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"Die Wärmewende muss eine soziale Wärmewende sein"

Höhere EU-Klimastandards für neue und alte Gebäude sind nötig und richtig, sagt Energieexperte Martin Pehnt vom Heidelberger Ifeu-Institut. Die Förderprogramme müssen aber umgebaut werden, damit das Geld dorthin fließt, wo es wirklich gebraucht wird.


Mondaufgang über einer Plattenbausiedlung in Berlin-Lichtenberg mit vielen erleuchteten Fenstern in einer Langzeitaufnahme.
Klimaschutz und Soziales zusammenbringen – das wird die große Herausforderung. (Foto: Sascha Kohlmann/​Flickr)

Klimareporter°: Herr Pehnt, drei Viertel der Gebäude in der Europäischen Union sind nicht energieeffizient. Die EU will nun die Eigentümer in die Pflicht nehmen: 2050 sollen alle Gebäude klimaneutral sein. Was ist dafür geplant – und ist das überhaupt zu schaffen?

Martin Pehnt: Mit den bisherigen Sanierungsraten sind die Klimaziele nicht zu erreichen. Aber wir müssen den Gebäudebestand in Europa klimaneutral bekommen, weil wir uns sonst auf noch mehr Wetterextreme und Schäden infolge des Klimawandels einstellen müssen.

Mit der Reform der europäischen Gebäude-Richtlinie will die EU den Treibhausgasausstoß von Gebäuden auf null senken. Der Entwurf enthält vor allem zwei wichtige Punkte. Das eine ist ein neuer Neubau-Standard. Dort wird das zero-emission building eingeführt, das emissionsfreie Gebäude. Wer dann neu baut, muss dafür sorgen, dass das Gebäude auch kompatibel mit den langfristigen Klimaschutzzielen ist.

Und für den Gebäudebestand sollen Mindeststandards für die Energieeffizienz vorgeschrieben werden, sogenannte MEPS, minimum energy performance standards. Diese Sanierungsanforderungen bewirken vor allen Dingen, dass die schlechtesten Gebäude mit hohen Energieverbräuchen bis 2030 auf eine bessere Effizienz-Klasse gebracht werden müssen.

Wie sinnvoll finden Sie den EU-Vorstoß?

Wir hatten jetzt in Deutschland eine lange Periode mit sehr guten Förderprogrammen, mit viel Beratung und vielen Informationsmaterialien. Trotzdem ist es bisher nicht gelungen, die erforderliche Dynamik in den Bereich der Gebäudesanierung reinzubringen. Deswegen brauchen wir da durchaus Vorgaben auch aus Brüssel.

Das Wichtige daran ist wirklich, dass wir das sozial flankieren, dass wir diese Wärmewende auch zu einer sozialen Wärmewende machen. Dazu brauchen wir zusätzliche Instrumente, die über diese Sanierungsanforderungen hinausgehen.

Ähnlich argumentiert ja auch der Mieterbund. Er befürchtet, dass die Sanierungen sehr teuer werden und die Eigentümer:innen die Kosten auf die Mieten umlegen. Wie kann man das verhindern?

Wer ein Haus besitzt, bekommt heute eine sehr gute Förderung – egal wie viel Einkommen oder welche Gebäude diese Person hat. Da gibt es die Bundesförderung für effiziente Gebäude in der Nachfolge der bekannten KfW-Programme. Das gibt sozusagen allen die gleiche Förderung, wenn sie gewisse Sanierungsstandards erreichen.

In Zukunft müssen wir diese Förderungen viel stärker sozial umbauen, sodass das Geld wirklich dorthin fließt, wo Immobilien in schwierigen Lagen stehen, wo große Anteile finanzschwacher Bevölkerungsschichten wohnen, etwa Empfänger von Transfergeld, oder auch in ländliche Regionen, wo Gebäude einen sehr niedrigen Immobilienwert haben und wo es schwierig ist, eine solche Sanierung ökonomisch zu gestalten.

Wir dürfen die Förderung nicht mehr mit der Gießkanne ausschütten, sondern müssen sie auch nach sozialen Kriterien verteilen.

Ein weiteres Hindernis für das Sanierungsziel der EU: Der Bauwirtschaft fehlen die Fachkräfte, um die notwendigen Sanierungen durchzuführen. Was müsste passieren, um die Kapazitäten der Handwerksbetriebe zu erhöhen?

Die knappen Kapazitäten im Handwerk und bei den Planer:innen bedürfen eines riesigen Politikpakets. Da geht es einerseits um mehr Geld, also um eine höhere Ausbildungsvergütung oder auch um Wechselprämien, wenn man in klimaschutzrelevante Berufe geht. Auch bei der Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland muss die Politik ansetzen, ihnen sollten verschiedene Zuwanderungsregelungen keine Steine in den Weg legen.

Die Weiterbildung und Umschulung muss ebenfalls verbessert werden. Hier geht es darum, die Attraktivität von Gebäude-nahen Berufen zu steigern, indem man zum Beispiel eine handwerkliche Ausbildung mit einem Fachhochschulstudium verknüpft. Für das Problem gibt nicht den einen alles lösenden Ansatz, sondern wir brauchen eine ganze Reihe von Aktivitäten, um das Handwerk als Beruf attraktiver zu machen.

Eigentümerverbände wie Haus und Grund sagen, dass die Richtlinie 40 Millionen Gebäude in der EU unbrauchbar machen würde, weil sie sich gar nicht mehr energetisch sanieren ließen. Kann denn jedes noch so alte ineffiziente Gebäude klimaneutral werden?

In vielen Fällen ist es möglich, mit relativ einfachen Möglichkeiten ein Gebäude thermisch zu ertüchtigen, also Energie einzusparen und beispielsweise eine Wärmepumpe und eine Solaranlage einzubauen, um das ganze Gebäude dann nahezu klimaneutral zu beheizen.

Portraitfoto von Martin Pehnt
Foto: Ifeu

Martin Pehnt

ist wissen­schaft­licher Geschäfts­führer des Instituts für Energie- und Umwelt­forschung (Ifeu) in Heidel­berg. Daneben lehrt er an verschiedenen Hoch­schulen. Pehnt studierte Physik, Energie­technik und -management und forschte am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Es gibt aber auch Gebäude, deren Bausubstanz so schlecht ist, dass sich die Frage stellt, ob sich eine Sanierung lohnt oder nicht. Das muss man sich im Einzelfall anschauen.

Insgesamt geht es immer um ein Wechselspiel von Energieeinsparung – die uns dann auch vor künftigen Energiepreisrisiken schützt – und erneuerbaren Energien. Beides zusammen trägt dazu bei, dass Gebäude klimaneutral werden können.

Deswegen ist es mir auch so wichtig, dass wir das entsprechend flankieren. In Irland gibt es zum Beispiel ein Förderprogramm, das gerade für Sozialhilfe-Empfänger oder Gebäudeeigentümer mit niedrigen Einkommen die ersten Sanierungsschritte komplett finanziell übernimmt.

Das sind durchaus Überlegungen, die man dann anstellen muss, denn es soll ja niemand aus seinem Haus raussaniert werden. Es geht immer darum, Klimaschutz und soziale Aspekte zusammenzubringen.

Häufig wird behauptet, es wäre sinnvoller, abzureißen und neu zu bauen. Dann denke ich an die graue Energie, die zur Herstellung der Baustoffe und beim Bauen verbraucht wird ...

Eine große Rolle spielt die graue Energie im Neubau, weil dort die Energieverbräuche in der Nutzungsphase sowieso schon sehr niedrig sind. Der Entwurf der EU-Gebäuderichtlinie verlangt, dass man bei Neubauten eine Gesamt-Ökobilanz aufstellt und die Lebenszyklus-Treibhausgase mitteilt.

Allerdings wird noch nicht verlangt, dass man bestimmte Grenzwerte einhält, denn man muss erstmal mit dem Instrument Erfahrungen sammeln. Mit den Ökobilanzen bekommt man ein Gefühl dafür, ob die grauen Emissionen relevant sind. Wie kann ich die optimieren? Und wie kann ich durch eine bessere Auswahl von Baustoffen, durch kompakte und flexible Bauweisen und clevere Bau-Konzepte beitragen, das zu senken?

Von der Wohnungswirtschaft kommt noch eine andere Kritik. Deren Verband GdW meint, es sei gar nicht sinnvoll, auf jedes einzelne Gebäude zu schauen, man müsse eher die Wohnquartiere in den Blick nehmen, dann könne man zum Beispiel Heizungssysteme für einen Wohnblock oder für ein Viertel entwickeln.

Quartier ist ein sehr schillernder Begriff. Es gibt eine ganze Reihe von Aspekten, bei denen die Quartiersperspektive hilft, Gemeinsamkeiten und Synergien zu nutzen. Ich denke da beispielsweise an gemeinschaftliche Wärmeversorgung mit Quartiers-Wärmenetzen, sodass nicht jeder eine eigene Heizung betreiben muss.

Ich denke auch an Photovoltaikanlagen, die das ganze Quartier versorgen können, oder an gemeinsame Infrastrukturen wie gemeinschaftlich genutzte Waschkeller, Carsharing oder Gästezimmer, die geteilt werden. Das wäre auch sinnvoll, um das Quadratmeter-Wachstum zu bremsen, also unseren immensen – und steigenden – Flächenbedarf zu senken.

Was man aber dabei nicht machen darf – und das ist das Schillernde an dem Begriff Quartier –, ist Klimaschutz-Anstrengungen für einzelne Gebäude zu unterlassen. Es bringt nichts, mit dem Verweis auf das Quartier ein Gebäude energetisch ineffizient zu lassen, weil man an einem anderen Gebäude schon etwas gemacht hat.

Zu glauben, dass man im Quartier nicht mehr auf jedes einzelne Gebäude schauen muss, ist ein Trugschluss. So sind die Klimaschutzziele nicht zu schaffen. Auch im Quartier braucht man für jedes Gebäude einen Sanierungsfahrplan. Kosten sparen kann man dann bei der gemeinsamen Planung und Realisierung einer Gebäudesanierung.

Sie haben es angesprochen: Schon jetzt wird massiv gefördert und künftig muss noch mehr gefördert werden. Es wird eine Menge Geld kosten, alle Gebäude klimaneutral zu machen. Wer soll das am Ende bezahlen?

Wir dürfen nicht vergessen, dass unterlassener Klimaschutz noch viel teurer wird, weil wir die Kosten dann woanders haben, nämlich bei den Schadenskosten für Sturm, Fluten und andere Extremwetterereignisse und bei vielen anderen externen Kosten, die wir nicht internalisiert haben. Der CO2-Preis, der auf den Einsatz fossiler Energieträger erhoben wird, ist eine wichtige Finanzquelle für den klimafreundlichen Umbau, weil er genau an diesem Hebel ansetzt. Wichtig ist: Wir müssen diese Kosten gerecht verteilen.

Die Preise eines Hauses oder einer Wohnung haben oft nichts mehr mit dem Gebäude-Wert zu tun, sondern mit Markteffekten, Renditeerwartungen und Wohnungsknappheit. Daher geht es auch darum, die Kostenverteilung beispielsweise zwischen Mieter:innen, Vermieter:innen und dem Staat im Mietrecht und bei der CO2-Bepreisung besser zu regeln.

Deutschland will ja schon 2045 klimaneutral sein, fünf Jahre vor der EU. Also muss Deutschland den Treibhausgasausstoß aus Gebäuden schneller senken. Ist das realistisch?

Wir haben in Deutschland eine andere Ausgangslage als andere Länder. Außerdem werden wir in Deutschland sicherlich schon früher Veränderungen und mehr Klimaschutz im Gebäudebereich sehen.

Im Koalitionsvertrag haben die Ampel-Parteien ein Klimaschutz-Sofortprogramm vereinbart, in dem es auch um Maßnahmen für den Gebäudesektor geht. Vereinbart wurden dort etwa die Einführung eines verschärften Neubau-Standards bis 2025 und höhere Anforderungen an Heizungen mit erneuerbaren Energien. Es gibt eine Reihe von Regelungen im Koalitionsvertrag, die in diesem Jahr zu Veränderungen bei den politischen Instrumenten führen werden.

Dazu kommen andere wichtige Felder, die aus meiner Sicht zu bearbeiten sind. Wir müssen beispielsweise die Wärmenetze dekarbonisieren, die vielerorts Gebäude mit Wärme versorgen. Fernwärme- und Nahwärmenetze, die heute oft noch mit fossilen Energien, beispielsweise mit Abwärme aus Gas- und Kohlekraftwerken, geheizt werden, müssen wir auf erneuerbare Energien umstellen.

Ein weiteres Thema ist die Solarenergie, vor allem die Photovoltaik, die ein immenses Potenzial für die Stromversorgung von Gebäuden hat und indirekt über Elektroautos auch die Wärme- und Mobilitätsversorgung ökologisch verbessern kann. Deswegen wird sich gerade bei der Weiterentwicklung der politischen Instrumente für Solarenergie im nächsten Jahr sehr viel tun. 

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