"Die Rolle der Frauen wird immer noch unterbewertet"

In vielen Ländern haben Frauen nicht die gleichen Rechte wie Männer. Das schadet auch dem Klima, sagt die niederländische Agrarexpertin Joky François.


Frauen in Bangladesch beim Wasserholen
Frauen in Bangladesch beim Wasserholen. (Foto: Verena Kern)

Klimareporter°: Frau François, die Gleichstellung von Frauen und Mädchen in Entwicklungsländern bezeichnen Sie als "unterschätzte Klimalösung". Warum?

Joky François: Bis 2050 könnten allein im landwirtschaftlichen Bereich rund zwei Milliarden Tonnen CO2 eingespart werden, wenn Frauen gleichberechtigter wären. Das ist ein riesiges Potenzial.

Das müssen Sie uns näher erklären.

Zunächst einmal: Die Gleichstellung der Geschlechter ist ein Menschenrecht für alle. Darüber hinaus ist es erwiesen, dass die Produktivität steigt und die Armut sinkt, wenn Frauen der gleiche Zugang zu Macht und Ressourcen gewährt wird.

Geschlechtergleichstellung erreichen und alle Frauen und Mädchen zur Selbstbestimmung befähigen ist ja auch eines der 17 UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung.

Genau. Und wir wissen, dass geschulte und gut informierte Frauen produktivere landwirtschaftliche Parzellen haben. Das zeigen viele Daten. Sie verwalten ihr Land besser und sind eher dazu bereit, Innovationen wie Klimaanpassungsmaßnahmen anzunehmen und zu nutzen.

Wenn die Landwirtinnen ihre Erträge steigern, kommt das auch den Wäldern zugute. Sie bleiben eher erhalten, weil die Landwirtinnen ihre Flächen nicht auf nahe gelegene Wälder ausdehnen müssen, wenn ihr bestehendes Land produktiv ist.

Tatsache ist: Je mehr Macht Frauen hinzugewinnen, desto gesünder werden sowohl ihre Gemeinden als auch unser Klima sein. Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen könnten Landwirtinnen ihre Ernteerträge um 20 bis 30 Prozent steigern, wenn sie den gleichen Zugang zu denselben Ressourcen hätten wie ihre männlichen Kollegen – also Schulungen, Finanzierung und Eigentumsrechte. 

Joky François
Foto: privat

Joky François

Jocelijn François ist Agrar­wissenschaftlerin. Seit 2016 ist die Nieder­länderin bei der gemein­nützigen Organisation Rainforest Alliance für die Bereiche soziale Forst­wirtschaft und nachhaltige Landnutzung zuständig, mit Fokus auf der Gleich­stellung der Geschlechter und Stärkung von Frauen.

Wenn Frauen in der Lage sind, ihren eigenen Lohn zu verdienen, investieren sie in der Regel 90 Prozent dieses Verdienstes wieder in ihre Familien und Gemeinden.

Woran hakt es denn?

Frauen machen zwar fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Arbeitskräfte in Entwicklungsländern aus – doch in vielen Ländern können sie das Land, auf dem sie arbeiten, noch immer nicht besitzen.

Zudem haben sie oft keinen Zugang zu Krediten, Bildung und Entscheidungsmöglichkeiten. Neben der Arbeit auf ihren Höfen müssen die meisten Bäuerinnen die Kinderversorgung übernehmen und schwere Lasten in Form von Holz oder Wasser für den Haushalt tragen.

Männer und Frauen spielen beide eine wichtige Rolle in der Landwirtschaft, doch die der Frauen wird aufgrund gesellschaftlicher Normen oft unterbewertet.

Solche Normen zu ändern ist sehr schwer. Wo setzen Sie an?

Die Rainforest Alliance, für die ich tätig bin, arbeitet in mehr als 70 Ländern, in Afrika, Asien, Lateinamerika. Ein sehr wichtiger Hebel ist unser Zertifizierungsprogramm, mit dem wir Standards formulieren, um Wälder und Biodiversität zu erhalten, Maßnahmen zum Klimaschutz zu ergreifen und die Rechte der ländlichen Bevölkerung zu stärken. Das kann Landwirten – sowohl Frauen als auch Männern – helfen, bessere Ernten einzufahren, sich an den Klimawandel anzupassen, ihre Produktivität zu steigern und Kosten zu senken. Wir wollen, dass Menschen beides können: ihre Lebensverhältnisse verbessern und zugleich die Landschaften, in denen sie leben und arbeiten, schützen.

Inwiefern trägt das zur Gleichstellung der Geschlechter bei?

Mädchenbildung, Frauenrechte

Wissenschaftler haben 2018 eine Rangliste der wirksamsten Klimaschutzmaßnahmen aufgestellt. Das größte Potenzial hat danach eine Kombination von zwei Maßnahmen, die sonst nur selten mit Klimaschutz in Verbindung gebracht werden: Bildung für Mädchen und Zugang zu Verhütungsmitteln für die Familienplanung. Die Unesco schätzt, dass sich mit einer zusätzlichen Investition von nur 39 Milliarden US-Dollar pro Jahr sicherstellen lässt, dass alle Mädchen weltweit in die Schule gehen.

 

Dazu kommt die Familienplanung. 214 Millionen Frauen, die eine Schwangerschaft vermeiden wollen, haben keine modernen Verhütungsmittel, schätzt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Dieses Problem lässt sich den Wissenschaftlern zufolge mit 9,4 Milliarden Dollar pro Jahr lösen. Bis 2050 ließen sich mit der Kombination der beiden Maßnahmen CO2-Emissionen von knapp 120 Milliarden Tonnen verhindern, mehr als die globalen Emissionen der letzten drei Jahre. (mic)

Die Gleichstellung der Geschlechter ist Teil unseres aktuellen Zertifizierungsstandards. Wir geben Bauernhöfen und Landwirtschaftsbetrieben damit Wissen und neue Werkzeuge an die Hand, um geschlechtsspezifische Lücken und Probleme in ihrem Arbeitsalltag zu verstehen und nach und nach zu beheben. Zertifikatsinhaber – sowohl Kleinbauerngruppen als auch Großbetriebe – sind verpflichtet, eine Person oder ein Komitee zu ernennen, die sich auf die Förderung der Gleichstellung konzentrieren.

Wie sieht das konkret aus?

Die teilnehmenden Bauernhöfe und Hofgruppen müssen geschlechtsspezifische Defizite abbauen, indem sie Prioritäten setzen und Indikatoren festlegen, Abhilfemaßnahmen festlegen und den Fortschritt im Laufe der Zeit verfolgen. Wir organisieren außerdem sogenannte Farmer Field Schools. Das ist ein gruppenbasierter Lernprozess, an dem Frauen und Männer teilnehmen können. Oder auch die Ausbildung von Bäuerinnen zur Ausbildung anderer Bäuerinnen.

Die Person oder das Komitee zur Förderung der Gleichstellung geben zudem Unterstützung, wenn am Arbeitsplatz Fälle von geschlechtsspezifischer Diskriminierung, Gewalt oder Belästigung auftreten. Darüber hinaus arbeiten wir mit Gemeinden, lokalen Organisationen und Regierungen zusammen, um sowohl die Gleichstellung der Geschlechter als auch die Stärkung der Frauen vor Ort zu fördern und uns für eine geschlechtersensible Politik und entsprechende Programme einzusetzen.

An Ihrem Zertifizierungsprogramm gab es immer wieder auch Kritik. Wie stellen Sie sicher, dass die festgelegten Standards auch tatsächlich eingehalten werden?

Wir führen jährlich Audits durch Dritte durch und arbeiten dafür mit unabhängigen Zertifizierungsstellen zusammen. Dabei geht es um viel mehr, als nur zu prüfen, was am Tag des Audits auf einer Farm passiert. Wir wollen auch sicherstellen, dass die Nachhaltigkeitsanforderungen das ganze Jahr über eingehalten werden. Zusätzlich führen die Zertifizierungsstellen unangekündigte Audits auf einigen Farmen durch, insbesondere auf solchen, bei denen ein hohes Risiko der Nichteinhaltung des Standards besteht.

Außerdem haben wir ein neues Trainingsprogramm eingeführt, das die Inhaber von Farmen und Lieferketten-Zertifikaten bei der Umsetzung des neuen Standards unterstützt. Es basiert auf einer Kombination aus E-Kursen, Online-Sitzungen und persönlichen Treffen. Und wir haben kürzlich ein Netzwerk für Trainer eingerichtet, das aktuelle Zertifikatsinhaber und potenzielle neue Mitglieder bei der Umsetzung des neuen Zertifizierungsprogramms unterstützt.

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