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Teures Tarif-Chaos bei E-Auto-Strom

Je mehr Elektroautos auf den Straßen unterwegs sind, desto mehr Anbieter wittern offenbar gute Geschäfte mit dem Ladestrom: Dass der teuer ist, wird meist hinter komplizierten Tarifen und einem Wirrwarr an Bezahlsystemen versteckt, prangert der jüngste Ladesäulen-Check an.


Balkendiagramm mit Preisen von Ladesäulenanbietern zwischen 0 und 54,5 Cent pro Kilowattstunde.
Zerklüftete Ladesäulen-Landschaft (Grafik vergrößern): Elektroauto-Kunden fühlen sich oft nicht als Könige. (Grafik: Lichtblick; Daten: Statista)

Die Ladestation für E-Autos da draußen? "Mit der haben wir nichts zu tun, von uns ist da nur der Platz vermietet. Rufen Sie doch die Nummer an, die auf der Säule steht." Die Auskunft des Mitarbeiters im Tankstellenshop ist ein Witz. Die Nummer auf der streikenden Ladesäule zu wählen, lohnt sich nicht. Es ist Samstag. Am Wochenende ist der Service am anderen Ende der Leitung nicht besetzt.

Das ist auch bei einem sogenannten Roaming-Anbieter so. Der Autostromvermittler Plugsurfing wirbt zwar mit dem Zugang zu 70.000 Ladepunkten – "Europas größtes Netzwerk" –, aber das Serviceteam ist, wie auf der Website nüchtern mitgeteilt wird, nur "von Montag bis Freitag zwischen 9 und 18 Uhr für Sie erreichbar".

Dabei hatte das Berliner Unternehmen, das im März in den Besitz des staatlichen finnischen Energiekonzerns Fortum überging, Klimareporter° noch im vergangenen Herbst wissen lassen, dass es im ersten Quartal 2018 den "großen Schritt" wagen wolle. Plugsurfing werde einen telefonischen Rund-um-die-Uhr-Service einrichten, kündigte Communications-Managerin Joséphine Dusol damals an. Geändert hat sich aber bis dato nichts, immer noch steht der Autostrom suchende Kunde des Nachts und am Wochenende allein mit seiner App da – sofern die auf seinem Handy überhaupt funktioniert.

Dass Service-Hotlines auch von Roaming-Anbietern schlecht zu erreichen sind und die Mitarbeiter teilweise selbst nicht wissen, wie man kurzfristig Probleme lösen kann – das kam auch beim jüngsten Ladesäulen-Check des Ökostromers Lichtblick heraus.

Meist teurer als Haushaltsstrom

Sieben der elf untersuchten Ladesäulen-Betreiber liegen teilweise deutlich über dem durchschnittlichen Kilowattstundenpreis von Haushaltsstrom (29,4 Cent): Umgerechnet auf Kosten pro Kilowattstunde verlangen EnBW 54,5 Cent, die Stadtwerke München fast 47 Cent und Allego in Berlin über 44 Cent. Der Tarif von Stromnetz Hamburg/​Hamburg Energie (29,5 Cent) ist mit Haushaltsstrom vergleichbar, günstig ist das Laden bei Mainova mit gut 13 Cent. Kostenlos bleibt es weiterhin bei den Stadtwerken Leipzig sowie bei Rheinenergie.


Berechnungsgrundlage waren jeweils die Kosten pro Kilowattstunde für eine Tankfüllung für 100 Kilometer mit einem BMW i3 (Verbrauch: 15 Kilowattstunden auf 100 Kilometer) an einem AC-3-Anschluss (elf Kilowatt) bei öffentlichen Ladesäulen. Die Ladedauer beträgt 96 Minuten. Es wurden ausschließlich Tarife ohne Vertragsbindung berücksichtigt.

(aus: Ladesäulen-Check 2018)

Immerhin versuchten Roaming-Firmen wie Plugsurfing oder New Motion aber, Transparenz, Vereinfachung und vor allem mehr Verfügbarkeit zu schaffen, lobt Lichtblick-Geschäftsführer Gero Lücking. "Was nutzt mir die Ladekarte eines lokalen Stadtwerks, wenn ich mit meinem Auto das Netzgebiet verlasse – und schon keine passende Ladesäule mehr finde?" Was Lücking beschreibt, ist eine leidvolle Erfahrung vieler E-Auto-Nutzer. "Wo das eine Stromnetz anfängt und das andere beginnt, kann doch kein Mensch wissen."

Im Vergleich zu lokalen Anbietern sind für Lücking die Roaming-Firmen definitiv einen Schritt weiter.Ansonsten lässt der von Lichtblick zusammen mit dem Hamburger Recherche- und Marktforschungsinstitut Statista ausgeführte zweite Ladesäulencheck kein gutes Haar an der weitgehend virtuell operierenden Branche.

Ende dieses Jahres könnten über 200.000 Elektroautos in Deutschland unterwegs sein, denen etwa rund 5.000 öffentliche Ladesäulen zur Verfügung stehen. Zugang und Handhabung sind allerdings noch immer kompliziert und teuer, monieren die Tester. Die Ladeinfrastruktur komme einem Flickenteppich gleich, regionale Monopolisten diktierten Preise und sorgten für ein babylonisches Wirrwarr an Karten, Apps und Bezahlsystemen. "Da steigt kein Endkunde mehr durch", ist sich Lücking sicher.

Selbst die Tester hätten sehr viel Geduld aufbringen müssen, um einzelne Tarifkonstrukte zu verstehen. "Kein Wunder, dass E-Auto-Besitzer zum Teil verzweifelt und verärgert sind", sagt Gero Lücking. "Wir wollen und brauchen in Deutschland eine zügige Verkehrswende. Aber so kann sie nicht gelingen."

Neues Ladesäulenregister

Mit www.ladesaeulenregister.de bieten der Branchenverband BDEW sowie Energie Codes und Services ab heute eine neue Plattform zur tagesaktuellen Erfassung der in Deutschland vorhandenen öffentlichen und teilöffentlichen Ladepunkte. Fahrer von E-Autos finden auf der interaktiven Deutschlandkarte die Ladepunkte in ihrem Umkreis. Für Ladesäulenbetreiber stehen Informationen zum technischen Aufbau, zu Fördermitteln und Meldepflichten bereit.

Lichtblick fordert deshalb nach wie vor einen radikalen Schnitt. Zunächst sollen die Ladesäulen – wie die Steckdose zu Hause auch – einem regionalen Stromnetz zugeschlagen werden. Und so wie sich ein Kunde heutzutage den Lieferanten seines Hausstroms frei aussuchen kann, soll er auch seinen Fahrstrom-Lieferanten frei wählen können.

Das Laden eines E-Autos müsse so einfach werden wie das Tanken eines Diesel- oder Benzinfahrzeugs, fordert Lücking. "Ich muss jede Ladesäule im öffentlichen Raum anfahren können, um dort den Strom zu laden, für den ich mich auch in meinem Haushalt entschieden habe."

Ob diese Vision einmal Wirklichkeit wird, kann man angesichts der aktuellen Lage der Branche zu recht bezweifeln.

Redaktioneller Hinweis: Lichtblick-Geschäftsführer Gero Lücking ist Mitherausgeber von Klimareporter°

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