Kahlschlag durch Klimawandel

Der Wald verliert zunehmend seine Funktion als CO2-Speicher. Neue Auswertungen zeigen die verminderte Baumbedeckung seit dem Jahr 2000 durch Stürme und Rodungen.


Ein Forstmitarbeiter fällt einen Baum mit einer Kettensäge
Alles fällen und neu pflanzen – nachhaltige Waldbewirtschaftung sah auch vor dem Klimawandel anders aus. (Foto: Hagenstaadt/​Pixabay)

Der Wald ist ein wichtiger Klimaschützer. In Deutschland nimmt er dank Fotosynthese in der Biomasse – vor allem im Holz – rund 14 Prozent der von allen Sektoren wie Verkehr, Industrie und Haushalten ausgestoßenen Treibhausgase auf. Das sind jährlich stolze 120 Millionen Tonnen CO2.

Doch diese Speicherfunktion geht wegen der gravierenden Forstschäden zurück. Eine neue Auswertung zeigt nun: Die Biomasseverluste sind nicht erst seit den extremen Trocken- und Hitzejahren 2018 und 2019 gravierend.

Schon seit dem Jahr 2000 erreichen die Waldflächen, die von Rodung, Kahlschlag oder Windwurf betroffen waren und dadurch weniger Kohlenstoff enthalten, je nach Bundesland einen Anteil von bis zu zehn Prozent.

Dahingerafft vom Borkenkäfer oder Pilzbefall oder schlicht vertrocknet: Rund 285.000 Hektar oder 2,5 Prozent der deutschen Wälder sind laut aktuellen Zahlen aus dem Bundeslandwirtschaftsministerium aufgrund der extremen Witterung 2018, 2019 und im Frühjahr/Sommer 2020 abgestorben. Das entspricht fast 400.000 Fußballfeldern oder einer Fläche größer als das Saarland.

Besonders betroffen sind Wälder in Nordrhein-Westfalen, Hessen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Im vorigen Jahr wurden rund 31,7 Millionen Kubikmeter Holz aufgrund von Insektenschäden eingeschlagen, vor allem Nadelbäume – 2017 zum Beispiel waren es "nur" sechs Millionen Kubikmeter gewesen.

Rund 83 Prozent des gesamten Holzeinschlags entfielen 2019 auf Nadelbäume, wie Fichten, Tannen, Kiefern oder Lärchen.

"Baumbedeckungsverluste" auf sechs Prozent der Fläche

Doch diese offiziellen Zahlen zeigen nur die jüngste Zuspitzung. Der an der Universität von Maryland in den USA entwickelt Kartendienst Global Forest Change (GFC) ermöglicht es, weltweit die Flächen zu berechnen, die in den letzten zwei Jahrzehnten mit dichtem Wald bestanden waren, dann aber in dieser Zeit wegen Rodungen, Sturmschäden oder Schädlingsbefall großflächig vernichtet wurden.

Die "Baumbedeckungsverluste" werden dabei durch Satellitenbilder und GPS-gestützt erfasst, und zwar in einer Auflösung von 30 mal 30 Metern.

Der Waldexperte Norbert Panek aus Korbach in Hessen hat die GFC-Daten jetzt für Deutschland ausgewertet. Danach haben 2001 bis 2019 insgesamt 754.000 Hektar ihre dichte Baumbedeckung infolge von Sturmschäden und "Käfer-Kalamitäten" verloren. Das entspricht rund sechs Prozent der bewaldeten Gesamtfläche.

Am schlimmsten ist die Lage in Nordrhein-Westfalen, hier waren zehn Prozent der Waldfläche betroffen, gefolgt von Sachsen-Anhalt und Hessen mit je acht Prozent. Vergleichsweise gut stehen unter den Flächenländern Schleswig-Holstein und das Saarland mit drei und Mecklenburg-Vorpommern mit knapp vier Prozent da. Die größte geschädigte Fläche findet sich allerdings mit 178.000 Hektar in Bayern, was gut sechs Prozent der Waldfläche des Landes entspricht.

Regional sind die Schäden mit bis zu einem Fünftel der Flächen teils noch deutlich höher. "Hotspots des Entblößungsprozesses sind der Harz und das Sauerländische Schiefergebirge. Im Hochsauerlandkreis waren 2001 bis 2019 rund 20 Prozent der Waldfläche betroffen", sagt Panek.

Aufforstung kann Verluste nicht kompensieren

Der Experte räumt ein, dass auf Flächen, die Anfang der 2000er Jahre neu aufgeforstet wurden, inzwischen natürlich wieder Bäume stehen. "Die wiederaufgeforsteten Flächen sind nach 20 Jahren aber oft noch lückig und schwachwüchsig und können keinesfalls den dort vor der Räumung ehemals vorhandenen Starkholz-Vorrat kompensieren", sagt er.

Da das Totholz meist komplett beseitigt worden sei, gebe es zudem "enorme Nährstoff- und Humusverluste". Letzteres wirke sich massiv negativ auf die Wasserspeicherung im Waldboden aus.

Detailliert hat Panek die Situation in Deutschlands waldreichstem Bundesland Hessen untersucht, wo 42 Prozent der Fläche mit Wald bestanden sind. Insgesamt waren laut den GFW-Daten zwischen 2001 und 2019 Verluste in Höhe von 74.800 Hektar zu verzeichnen, was knapp acht Prozent der aktuellen Waldbedeckung Hessens entspricht.

Besonders betroffen ist der Norden des Landes. Im Landkreis Kassel zum Beispiel betragen die Verluste seit 2001 rund 15 Prozent der dortigen Waldfläche, zumeist ehemalige Fichten-Kulturen, die zum größten Teil geräumt und anschließend wieder aufgeforstet wurden.

Forstwirtschaft hat auf den falschen Baum gesetzt

Panek, in den 1990er Jahren Mitinitiator des Buchenwald-Nationalparks Kellerwald in Nordhessen, kommentiert: "Verantwortlich für diese Krise im Wald ist nicht allein der Klimawandel, sondern auch eine Forstwirtschaft, die viel zu lange mit der Fichte auf die falsche, nicht standortangepasste Baumart gesetzt hat."

Noch immer waldreich

Deutschland ist noch ein waldreiches Land. Knapp ein Drittel der Fläche sind mit Wald bedeckt – 11,4 Millionen Hektar. Allerdings sind derzeit aufgrund von Stürmen, Trockenheit und Schädlingsbefall rund 245.000 Hektar abgestorben, gut zwei Prozent der Gesamtfläche.

 
Betroffen sind alle wichtigen Baumarten – Fichten, Kiefern, Buchen und Eichen. Laut dem jüngsten Waldzustandsbericht 2019 sind nur noch 22 Prozent aller Bäume ohne Schäden.

 
Die seit 2018 besonders starke Trockenheit macht die Bäume anfällig für Schädlinge und Pilze. Die Fichte, der bisherige "Brotbaum" der Forstwirtschaft, kämpft mit dem Borkenkäfer. Wegen der Dürre erzeugen die Bäume weniger Harz, mit dem sie die Käfer normalerweise abwehren. Auch andere Schädlinge wie Schwammspinner und Eichenprozessionsspinner, die Laubbäume kahlfressen, breiten sich in einigen Regionen stark aus.

Der Waldexperte fordert eine grundlegende Neuausrichtung. Jetzt müsse es darum gehen, die natürlichen Regenerationskräfte der Wald-Ökosysteme zu aktivieren. Er fordert, die bisher von den meisten Forstämtern verfolgte Praxis zu stoppen, das "Käfer-Holz" und andere abgestorbene Bäume mit schwerem Gerät zu entfernen.

"Dem Ökosystem werden damit auf einem Schlag erhebliche Mengen an Holzbiomasse entzogen", kritisiert Panek. "Die geräumten Flächen sind einer verstärkten Sonneneinstrahlung und damit der Austrocknung ausgesetzt, zudem verursacht die maschinelle Räumung erhebliche Bodenschädigungen."

Mehr Ruhe, keine Räumung

Panek zählt damit zur Fraktion der "Ökos" unter den Waldexperten, die fordern, den Wald mehr Ruhe zu gönnen und selbst Borkenkäfer-Bäume stehenzulassen, damit das tote Holz Feuchtigkeit speichert und Humus aufbaut.

Auf den abgestorbenen Flächen werde dann eine Naturverjüngung stattfinden und statt der früheren Fichten-Monokulturen ein naturnäherer Mischwald mit hohem Laubwald-Anteil entstehen, der den Klimawandel besser verkraften könne.

Panek und Co stehen damit im Gegensatz zur traditionellen Forstwirtschaft, die die Strategie verfolgt, Käfer-Holz so schnell wie möglich komplett zu beseitigen und mit Baumarten aufzuforsten, von denen sie eine größere Wärmetoleranz erwartet – die aus Nordamerika stammende Douglasie als Ersatz für die Fichte zum Beispiel.

In Hessen setzen viele Förster übrigens mangels erprobter Alternativen auch auf die Eiche, die sich auch in den Trockenjahren seit 2018 als recht widerstandsfähig gezeigt hat. Seit dem letzten Herbst wurden 2,2 Millionen Eichen auf 300 Hektar hessischer Staatswälder gepflanzt.

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