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Klimaprotest unter erschwerten Bedingungen

Politiker in Regierungsparteien, die den Klimawandel leugnen, und Hass im Internet – in der Slowakei stoßen die Schüler von Fridays for Future auf jede Menge Gegenwind. Trotzdem soll der Klimawandel bei der Parlamentswahl im kommenden Februar ein wichtiges Thema werden.


Fridays for Future Aktivisten in Bratislava
Klimaprotest auf dem Platz der Freiheit in Bratislava. (Foto: Sandra Kirchner)

Oliver ist gerade mal anderthalb Jahre alt, aber schon zum fünften Mal auf einem Klimastreik. Seine Mutter Dorota Osvaldová engagiert sich bei den Znepokojené matky, den besorgten Müttern. Die knapp 20 Frauen der Gruppe wollen die Untätigkeit der slowakischen Politiker bei dem sich verschärfenden Klimawandel nicht länger hinnehmen und haben am Muttertag im Mai einen Protestmarsch in der Hauptstadt Bratislava organisiert.

Gestern sprach Osvaldová beim Klimastreik von Fridays for Future auf dem Platz der Freiheit in Bratislava. "Ich sollte nicht hier sein, ich sollte mit meinem Sohn zu Hause sein", sagt sie. Und auch die anwesenden Schülerinnen und Schüler sollten das tun, was in dem Alter üblich sei – die erste Liebe erleben, feiern oder darüber nachdenken, was nach der Schule kommen wird.

"Um was es hier geht, ist eigentlich Sache der Politiker", meint Osvaldová. Als die junge Mutter meint, die Politiker kümmerten sich aber nur um Nichtigkeiten wie den höchsten Flaggenmast, erntet sie Gelächter und Zustimmung der Schüler.

Auch Juliane Gerbel, die den Klimastreik in Bratislava mitorganisiert hat, stellt den slowakischen Politikern kein gutes Zeugnis aus. "Die Slowakei hält es noch immer nicht für notwendig, gegen den Klimawandel zu kämpfen", sagt Gerbel. "Wir wollen den Politikern zeigen, dass es uns nicht egal ist, was mit unserer Zukunft passiert."

Doch bei denen stoßen die Streikenden auf taube Ohren – oder auf Gegenwind. "Wir sollen zur Schule gehen, sagen die Politiker", erzählt die 18-jährige Schülerin. Selbst in den Regierungsparteien würden viele Politiker den Klimawandel leugnen. "Dass wir uns in einer Klimakrise befinden, ignorieren sie einfach." Auch im Internet schlage den jungen Aktivisten eine Menge Hass entgegen. 

Zwar hat Ministerpräsident Peter Pellegrini in den sozialen Medien ein Video geteilt, in denen er Fridays for Future seine Unterstützung ausdrückt, aber für Gerbel sind das nur leere Worte. In seiner Politik sei der Kampf gegen die zunehmende Erhitzung des Planeten kein Thema.

Wenige sind gekommen

Zwölf Forderungen haben die Mitglieder von Fridays for Future erarbeitet – mit der Unterstützung von Umweltschützern und Klimaexperten. Bis 2040 soll die Slowakei nach dem Willen der Aktivisten klimaneutral sein. Außerdem soll das Land – wie vor wenigen Tagen die EU – den Klimanotstand ausrufen. Entsprechende Anträge im slowakischen Parlament wurden bislang immer abgelehnt.

Die Energieversorgung soll dezentral organisiert werden und keinen CO2-Ausstoß verursachen. Auch der Verkehr soll dekarbonisiert, die Industrie umgebaut und die Landwirtschaft ökologischer werden. Die Trinkwasserreserven sollen besser geschützt werden. Auf zehn Prozent der Landesfläche soll die Natur sich selbst überlassen bleiben. Der Anteil an Wäldern ist mit rund 40 Prozent noch höher als in Deutschland, aber selbst in geschützten Gebieten wird immer wieder Holz geschlagen.

Weitere Forderungen der Schüler sind Klimagerechtigkeit und dass der Klimawandel stärker im Unterricht thematisiert werden soll.  

Nur wenige hundert Schülerinnen und Schüler haben sich auf den Platz der Freiheit versammelt. Gerbel ist dennoch zufrieden. "Wir haben nicht viel Aufwand betrieben", sagt die Gymnasiastin. "Wir konzentrieren uns auf die bevorstehende Wahl im Februar nächsten Jahres." Dann soll der Klimawandel eine größere Rolle spielen.

Ihren bislang größten Erfolg konnten die Klimaaktivisten im vergangenen September verbuchen. In der Slowakei gingen etwa 6.000 für mehr Ehrgeiz in der Klimapolitik auf die Straße, davon rund 4.000 in Bratislava.

Friday for Future Protest in Bratislava
Juliane Gerbel von Fridays for Future Slovensko hat die Demo mitorganisiert. (Foto: Sandra Kirchner)

Auch Staatspräsidentin Zuzana Čaputová hat sich schon mit den Schülern getroffen. Die Juristin kämpfte mehrere Jahre gegen eine illegale Mülldeponie in ihrer Heimatstadt Pezinok und focht den Rechtsstreit durch alle Instanzen bis zum Europäischen Gerichtshof aus. Umweltschutz ist ihr eine Herzensangelegenheit.

"Čaputová hat gesagt, dass die Klimakrise Priorität für sie hat", sagt Gerbel. Das Problem sei aber, dass die Präsidentin in der Slowakei nur wenig Macht habe.

Unterstützung erhalten die jungen Klimaaktivisten auch von erprobten Protestlern. Die Filmproduzentin Zuzana Mistríková gilt als eines der Gesichter der Samtenen Revolution. "Auch 1989 sind die Studenten auf die Straße gegangen, weil sie mit der Regierung unzufrieden waren", ermutigt Mistríková die Schüler.

Mut und einen langen Atem werden die Aktivisten brauchen, wenn sie die Politik in der Slowakei zu mehr Klimaschutz bewegen wollen.

Redaktioneller Hinweis: Der Artikel wurde durch ein Stipendium der Internationalen Journalisten-Programme ermöglicht.

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