Auf der schiefen Bahn

Gefährliches Gleisgefälle, mangelnder Brandschutz und eine negative Klimabilanz: Die Kritiker des Mega-Schienenprojekts Stuttgart 21 lassen auch zehn Jahre nach dem Baubeginn in ihrem Protest nicht nach. Auf ihrer heutigen 500. Montagsdemonstration wird noch einmal deutlich werden, wie berechtigt die Kritik war.


Die Baugrube für Stuttgart 21 mit einigen Gleistunneln, zwei Bagger bewegen Erdreich.
In der zehn Meter tiefen Grube für "Stuttgart 21" sind die künftigen Tiefbahnsteige schon zu erkennen. (Foto: Giftzwerg/​Wikimedia Commons)

Es ist ein rekordverdächtiges "Jubiläum": In Stuttgart treffen sich heute Abend die Gegnerinnen und Gegner des neuen Tiefbahnhofs zu ihrer 500. Montagsdemonstration – fast auf den Tag genau zehn Jahre nach dem 2. Februar 2010, an dem der Bau des Projekts Stuttgart 21 begann.

Jubelstimmung wird sicher nicht aufkommen, wenn sich die erwarteten 3.000 Demonstrantinnen und Demonstranten auch an diesem Montagabend unweit der riesigen Baugrube versammeln. Zu weit ist der Bau fortgeschritten, zu gering sind die Chancen, bei Bahn und Politik doch noch Gehör zu finden mit der Forderung nach einem "Umstieg 21".

Gerade hat Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) verkündet, der Konflikt um den Tiefbahnhof sei bereits seit der Volksabstimmung über das Projekt vor mehr als acht Jahren "befriedet". Ende November 2011 hatte sich eine Mehrheit von fast 60 Prozent gegen einen Ausstieg des Landes aus der Finanzierung ausgesprochen. Zuvor hatte bereits der Stadtrat ein Bürgerbegehren gegen Stuttgart 21 abgelehnt.

Allerdings verweist die Protestbewegung bis heute darauf, dass die Wahlberechtigten seinerzeit über die Risiken "massiv getäuscht" worden seien. Tatsächlich sind die Kosten inzwischen stetig gestiegen: selbst nach offizieller Schätzung von ursprünglich 4,2 Milliarden auf jetzt 8,2 Milliarden Euro. Viele Experten gehen inzwischen von einem zweistelligen Milliardenbetrag aus, der Bundesrechnungshof rechnet mit ungefähr elf Milliarden.

Sehr vieles spricht gegen das Projekt

Das ist keineswegs das einzige Argument der Protestbewegung. Schon seit Längerem verweist sie auf aus ihrer Sicht mangelhaften Brandschutz (ein Thema, das auch beim Pannenprojekt Großflughafen Berlin eine zentrale Rolle spielt), auf das starke Gefälle im künftigen Bahnhof sowie auf die geringe Kapazität des Untergrund-Bauwerks mit seinen acht Gleisen – der bestehende Kopfbahnhof, der abgerissen werden soll, hat 16 Gleise.

Auch im Aufruf zur 500. Demonstration an diesem Montag wird darauf hingewiesen, dass der von Bundesregierung und Bahn geplante "Deutschlandtakt", der Deutschlands wichtigste Städte einmal im 30-Minuten-Rhythmus inklusive Umsteigemöglichkeiten verbinden soll, entgegen den Vorhersagen der Bauherren mit acht Gleisen nicht durchführbar sein werde.

Schon während eines Schlichtungsverfahrens im Jahr 2011 zwischen Politik, Bahn und Gegnern hatten Kritiker gewarnt, dass acht Gleise das Zugaufkommen nicht bewältigen könnten. Auch Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) hat schon Zweifel erkennen lassen. Weitergebaut wird trotzdem.

Allein im Baumaterial steckt enorm viel CO2

Die Gegner haben inzwischen ein weiteres Argument: die Klimaschädlichkeit des Projekts. Ein Gutachten im Auftrag der Protestbewegung hat ergeben, dass allein für das Baumaterial 1,7 Millionen Tonnen Kohlendioxid freigesetzt würden. Das sei "etwa so viel, wie ganz Stuttgart in einem Jahr verheizt", heißt es im Aufruf zur 500. Montagsdemo. Damit widersprechen die Kritiker der Behauptung der Deutschen Bahn, der Neubau werde zur CO2-Einsparung beitragen.

Der lange Atem der Protestbewegung ist allerdings nicht allein mit der Ablehnung des Projekts zu erklären, zu dem auch die Neubaustrecke Ulm–Wendlingen mit zahlreichen Tunneln gehört. Die Beteiligten haben vielmehr seit dem Baubeginn vor zehn Jahren zunehmend versucht, für realisierbare Alternativen zu werben – obwohl der Baufortschritt inzwischen Tatsachen geschaffen hat, von der Beschädigung des Schlossgartens bis hin zu der betonierten Grube, die man wohl kaum zurückbauen könnte.

Das Motto "Umstieg 21" steht für ein Konzept, das die Bürgerbewegung mit Expertinnen und Experten für Planung, Technik, Städtebau und Architektur entwickelt hat. Es sieht unter anderem den Erhalt des Kopfbahnhofs und die Umwidmung der fertigen Tiefbauten in Flächen für Auto- und Fahrradparkplätze, einen Busbahnhof sowie andere alternative Nutzungen vor.

Stephan Hebel

ist Buchautor und Leitartikler bei der Frankfurter Rundschau, für die er seit 1986 schreibt. Er diskutiert regelmäßig im Presseclub der ARD und ist ständiges Mitglied in der Jury für das Unwort des Jahres.

Unter anderem "ließen sich mit einem schnellen Baustopp und dem Alternativkonzept Umstieg 21 noch satte 800.000 Tonnen CO2 allein für Baumaterial einsparen", heißt es in dem Aufruf der Bahnhofsgegner.

Dagegen erwarten sie, dass "die S21-Klimabilanz durch die langen Tunnelstrecken und durch die ungünstige Streckenführung noch desaströser" wird. "Dadurch verdoppeln sich etwa der Energiebedarf und damit die CO2-Emissionen für eine Bahnfahrt von Stuttgart nach Ulm und zurück."

Allerdings könnte auch für den Umstieg die Zeit irgendwann abgelaufen sein. In der zehn Meter tiefen Grube sind Bahnsteige und Gleisbetten schon zu erkennen, und 2025 (statt wie ursprünglich geplant 2021) soll der Tiefbahnhof in Betrieb gehen.

Der Beitrag erschien zuerst in der Frankfurter Rundschau.

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