schmuddelkindern fehlt es am nötigen Kleingeld, um an Ökoläden oder später dann an Windkraftwerken mitzuverdienen. Dort, wo Geldverdienen mit gutem Gewissen weniger verpönt war, tobt bis heute der Streit um die reine Lehre.

Ziemlich einig war man sich bei den Negativkriterien: Atomenergie, Rüstung oder Menschenrechtsverletzungen gehen gar nicht. Doch selbst hier gibt es heute Ausnahmen.

Positive Kriterien zu finden war in den 1980er Jahren – 1983 ziehen die Grünen bei der vorgezogenen Wahl erstmals in den Bundestag ein – schon schwieriger.

Einige wenige Fonds wetteiferten um die Frage, ob nur 100 Prozent saubere und sozialverträgliche Unternehmen korrekt Geld verdienen. Oder ob "Best-in-Class" auch okay sei.

Als Best-in-Class gilt das vergleichsweise grünste Unternehmen einer Branche. Das kann dann bei absoluter Betrachtung immer noch eine Dreckschleuder sein.

Ein Dutzend Positiv-Kriterien hatte Grüngeld-Vorreiter Alfred Platow seinem 1995 aufgelegten "Classic"-Fonds verpasst, plus Best-in-Class.

Bevorzugt investiert der Fonds in Unternehmen, die beispielsweise Umwelt- und sozialverträgliche Produkte vertreiben oder Dienstleistungen anbieten, die eine nachhaltige Entwicklung fördern – wie Vestas, der dänische Weltmarktführer bei der Errichtung von Windrädern.

Angelegt wird aber auch in herkömmlichen Aktiengesellschaften wie dem Konsumgüterhersteller Henkel oder der Software-Schmiede SAP. Ein zwölfköpfiger Anlageausschuss aus Fachleuten überprüft anhand der Kriterien die Fonds-Kandidaten.

Positiv-Kriterien sind aufwändig – negativ kann jeder

"Ein bewussteres kapitalistisches System", wünscht sich Platow. "Nicht nachhaltig, sondern, wie ich es nenne, vorhaltig orientiert. Den Blick nach vorne in die Zukunft gerichtet."

Das verlangt von Fonds-Organisatoren eine aufwändige Recherche – und die kostet. Dafür zahlen die Anleger. Platows Fonds zählen nicht zu den Billigheimern in der Investmentbranche.

Und auch der Heimathafen Luxemburg seiner Kapitalanlagegesellschaft Ökoworld Lux S.A. stört Kritiker. Ist aber durchaus branchenüblich: Fonds, die in ihrer Anlagestrategie nicht allein auf Rendite setzen, sondern auch ethische Kriterien berücksichtigen, wurden lange fast nur von der Luxemburger Finanzaufsicht akzeptiert.

Viele Fondsgesellschaften und andere Finanzdienstleister scheuen die in der Analyse und Kontrolle aufwändigen Positivkriterien. Am häufigsten werden daher Ausschlusskriterien genutzt.

99 Prozent der vom Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG) berücksichtigten Anlageprodukte nutzen solche Negativ-Kriterien, um "kontroverse  Emittenten" auszuschließen. FNG berücksichtigt auch sogenannte Verantwortliche Investments, die deutlich schwächere oder nur wenige Ausschlusskriterien anwenden.

Basis vieler Fonds und anderer Anlageprodukte ist der United Nations Global Compact. Dies ist eine Wohlverhaltensabsichtserklärung, die Unternehmen gegenüber den Vereinten Nationen abgeben, um die Globalisierung sozialer und ökologischer zu gestalten.

Auf dem Index stehen danach Korruption und Bestechung, Arbeitsrechtsverletzungen, Umweltzerstörung und Menschenrechtsverletzungen. Diese Ausschlusskriterien nehmen denn auch die ersten vier Ränge der in Deutschland angewendeten Ausschlusskriterien ein.

Top-Ten der Ausschlusskriterien

für Nachhaltige und Verantwortliche Geldanlagen in Deutschland 2019 (in Milliarden Euro)

 

Korruption und Bestechung 154
Arbeitsrechtsverletzungen  153
Umweltzerstörung  152
Menschenrechtsverletzungen  135
Kohle  121
Waffen und Rüstung  97
Kernenergie  74
Tabak  74
Glücksspiel 67
Pornografie 55
 
Quelle: Forum Nachhaltige Geldanlagen

Auf Rang fünf folgt der Ausschluss von Unternehmen, die Kohle fördern oder verstromen (siehe Tabelle).

Stark im Kommen ist eine dritte Kategorie, der Best-in-Class-Ansatz. Wer in einer eigentlich heiklen Branche wie der Automobil-, Lebensmittel- oder Atomindustrie tätig ist, wird dennoch als "grün" gefördert, wenn er ökologisch weniger schädlich arbeitet als die Konkurrenz.

Einblick und Überblick

Wer sich einen Einblick in den vielfältigen Grüngeld-Markt verschaffen will, dem ist die Internetseite ecoreporter.de zu empfehlen.

Wer es systematischer mag, sei an einen weiteren Altmeister der Szene, den Buchautor Max Deml verwiesen. Sein Handbuch "Grünes Geld" ist mittlerweile in der achten aktualisierten Auflage erschienen und vermittelt einen Überblick über nahezu alle Öko-Investment-Möglichkeiten.

Dagegen sind die lange Zeit richtungsweisenden Ratgeber der Verbraucherzentralen und der Stiftung Warentest in die Jahre gekommen.

Stattdessen integrieren die Verbraucherschützer das Themenfeld in ihre allgemeinen Ratgeber zu Sparen und Geldanlage, in ihre Zeitschrift "Finanztest" und in ihren Internetauftritt test.de.

Ein weiterer Beleg dafür, dass nachhaltige Geldanlage auf dem Weg zur neuen Normalität ist.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier