Urbane Sturzfluten

Der Klimawandel lässt das Risiko verheerender Starkregen steigen, doch die Städte und Gemeinden sind darauf kaum vorbereitet, wie eine neue Studie zeigt. Wasserexperten und Wirtschaft fordern Kommunen zu besserer Vorsorge auf.


Ein Auto fährt durch eine überflutete Straße in Berlin.
Nach dem Starkregen: Örtliche Kanalsysteme können die Wassermassen mitunter kaum noch aufnehmen. (Foto: Susanne Schwarz)

Die Erderwärmung verstärkt nach Prognosen von Klimaforschern das Risiko von Starkregenereignissen. Extremniederschläge haben nach Daten aus Europa, den USA und Australien bereits messbar zugenommen, und da die Erwärmung voranschreitet, droht hier eine weitere Verschärfung. Außerdem verstärkt die weitere Versiegelung von Böden für Siedlungen und Straßen das Problem.

Doch kaum eine Stadt oder Gemeinde ist darauf wirklich vorbereitet, wie eine neue Untersuchung über "Urbane Sturzfluten" und deren Folgen zeigt. "Starkregen ist enorm gefährlich", sagt Studienautor Professor Wolfgang Günthert vom Institut für Wasserwesen der Münchner Universität der Bundeswehr. Es gebe nämlich keine tagelange Vorwarnzeit wie zum Beispiel beim Hochwasser von Flüssen. "Die Flut kommt quasi von oben – ohne Deich, ohne Schutz."

Ausgeblendete Gefahr Starkregen

Günthert warnt davor, dass die meisten Städte und Gemeinden die Gefahr bisher einfach ausblenden. Das sei fahrlässig, da wegen fehlender Vorsorge bundesweit Milliardenschäden und sogar der Verlust von Menschenleben drohten. Der Professor fordert die Kommunen daher dringend zu mehr Prävention auf. Bund und Länder sollten sie beim Schutz gegen den Starkregen zwar unterstützen, sie gleichzeitig aber auch in die Pflicht nehmen, sagte der Experte jetzt auf der Wasser- und Abwasser-Fachmesse IFAT in München. Weiter forderte Günthert ein bundesweites Frühwarnsystem.

Konkret sollten die Kommunen dazu verpflichtet werden, spezielle Gefahrenkarten zu erstellen, die für jede Straße und jedes Haus das jeweilige Überschwemmungsrisiko ausweisen – basierend unter anderem auf meteorologischen Daten, der Topografie, Größe und Lage der Grünflächen sowie der Kapazität der Kanalsysteme. Auf dieser Grundlage könne eine effektives Regenwassermanagement entwickelt werden, etwa durch bessere Speicherung und Ableitung der Fluten, die vom Himmel herabstürzen.

Bisher liegen laut Studie Konzepte zur Starkregenvorsorge in einzelnen Bundesländern vor, die jedoch "mehr informativen Charakter" hätten und für Kommunen und Hausbesitzer nicht verbindlich seien. Einige Länder wie Bayern und Baden-Württemberg stellen den Kommunen auch Fördermittel zur Starkregenvorsorge zur Verfügung.

Verschiebung der Regenmuster

Im vergangenen Jahr verursachten Naturereignisse wie Starkregen, Hagel und Stürme in Deutschland nach Daten des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zwar nur unterdurchschnittliche Schäden von zwei Milliarden Euro. Es seien in diesem Jahr hierzulande nur relativ wenige, regional begrenzte Unwetter niedergegangen, während zum Beispiel 2013, 2008 und 2002 Jahre mit sehr hohen Schäden gewesen seien.

Allerdings zeigt sich laut GDV eine Verschiebung im Regenmuster. Inzwischen seien regionale Unwetter mit sintflutartigen Regenfällen innerhalb kürzester Zeit nichts Ungewöhnliches mehr, sagte GDV-Präsident Wolfgang Weiler zu den neuen Daten. So waren an den letzten beiden Junitagen 2017 in Berlin und Brandenburg innerhalb von 24 Stunden mehr als 200 Liter Regen auf einen Quadratmeter gefallen – ein Viertel des deutschen Jahresdurchschnitts.

Ein ähnliches Drama hatte im Juli 2014 die Region um Münster in Westfalen erlebt, wo binnen sieben Stunden bis zu 292 Liter herabstürzten. Die Stadt war danach für Wochen im Ausnahmezustand.

Städte müssen "Schwämme" werden

Um die Folgen solcher Ereignisse abzumildern, empfiehlt auch das Umweltbundesamt (UBA) in Dessau eine "wassersensible" Stadtentwicklung – nach dem "Prinzip Schwammstadt". Der Begriff ist eine Übersetzung von "Sponge City", einer stadtplanerischen Idee aus China, die dort von der Regierung in Peking vorangetrieben wird. Das Konzept sieht vor, dass Flächen wie Höfe teilentsiegelt und Dächer begrünt werden, wodurch das Regenwasser zurückgehalten wird und gar nicht oder erst mit Verzögerung in der Kanalisation ankommt.

Außerdem sollen innerstädtische Flächen wie Straßen oder Plätze zeitweise als Wasserspeicher genutzt werden, zum Teil mit unterirdischen Becken. Ein solches Konzept hat Berlin aufgelegt. Forscher sagen voraus, dass es hier künftig statt elf Starkregentage pro Jahr 15 bis 17 geben könnte.

Wasserwissenschaftler Günthert zufolge könnten auch Hausbesitzer von einer flächendeckend aufgelegten Starkregen-Risikokarte profitieren, weil damit eine bessere Vorsorge für die jeweiligen Gebäude möglich ist. "Es kommt darauf an, gezielt Schwachstellen am Haus zu ermitteln, um diese umzubauen", sagte er. Es gebe geschützte Bauvarianten für Kellereingänge, Lichtschächte und Tiefgarageneinfahrten. Außerdem hätten die Hauseigentümer es in der Hand, zur Entschärfung der Fluten vom Himmel beizutragen – neben der Dachbegrünung etwa auch durch Regenbassins und oberirdische Sammelflächen.

Der Bundesverband Deutscher Baustoffhandel (BDB), dessen Initiative "Verantwortung Wasser und Umwelt" die Günthert-Studie in Auftrag gegeben hat, sprach sich auf der IFAT dafür aus, Hauseigentümer stärker beim Schutz gegen Starkregen zu unterstützen. Der Staat müsse hierfür beim Neu- und Umbau Anreize schaffen, sagte BDB-Hauptgeschäftsführer Michael Hölker. Infrage komme neben steuerlichen Anreizen ein neues Programm bei der staatlichen KfW-Bank mit Zuschüssen oder zinsverbilligten Krediten. Alles sei unter dem Strich günstiger als der volkswirtschaftliche Schaden durch Überschwemmungen.