Wald im Nebel.
Wald auf der Insel Bali: Indonesien ist beim Waldschutz vorangekommen. (Bild: Wahyu Sari/​Pxhere)

Artenreiche Urwälder sind nach wie vor nicht ausreichend vor der Vernichtung geschützt. Einem am Dienstag veröffentlichten Bericht zufolge sind das Tempo und der Umfang der Waldzerstörung nach wie vor hoch.

Weltweit wurden im vergangenen Jahr 4,1 Millionen Hektar tropischer Regenwald abgeholzt oder fielen Waldbränden zum Opfer. Das entspricht etwa der Fläche der Schweiz. Damit ist der Regenwaldverlust zehn Prozent höher als noch 2021. Nur in drei Jahren – 2016, 2017 und 2020 – wurde noch mehr vernichtet.

Tropische Urwälder gelten als besonders artenreich. Expert:innen schätzen, dass Tropenwälder 50 bis 75 Prozent der Pflanzen- und Tierarten der Erde beheimaten. Primärwälder binden zudem besonders viel Kohlendioxid. Der gesamte Waldverlust des vergangenen Jahres verursachte einen Ausstoß von 2,7 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent, was den jährlichen Emissionen Indiens entspricht.

"Wir verlieren eines unserer wirksamsten Instrumente zur Bekämpfung des Klimawandels und zur Sicherung der biologischen Vielfalt – und eine Lebensgrundlage von Millionen Menschen", sagte Mikaela Weisse, die beim World Resources Institute (WRI) in Washington die Plattform Global Forest Watch leitet und an dem jährlichen Bericht zur Waldzerstörung mitgearbeitet hat.

Für den Global Forest Review haben Forscher:innen der University of Maryland Satellitendaten ausgewertet, zusätzliche Analysen von Global Forest Watch flossen in den Bericht ein.

Die Waldzerstörung steht im Widerspruch zu internationalen Versprechen. Im November 2021 hatten sich 140 Staats- und Regierungschefs auf dem Klimagipfel in Glasgow dazu verpflichtet, die Entwaldung bis 2030 zu stoppen. Mittlerweile haben vier weitere Länder die Glasgower Erklärung zu Wäldern und Landnutzung unterzeichnet. Mehr als 90 Prozent der Wälder weltweit fallen unter diese Zusage.

"Die unumstrittene Botschaft der Erklärung von Glasgow ist, dass der Schutz der Wälder entscheidend für das Erreichen der globalen Klimaziele ist", sagte Rod Taylor vom World Resources Institute. Die Staaten seien aber weit vom Ziel entfernt. Eigentlich müsste der Verlust von Primärwäldern jedes Jahr um zehn Prozent zurückgehen, der Trend gehe aber in die entgegengesetzte Richtung.

Hoher Waldverlust in Brasilien und Kongo, Rückgang in Südostasien

Besonders viel Wald ging in Brasilien und der Demokratischen Republik Kongo verloren. Auf die beiden Länder entfiel mehr als die Hälfte des gesamten Waldverlusts im vergangenen Jahr.

In Brasilien schrumpften die Primärwälder um 1,8 Millionen Hektar. Nur 2016 und 2017 wurden dort noch mehr Wälder vernichtet. Die Zerstörung von Urwäldern setzte in Brasilien zweieinhalbmal mehr CO2 frei als das Verbrennen fossiler Ressourcen wie Öl und Gas.

"Vor allem im westbrasilianischen Amazonas-Regenwald – in den Provinzen Amazonas und Acre – nahm die Waldzerstörung zu", sagte Mikaela Weisse. Entlang bestehender Straßen wurde Wald für Viehweiden abgeholzt. Auch für den Bergbau wurde Wald zerstört.

Entwaldung in Amazonien, aufgenommen vom Satelliten. Die in den Wald getriebenen Schneisen ergeben ein charakteristisches Fischgrätenmuster
Amazonas-Regenwald vom Satelliten gesehen: Straßenbau und Abholzung treiben sich oft gegenseitig an. (Bild: NASA/​Wikimedia Commons)

In der Demokratischen Republik Kongo verschwand etwa eine halbe Million Hektar Primärwald. Armut ist in dem zentralafrikanischen Land weit verbreitet, häufig wird Wald für kleinbäuerliche Landwirtschaft gerodet.

Kleinteilige Urwaldflächen werden für den kurzzeitigen Anbau von Nutzpflanzen zerstört und liegen anschließend häufig brach. Auch für die Produktion von Holzkohle, die vorherrschende Energiequelle in der Region, wird Wald abgeholzt.

Zwar hat sich die kongolesische Regierung verpflichtet, bestehende Waldschutzgebiete zu erhalten, doch unlängst wurden wieder Genehmigungen zur Erkundung von Öl- und Gasreserven versteigert. Die Expert:innen von Global Forest Watch befürchten, dass die Regierung ihr Moratorium für neue Abholzungsrechte aufheben könnte.

In mehreren Ländern Südostasiens ist die Waldvernichtung dagegen rückläufig. Zwar nahm der Verlust von Regenwäldern in Indonesien im Vergleich zu 2021 leicht zu, doch in den letzten Jahren gelang es keinem anderen Land, die Zerstörung von Wäldern so stark zu verringern.

Das lag auch daran, dass die indonesische Regierung keine neuen Abholzungskonzessionen für Primärwälder vergeben und die Einhaltung bestehender Auflagen besser kontrolliert und durchgesetzt hat. Möglichkeiten zur Vermeidung und zur Beobachtung von Waldbränden wurden ebenfalls ausgeweitet.

Unternehmen wie Palmölproduzenten verpflichteten sich – teils freiwillig, teils durch staatliche Vorgaben –, weniger Primärwald zu zerstören. Auch in Malaysia trugen Maßnahmen der Regierung und von Unternehmen dazu bei, den Verlust tropischer Regenwälder zu verringern.

Trotz des höheren Verlusts tropischer Urwälder wurde 2022 weltweit zehn Prozent weniger Wald vernichtet als im Jahr zuvor. Ursache für den Rückgang waren deutlich weniger Brände in Russlands borealen Wäldern. Der Waldverlust in Russland ging um mehr als ein Drittel auf 4,3 Millionen Hektar zurück. Das Jahr 2021 hatte einen Negativrekord gebracht, nie zuvor verbrannten so viele Wälder in Russland wie in jenem Jahr.

Die leicht rückläufige Tendenz bei der Waldzerstörung ist also keineswegs auf menschliches Handeln zurückzuführen, warnen die Autor:innen des jetzt veröffentlichten Berichts. Der Weltklimarat IPCC hatte in seinem jüngsten Sachstandsbericht darauf hingewiesen, dass die Zerstörung von Wäldern gestoppt werden muss, wenn die Erderwärmung wie vereinbart auf deutlich unter zwei Grad begrenzt werden soll.