"Bei Mooren geht es auch um Schutz durch Nutzung"

Auf Freiwilligkeit bei der Wiedervernässung von Mooren zu setzen, hat Mecklenburg-Vorpommern weit gebracht, sagt Umwelt- und Landwirtschaftsminister Till Backhaus (SPD). Vorwürfe von Umweltschützern, das Land verzögere den Prozess der Wiedervernässung, weist er im Interview mit Klimareporter° zurück.


Porträtaufnahme von Till Backhaus vor einem Sonnenblumenfeld.
Till Backhaus ist seit 1998 Landwirtschaftsminister von Mecklenburg-Vorpommern. Der Agraringenieur hat 1989 die Sozialdemokratische Partei in der DDR mitgegründet. (Foto: Max Rentner)

Klimareporter°: Herr Backhaus, Ihnen werfen Moor- und Umweltschützer in einem offenen Brief vor, Mecklenburg-Vorpommern habe tief entwässerte Moore nicht aus der EU-Förderung im Rahmen der umstrittenen "Agrarumwelt- und Klimamaßnahmen" herausgenommen. Im Gegenteil stelle Ihr Land für diese Moore künftig sogar "deutlich mehr Fördermittel für die klimaschädliche Weiterbewirtschaftung" bereit, kritisieren die Umweltverbände.

Sind Ihnen die Landwirte auf Moorflächen wichtiger als der Klimaschutz?

Till Backhaus: Erstmals haben wir in Europa durchsetzen können, Moore zu vernässen und so eine alternative Nutzung zu ermöglichen. Wir brauchen ja auch die Akzeptanz der Flächeneigentümer und der Landwirtschaft.

Wir sind das erste Bundesland, das jetzt ein Programm auflegt, wie wir die Wasserstände der Moore anheben, die heute landwirtschaftlich genutzt werden. Das Land verfügt auch über ein Programm, damit der unsägliche Ackerbau auf diesen Moorflächen beendet werden kann.

Wir geben zum einen Anreize, die Ackerflächen in Grünland umzuwandeln. Zum anderen arbeiten wir auch an einem großen Folgeprogramm zum Moorschutz.

Für dessen nächste Phase ist vorgesehen, in Mecklenburg-Vorpommern bis 2030 große Flächen in die Renaturierung zu geben und so zum Ziel der Landesregierung beizutragen, Mecklenburg-Vorpommern ab 2040 klimaneutral zu machen.

"Moor muss nass" – das ist vollkommen klar. Es müssen aber auch alternative Nutzungsmethoden wie die Paludikultur möglich sein, auch um neue Rohstoffquellen zu erschließen. Bei den Mooren geht es auch um Schutz durch Nutzung.

Die Kritik der Moor- und Umweltschützer stellt vor allem darauf ab, dass die Wiedervernässung hinausgezögert wird.

Nein, wir wollen das nicht hinauszögern. Das ist vollkommen klar. Mecklenburg-Vorpommern hat in den letzten Jahren 32.500 Hektar Moore renaturiert. Ich kenne kein Bundesland, das so viel gemacht hat. Wir machen weiter. Wir suchen derzeit aktiv nach Flächen, die wir nach dem Freiwilligkeitsprinzip vernässen können.

Wir bringen jetzt auch eine Moorschutzagentur an den Start, die Anfang 2023 die Arbeit aufnimmt und sich auch um die Umsetzung des Vier-Milliarden-Programms der Bundesumweltministerin zum natürlichen Klimaschutz in Mecklenburg-Vorpommern kümmert.

Das Prinzip, dass sich Flächeneigentümer freiwillig für die Wiedervernässung entscheiden müssen, steht wie ein Axiom in der Moorschutzstrategie des Bundes und in der Bund-Länder-Zielvereinbarung zum Moorschutz. Passt das Warten auf Freiwillige noch in eine Zeit, in der Deutschland seine Klimaziele ziemlich sicher verfehlen wird und wir CO2-Senken wie Moore dringend brauchen?

Bisher hat uns das Prinzip der Freiwilligkeit ziemlich weit gebracht. Aber auch für Mecklenburg-Vorpommern gilt, dass wir unsere Ziele bei der CO2-Neutralität erreichen müssen.

Deswegen werden wir als erstes Bundesland in Deutschland auch ins Landes-Klimaschutzgesetz ganz klare Sektorenziele hineinschreiben. Und da sind die Moore mit jährlichen Emissionen von 6,1 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent mit drin. Diese Emissionen müssen raus aus der Bilanz.

Das wird uns nur gelingen, wenn wir endlich begreifen: Moorschutz ist Klimaschutz, er ist gleichzeitig aber auch Artenschutz, ist auch Teil unserer Strategie für sauberes Wasser und für den Erhalt dieses Planeten. Und wer das nicht begreift, der muss dann eben auch erleben, dass wir vom Freiwilligkeitsprinzip zum Ordnungsrecht übergehen.

Um die Flächeneigner und -nutzer zur Wiedervernässung zu bewegen, wird allenthalben mit alternativer Bewirtschaftung geworben: Schilf, Wasserbüffel oder – als neueste Idee – Photovoltaik an den Rändern der Moore. Diese Konzepte können doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Moore nur dann wirklich CO2 entsorgen, wenn ihre Torfschicht wieder wächst, sie sich also wieder im nassen Urzustand befinden?

Im Grundsatz ist das richtig. Der andere Punkt ist aber: Warum ist zum Beispiel zu DDR-Zeiten die komplexe Melioration gemacht worden, mit der die Moore trockengelegt wurden?

Die Antwort ist: um den Hunger in der Welt, der damals teilweise auch in Europa herrschte, zu besiegen. Diese Zeit ist vorbei, dennoch muss man diejenigen, die das damals mitverantwortet haben, mit auf die Reise nehmen.

Ich glaube, dass der Prozess der Wiedervernässung absolut richtig ist. Wir haben aber auch nach Lösungen zu suchen, wie wir damit Wertschöpfungsketten verknüpfen können.

Als eine Lösung dafür hat Mecklenburg-Vorpommern sogenannte Moor-Futures entwickelt, spezielle CO2-Zertifikate. Im Moment bietet das Land – offenbar wegen fehlender Projekte – keine Moor-Futures an. Sie haben auch nicht den besten Ruf, können auf unregulierten Märkten gehandelt werden und stehen im Verdacht des Greenwashings. Müssen für Ihre Moor-Futures nicht endlich anerkannte, am besten EU-weite Standards her?

Ich verwahre mich ausdrücklich gegen den Vorwurf, unsere Moor-Futures würden nicht höchsten Standards gerecht. Moor-Futures basieren auf einem international anerkannten Standard und einer entsprechenden Methodologie.

Dazu kommt, dass bei Moorwiedervernässungen in der Regel ein wasserrechtliches Planfeststellungsverfahren durchlaufen wird und das nasse Moor dann durch das Naturschutzgesetz geschützt ist. Alles zusammengenommen hat sicher das Niveau des Goldstandards.

Teilmechanisierte Ernte von Schilf mit Ballonreifen-Fahrzeugen und einer Gruppe Arbeiter.
Ernte von Schilf auf einem nassen Moorstandort – ein Beispiel für Paludikultur. (Foto: Tobias Dahms)

Wer anderes behauptet, verfolgt damit eigene Ziele. Auch werden die Moor-Futures nicht gehandelt, sondern wie die anderen Öko-Wertpapiere direkt von uns gekauft. Jedes Zertifikat trägt meine Unterschrift.

Also nochmals: Unsere Standards genügen allerhöchsten Ansprüchen. Andere Bundesländer wie Brandenburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen haben diese Standards übernommen.

Auch orientieren sich internationale Diskussionen etwa in den drei baltischen Staaten sowie Polen an unseren Standards und nicht umgekehrt.

Wir sollten als Mecklenburg-Vorpommern aufhören, unsere Produkte kleiner zu machen, als sie sind. Die Moorklimawelt schaut sehr interessiert auf das, was wir hier machen – sei es im Bereich der Kohlenstoffzertifikate oder auch im Bereich der Paludikultur.

Die Bundesregierung hat kürzlich ihre Moorschutzstrategie verabschiedet. Die soll bis 2030 die jährlichen CO2-Emissionen aus Mooren um zehn Prozent oder fünf Millionen Tonnen senken. Exakt dieses Ziel hatte sich auch die Vorgängerregierung, die große Koalition, gesetzt. Ist das nicht zu wenig Ehrgeiz für eine Regierung mit einem Klimakanzler an der Spitze?

Wünschen kann man sich immer mehr. Aber ich bin froh, dass wir jetzt auf Bundesebene das Vier-Milliarden-Programm für natürlichen Klimaschutz haben. Das Geld soll ja spätestens 2026 abgeflossen sein. Das ist schon eine Herkulesaufgabe.

Ich hoffe, wir können mit dem Bund und den anderen Ländern schnell die Förderrichtlinien abstimmen. Es geht nicht mehr um Klein-Klein. Wir müssen jetzt die großen Linien für den Klima- und den Artenschutz auf den Weg bringen.

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