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Abgeschlagene Autobauer, gnadenloser Populismus und Freibier für alle

Kalenderwoche 17: Regenerativ erzeugtes Gas kann für die Mobilität der Zukunft eine große Rolle spielen, sagt Andreas Knie, Sozialwissenschaftler, Mobilitätsforscher und Mit-Herausgeber von Klimareporter. Allerdings muss sich die Gasindustrie endlich darauf einstellen und aufhören, Erdgas unter immer neuen grünen Labels zu verkaufen. 


Andreas Knie. (Foto: InnoZ)

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung. Sein Steckenpferd ist das Verkehrswesen von morgen.

Klimareporter: Herr Knie, zum ersten Mal seit Jahren sind die CO2-Emissionen von Neuwagen gestiegen – auf 118,5 Gramm pro Kilometer. Die Hersteller müssen aber bis 2020 auf 95 Gramm im Flottendurchschnitt runter. Schaffen die das?

Andreas Knie: Klare Antwort: Nein. Die aktuellen Daten zeigen, dass es eher schlimmer wird als besser. Die CO2-Emissionen der einzelnen Modelle steigen, insofern auch die Flottenverbräuche. In Europa sind die deutschen Hersteller weit abgeschlagen.

Dass sich daran nichts ändert, dafür sorgt unsere Bundesregierung. Alle Mühen der EU, die Grenzwerte für Schadstoffe weiter zu reduzieren oder gar Quoten für E-Fahrzeuge einzuführen, wurden von der deutschen Bundesregierung verhindert. Wir sind in der EU nicht der Musterknabe, sondern der Protektionsweltmeister.

Eine neue Studie sagt, dass mit Ökostrom gewonnenes Gas ab 2030 günstiger als Erdgas werden kann. Welche Rolle wird das "grüne Gas" im Verkehrssektor spielen?

Alles, was regenerativ erzeugt werden kann, spielt zukünftig eine große Rolle. Wenn sich die Gasindustrie endlich darauf einstellt und nicht weiter versucht, Erdgas unter immer neuen grünen Labels zu verkaufen, dann wird daraus tatsächlich ein Deal.

Wir brauchen neue Erzeugungen, neue Speichermedien und neue Vertriebsmedien. Gas kann dabei eine strategische Rolle spielen. Allerdings müssen sich die Unternehmen der Branche dann auch darauf einlassen und nicht immer wieder versuchen, die "besseren Fossilen" zu sein. Die Zeiten, in denen wir Energie ausschließlich auf Kosten der nachwachsenden Generationen generieren, sind bald vorbei.

Kurzum: Die Gasindustrie könnte eine Schlüsselindustrie werden, müsste sich aber endlich einmal auf die neuen Herausforderungen einlassen.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier will bis 2030 keinen Kohleausstieg, sondern nur eine "Halbierung" der Kohleverstromung, während die Kohlekommission ihre Arbeit immer noch nicht begonnen hat. Was erwarten Sie energiepolitisch von dieser Legislaturperiode?

Nichts. Die Eckpunkte der neuen Energiepolitik sind zwischen CDU, SPD und den Gewerkschaften längst abgehakt. Klimaziele sind aufgekündigt, Ausstiegskommissionen unter Vorbehalt gestellt und der Kohleausstieg verschoben. Warum? Politik könnte ja irgendwem, irgendwann, irgendwie wehtun! Wir leben im Zeitalter eines gnadenlosen Populismus. Es wäre ehrlicher, jeder und jedem Freibier zu versprechen mit dem Hinweis, dass wir zu mehr nicht in der Lage sind.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Wir Deutschen sind in Europa das Problem. Wir schotten unsere Industrien ab, deckeln die Binnennachfrage durch Lohndumping, verhindern Regelungen, die anderen Nationen Zugang zu unserem Binnenmarkt erlauben und verhindern Standards, die das Klima retten könnten. Keiner kann uns in der Welt wirklich leiden. Wenn man in Deutschland etwas über die eigene Rolle in der Welt erfahren will, muss man Kabarett-Sendungen verfolgen. In den Nachrichten des öffentlichen Fernsehens – wie gerade am Beispiel des Besuchs unserer Kanzlerin in den USA dokumentiert – sind wir immer die Guten. Und das ist ein großer Irrtum.

Interview: Friederike Meier

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