"Die Landschaft verwandelt sich in Grasland"

Die derzeitigen Brände in Kalifornien sind äußerst ungewöhnlich, sagt der Feuerökologe Craig Allen im Klimareporter°-Interview. Der Klimawandel verändert die Bedingungen, auf die sich die Vegetation in Jahrhunderten eingestellt hat.


Waldbrand
Waldbrände sind in Kalifornien häufig – die Umstände sind aber zurzeit außergewöhnlich. (Foto: Skeeze/​Pixabay)

Klimareporter°: Herr Allen, wenn Sie abends die Nachrichten einschalten und Teile Kaliforniens in Flammen stehen sehen, was denken Sie da?

Craig D. Allen: Ich bin sehr zurückhaltend, was die ersten Berichte angeht. In ihnen hieß es oft, die Wälder an den Küsten werden durch das Feuer zerstört. Aber nehmen wir die Mammutbäume in diesen Wäldern, auf die sich die Berichterstattung konzentriert: Sie sind eine der am besten an Feuer angepassten Arten auf der Welt und sie leben in Wäldern, in denen regelmäßig auftretende Brände seit Tausenden von Jahren etwas ganz natürliches sind. Was seit zwei Wochen vor allem brennt, sind Gräser und Büsche, keine Wälder.

Sie sagen es: Heftige Brände gehören zu Kalifornien. Sind die Feuer, die wir derzeit sehen, also überhaupt etwas Besonderes?

Ja. Solch riesige Brände in Kalifornien tauchen inzwischen immer früher im Jahr auf. Und die Schnelligkeit, mit der sie in die Höhe wachsen ist auch ungewöhnlich.

Was sich außerdem geändert hat, ist unsere Fähigkeit, die Brände zu unterdrücken. Das gelingt uns heute deutlich schlechter. Und das liegt ironischerweise auch daran, dass wir die Brände in der Vergangenheit besonders gut eingedämmt haben. So konnte sich mit den Jahren vor allem in den dichten Wäldern besonders viel Brennmaterial aufbauen, also junge Bäume oder Totholz am Boden, was in Kombination mit großer Trockenheit und Hitze zu den extremen Waldbränden führt, die wir heute in vielen Teilen im Westen des Landes sehen. Das gilt aber vor allem für die Bergwälder im Osten Kaliforniens oder New Mexico, den Bundesstaat, wo ich wohne.

Sie sprechen es an: Der Klimawandel verändert die Bedingungen. Wie wirkt sich das im Westen der USA aus?

Es wird heißer und trockener. Seit 1980 hat sich Kalifornien im Schnitt um ein Grad Celsius erwärmt und die Niederschläge haben um rund 30 Prozent abgenommen, mit kürzeren Wintern und weniger Schnee - was dazu führt, dass die Vegetation schnell austrocknet und die Feuersaison fast das ganze Jahr über in Teilen des Bundesstaats andauert.

Was hat die derzeitigen Brände in Kalifornien ausgelöst?

In Kalifornien leben 40 Millionen Menschen. Und überall, wo so viele Menschen leben, ist die Gefahr für das versehentliche Entfachen von Feuer groß.

Was aber die derzeitigen massiven Brände ausgelöst hat, war eine Reihe an ungewöhnlich trockenen Gewitterstürmen mit über 12.000 Blitzeinschlägen in nur einer Woche. Das führte zu vielen kleinen Bränden, die sich schnell ausgebreitet und sich zu komplexen riesigen Feuern verbunden haben. Das ist sehr ungewöhnlich für das Küstensystem von Kalifornien, denn normalerweise unterdrückt die kühle Meeresströmung vom Pazifik den Aufbau von Konvektions-Gewitterwolken, die Blitze aussenden. Wir wissen noch nicht, ob das ein neues Symptom des Klimawandels ist.

Was hat Sie noch überrascht?

Normalerweise fachen die Herbstwinde – die Teufelswinde zum Beispiel – Brände in verschiedenen Teilen Kaliforniens an, zum Beispiel rund um San Francisco. Sie entstehen aufgrund der Temperaturdifferenz zwischen dem kühlen Ozean und den warmen Wüstengebieten im Landesinneren. Allerdings haben diese Winde noch gar nicht eingesetzt. Und trotzdem brennt es so rasant und auf so einer ausgedehnter Fläche.

Sie sagen, vor allem Büsche und Gräser brennen: Müssen wir uns um die Mammutbäume im Nationalpark Big Basin Redwoods wirklich keine Sorgen machen?

Craig D. Allen steht am Fuße eines Araukarienbaumes.
Der Feuerökologe Craig D. Allen vom Geologischen Dienst der USA in Los Alamos (New Mexico) ist Experte für Wechselwirkungen zwischen Klimawandel, Bränden und Waldsterben. (Foto: Craig D. Allen)

Die Rinde der Küstenmammutbäume ist so dick, dass sie die Bäume vor den Flammen schützt, und die Stämme sind so hoch, dass das Feuer normalerweise nicht bis zu den Kronen reicht. Selbst wenn die Bäume Schaden nehmen, können sie wieder neu austreiben. Diese majestätischen Bäume haben sich  in ihrer Evolutionsgeschichte zusammen mit dem Feuer entwickelt und sind dementsprechend widerstandsfähig.

Allerdings bedroht die Kombination aus zunehmender Trockenheit und Erwärmung inzwischen auch diese Mammutbaumwälder. Sie wachsen in einem Nebelgürtel entlang der Küste, der vom Pazifik versorgt wird. Der Nebel scheint aber abzunehmen und es wird trockener. Und das ist ein Problem für die Bäume.

Und was passiert mit den Büschen und Sträuchern, die derzeit vor allem brennen?

Diese Vegetation ist leicht entflammbar. Deswegen gehört es zur Natur, dass diese Büsche oder Sträucher abbrennen. Allerdings fand das früher alle 20 oder 30 Jahre statt. Wenn sie aber häufiger als alle zehn Jahre brennen, dann können sie gar nicht so alt werden, um sich wieder zu reproduzieren. Viele sterben ab. Und die Landschaft verwandelt sich in eine Graslandschaft.

Redaktioneller Hinweis: Der Beitrag wurde am 31. August 2020 aktualisiert.

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